Was war da los? Aus der Aphasie-Station drang, gerade als die Rede des Präsidenten übertragen wurde, lautes Gelächter, und dabei waren doch alle so gespannt darauf gewesen ...
Da war er also, der Chareur, der Schauspieler mit seiner routinierten Rhetorik, seiner Effekthascherei, seinen Appellen an die Emotionen – und alle Patienten wurden von Lachkrämpfen geschüttelt. Nein, nicht alle: Einige sahen verwirrt aus, andere wirkten erregt, zwei oder drei machten einen besorgten Eindruck, aber die meisten amüsierten sich großartig. Die Worte des Präsidenten waren eindringlich wie immer, aber bei den Patienten riefen sie offenbar hauptsächlich Heiterkeit hervor. Was mochte in ihnen vorgehen? Verstanden sie ihn nicht? Oder verstanden sie ihn vielleicht zu gut?
Es hieß oft, diese Patienten, die zwar intelligent waren, aber an schwerer sensorischer oder totaler Aphasie litten und daher nicht im Stande waren, die Bedeutung von Worten als solchen zu begreifen, verstünden dennoch das meiste von dem, was man zu ihnen sagte.(...) Wie es dazu kam, war klar: Wenn man natürlich mit ihnen sprach, erfaßten sie die Bedeutung des Ganzen mehr oder weniger vollständig. Und natürlich spricht man immer "natürlich". (...) Folglich waren es die Mimik, die schauspielerische Übertreibungen, die aufgesetzten Gesten und vor allem der falsche Tonfall, die falsche Satzmelodie des Redners, die diesen sprachlosen, aber ungeheuer sensiblen Patienten heuchlerisch erschien. (Zit. "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" von Oliver Sacks 1985; rororo Sachbuch)



