Einmischen, aufmischen, aufzeigen - sofort! Alle wollen, dass die Kunst wieder politisch wird, dass sie etwas zu sagen hat zum miesen Zustand unserer Welt. Nun versucht Berlin gerade genau das mit der Biennale - und scheitert dabei auf himmelschreiend peinliche Weise.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...830230,00.html
Ach wissen Sie, in Deutschland veröffentlichen die Medien dankbar Aufsätze, die die Iraner nicht nur als Menschen zweiter Klasse, sondern auch noch als etwas ganz anderes denunzieren. Besonders apart daran ist, dass die Feststellung gleich mitgeliefert wird, dass diejenigen LeserInnen, die nicht folgen könnten oder wollten, dann eben Pappnasen seien. Diese Art journalistischer Höchstleistung wird in Deutschland mit einem Sendeplatz im öffentlich - rechtlichen Fernsehen für Sendungen wie "Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" belohnt, ein wahrer Kunstgenuss. Fast wie die Unaussprechliche, wenn sie für die BLÖD - Zeitung nach Kräften an der Kachelmann - Denunziation mitwirkt, natürlich nicht, ohne irgendwann zuvor den Börne - Preis erhalten zu haben. Deutschland scheint mehr und mehr zu einem Gesamtkunstwerk im Stile Arno Brekers zu werden.Zitat von Shitstorm für den Holocaust:
Grübel, grübel - in welchem Jahrhundert hat sich bildende Kunst mit Politik beschäftigt und welche Kunstliebhaber mit dem Prädikat "Alle" haben sich eine politische Ausrichtung in der bildenden Kunst gewünscht. Ach ja, das letzte Jahrhundert gab der Kunst zwischenzeitlich einen politischen Anstrich, ausgelöst von einem verhängnisvollen Diktator, der sich zu Beginn seiner Laufbahn als Kleinkünstler betätigt hatte und daraus Kunstverstand ableitete, was heroische Monsterdarstellungen hervorbrachte und zum Verbot der eigentlich unpolitischen und großen Kunstrichtung, wie dem Expressionismus, führte.
Weder die Hellenen noch große Künstler der Renaissance, des Barocks oder des Impressionismus ließen sich zu politischen Themen hinreißen, sie waren allenfalls zur Darstellung von religiösen Themen, Kriegshandlungen oder "Helden"-Statuen bei entsprechender Auftragslage bereit. Gegen Politik und deren Protagonisten zeigten sie ein überaus zurückhaltendes Wesen, was der bildenden Kunst tatsächlich eine nahezu zeitlose Bewunderung verschafft hat.
Die eminent politische Wirkung der Kunst besteht darin, sich an keiner Stelle in Politik einzubringen beziehungsweise sich dieser radikal zu verweigern. Es ist schlicht der Affront ihrer Schönheit und ihres Schreckens, der sehr deutlich sagt: so nicht.
Je abgewandter sich Kunst also äußert, desto höher ist ihre politische Wirkung. Nur das Theater hat dies nie so recht begreifen wollen. Als hätte es Materlinck nie gegeben.
Nun ja. Vielleicht wäre es ja ein politischer Akt, diesen ganzen Schrott von der Müllabfuhr abholen zu lassen. In Gestalt alternder Arztgattinnen.
Sehr geehrter Herr Diez,
die Berlin Biennale als gescheitert zu erklären ist - mit Verlaub - unerträglich arrogant. Es ist auf derart absolute Weise polemisch, dass ich Ihre Kolumne als Grund ansehe, mich hier zu registrieren und sie zu kommentieren.
Es ist nicht die Pflicht der Kunst, sich irgendeiner Form von politischer Korrektheit zu unterwerfen; wenn Kunst sich politisiert, hat sie jedes Recht diese Korrektheit zu zitieren, zu konterkarieren, oder wie Sie es nennen, mit abgeklärtem Zynismus zu reflektieren.
Artur Zmijewskis Ausstellungskonzept scheint Ihnen schwer erträglich zu sein, dann wäre es vielleicht angebracht, nach den Gründen dafür zu forschen, und die Frage zu stellen, ob nicht exakt in dieser emotionalen Reaktion, die zu Auseinandersetzung führt, der Gewinn dieser Biennale liegt. In Zeiten, in denen auf der einen Seite Länder wie Norwegen die Größe besitzen, einen Massenmörder wie Anders Breivik gelassen und sachlich zu widerlegen, und in denen auf der anderen Seite Länder wie Israel, Iran, Pakistan, Indien, Nordkorea und Syrien auf verschiedenen Ebenen der Hysterie mit gegenseitigen Auslöschungen drohen, muss Kunst nicht fröhlich, optimistisch, konstruktiv sein. Sie muss garnichts, sie sollte alles dürfen, zuvorderst provozieren, und genau das vollzieht keine Sparte besser als die etablierte Politik.
Mit freundlichen Grüßen
Marian Wild
Zitat: „Im Grunde haben die Kuratoren der Berlin Biennale genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten: Sie haben den Begriff des Politischen verramscht, sie haben den Langweilern, die immer von der Autonomie der Kunst erzählen, bewiesen, wie schlecht Kunst wird, wenn sie sich einmischt, sie haben die Schönheit und die Größe der weltweiten Proteste klein und niedlich gemacht. Und sie haben, aber damit passen sie sehr gut in diese Zeit, Israel zum bequemen Problem der bequem Politischen gemacht.“
Das nennt man „aus der Mücke einen Elefanten machen.“ Wen interessiert schon, was die Kuratoren eines Filmfestivals mit dem Politikbegriff als solchen oder nicht solchen anstellen, vielleicht einige problemverliebte Intellektuelle, ein Schein-Eklat. Die Mauer ist weg, Berlins Rolle als polarisierendes Symbol zweier gegensätzlicher Welten auch, und so ordnet sich auch der Stellenwert der Berlin Biennale unter ferner liefen ein. Wenn „Chef-Kurator“ (oh Gott!) Artur Zmijewski, ein Pole, nackte Menschen in einer Gaskammer herumhüpfen lässt, dann kann er mit diesem deplazierten Schwachsinn vielleicht die Toleranz seiner Landsleute austesten, doch ansonsten kann er außer betretenem Kopfschütteln nichts erwarten. Ähnlich die Birken für Berlin, die eine Lebensdauer von 150 Jahren haben – das reicht knapp für das Vergessen des Holocaust, aber sie übersteigt die Vergesslichkeit der Berliner um ein Vielfaches.
Die Kunst lebt nicht von ihrer Organisation, sie lebt von ihren Werken. Da wird nicht selten einiges durcheinandergebracht. Ein einzelner Künstler kann durchaus einen politischen Anspruch formulieren, das ist allein seine Sache, aber Kunstorganisatoren sollten sehr vorsichtig damit sein, einen Event zu politisieren oder, wie in Berlin, unter ein düsteres historisches Motto zu stellen. Die Hauptgefahr liegt darin, die beteiligten Künstler zu desavouieren – das ist nicht Sinn der Sache. Und mit Verlaub: Auf dem entsetzlichen Holocaust sollte man nicht ständig herumreiten, er stellt kein allfälliges Vehikel für Grausamkeitskribbeln dar, schon gar nicht darf er als Platzhalter für vermeintlich künstlerische Profilierungsambitionen missbraucht werden, soetwas widert mich an. Günter Grass, Isreal, Antisemitismus – mach‘ mal Pause, Deutschland.
Nur gut, dass wenigstens der Kritiker immer ins Schwarze trifft, wenn er auf die Realität zielt. Der zudem eine klare, der Objektivität verpflichtete Vorstellung davon hat, was denn nun als politische Kunst gelten darf und was nicht - ja, wie solche Kunst überhaupt daherkommen müsste.
Könnte es sein, dass unser Kritiker den Mund etwas voll nimmt, wenn er die Biennale dergestalt schlecht redet? Dass Zynismus, Relativierung und seicht-reaktionäre Symbolk vor allem seiner selektiven, subjektiven Sichtweise geschuldet sind?
Eins steht jedenfalls fest: Kunst kann nur im freien Schaffen gedeihen. Ob und wie ein Künstler Kritik und Politik in seinem Schaffen umsetzt, sollte ausschließlich seine Sache sein. Zudem hat er die Möglichkeit, sich ziemlich direkt ins politische Geschehen einzumischen und Kritik zu üben, so wie es Günter Grass kürzlich getan hat.
Eine Gesellschaft mit freiheitlichem Anspruch sollte ihre Künstler einfach machen lassen, was sie für richtig halten, selbst wenn sie damit ins Fettnäpfchen treten und viele die Nase rümpfen!
Der Berliner Künstler Wolfgang Müller verbindet die unterirdische Qualität dieser "Politkunst" mit der Frage: Wer beruft diese Macho-Erlöserkuratoren eigentlich? Und er zeigt in drei Artikeln, wie unterkomplex und dumm diese Kunst ist. http://berlinergazette.de/artur-zmijewski-npd/
Nein, Zvi Mazel hat das "Kunstwerk" nicht zerstört, weil es ihm "nicht ins politische Bild passte". Sondern, weil es eine Selbstmordattentäterin verherrlichte, die zuvor 21 Menschen in Israel ermordet, darunter vier kleine Kinder, und 51 zum Teil schwer verletzt hatte -- und das ausgerechnet vor dem Restaurant Maxim, das arabischen und jüdischen Israelis gemeinsam gehört und als Symbol der Koexistenz gilt. Es ist mir wirklich schleierhaft, was Sie daran "diskret gesagt" als "ein bisschen befremdlich" empfinden. Ich finde es sehr viel erschreckender, dass 2004 mitten im aufgeklärten Europa eine Art "Kunst" ausgestellt werden konnte, die eine solche Barbarei verherrlicht.