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Piratenprozess in Hamburg: Die Verschreckten der Meere

In Hamburg hat der Piratenprozess gegen zehn Somalier begonnen. Die Verteidiger versuchen, Verständnis für die Lebensumstände der Männer zu wecken: Ihr Land*ist kaputt, das Meer überfischt, Hunderttausende hungern. Und sind die ängstlich wirkenden Angeklagten überhaupt strafmündig?

http://www.spiegel.de/panorama/justi...730480,00.html
  1. #50

    Ou Mann.

    Zitat von wdiwdi Beitrag anzeigen
    Bei diesen Piraten wurden nicht nur automatische Gewehre, sondern auch Panzerfaeuste sichergestellt.

    Das ist auch in Laendern, bei der eine Kalashikov die Zierde eines ach-so-harmlosen Fischers oder maennlichen Mannes allgemein ist, doch eher die Ausruestung von erfahrenen Profikriminellen mit finanzkraeftigen Sponsoren im Hintergrund.
    Das ist in einem Land, in dem ein Bürgerkrieg tobt, die Ausrüstung eines jeden Irren, der nicht von noch Irreren erschossen werden will - beim Wasserholen, beim Fischen...
  2. #51

    Kontakt mit der anderen Seite

    Zitat von cheknuf Beitrag anzeigen
    Der Sinn einer jeden Verurteilung beinhaltet wohl mindestens:
    Der Angeklagte versteht
    1. was ihm zur Last gelegt wird
    2. warum die Tat "verwerflich".......
    Der mit Abstand sinnvollste Beitrag hier, volle Zustimmung! Vielleicht mit einer Ausnahme: Ob ein deutscher Knastaufenthalt für die Betreffenden wirklich so erstrebenswert ist, weiß ich nicht. Regelmäßige Mahlzeiten und medizinische Versorgung sind das eine, Unfreiheit und fremde bis feindliche Umgebung das andere. Man müsste sie schon direkt fragen, bevor man sich so ein Urteil erlauben kann.

    Zitat von archie Beitrag anzeigen
    Nun, ich habe noch nie ein Schiff mit der Panzerfaust gekapert und die Besatzung als Geiseln genommen und mit Tod bedroht für den Fall, dass ich keine Million vom Reeder bekomme. Ich habe in 60 Jahren nicht eine einzige Straftat begangen, noch nicht mal ein Verkehrsverstoß.
    Sie edler, rechtschaffener Bürger hatten das vielleicht auch noch nie nötig? Vielleicht hätte ich unter somalischen Bedingungen wenig Skrupel, Schiffe zu kapern und Geiseln zu nehmen, keine Ahnung.

    Zitat von mooringman Beitrag anzeigen
    Am Leid Somalias hat das somalische Volk selber Schuld.
    Da sieht man wieder mal, dass es "das somalische Volk" so nicht gibt. Ihre Lebensumstände haben sich die jungen Männer jedenfalls nicht selbst ausgesucht und geschaffen.

    Zitat von Phino Beitrag anzeigen
    Menschen, die nicht sonderlich viel zu verlieren haben, tun solche Dinge. Wir finden das nicht gut. Und weil wir stärker sind können wir etwas dagegen unternehmen. Das ist in Ordnung, nur sollten wir vielleicht nicht die Leute anschauen und denken: „Meine Güte sind die gemein.“ sondern eher so was wie: „Na, hab ich ein Glück, dass ich nicht an deren Stelle bin.“
    Sehr gut!

    (Bis auf "das ist in Ordnung" - ist es nämlich nicht. Also nicht, dass etwas gegen Piraterie unternommen wird, sondern dass es Menschen gibt, die nicht viel zu verlieren haben.)

    Aber ganz ohne Moralismus kommen viele dabei nicht aus. Man schaut hier mit einer Mischung aus Hass und Verachtung auf die Piraten herab, wie Bürgertum und Adel im 18./19. Jh. auf Diebe, Landstreicher und ähnlich zwielichtige Gestalten, die in einer anderen Welt mit anderen Lebensumständen und dementsprechend anderer Moral lebten. Heute ist die "andere Welt" nur räumlich viel weiter weg.
  3. #52

    .

    Zitat von Earendil77 Beitrag anzeigen
    Da sieht man wieder mal, dass es "das somalische Volk" so nicht gibt. Ihre Lebensumstände haben sich die jungen Männer jedenfalls nicht selbst ausgesucht und geschaffen.
    Es gibt schon ein Volk von Somalis, das durch Sprache und Clankultur geeint und von anderen Gruppen differenziert ist. Allerdings ist das Clansystem auch ein Kern des Problems. Es wirkt stärker als jedes andere Band, und verhindert den Aufbau eines modernen Staates.
    Aber ganz ohne Moralismus kommen viele dabei nicht aus. Man schaut hier mit einer Mischung aus Hass und Verachtung auf die Piraten herab, wie Bürgertum und Adel im 18./19. Jh. auf Diebe, Landstreicher und ähnlich zwielichtige Gestalten, die in einer anderen Welt mit anderen Lebensumständen und dementsprechend anderer Moral lebten. Heute ist die "andere Welt" nur räumlich viel weiter weg.
    Wie würden wir denn über die unsere Schiffe enternden Piraten urteilen, wenn wir nicht aus einer anderen Welt kämen, sondern wenn wir die Nachbarn der Somalis wären, denen es nicht viel besser geht, die aber immerhin noch ein einigermaßen funktionierendes Staats- und Justizsystem haben? Auch dort würden wir hart über diese Piraten urteilen, vermutlich viel härter als wir das in der deutschen Justiz machen werden. Dass wir aus einer anderen Welt kommen verbietet also keineswegs, nach unseren Regeln über die Piraten zu urteilen.
  4. #53

    aber aber

    Zitat von mooringman Beitrag anzeigen
    Am Leid Somalias hat das somalische Volk selber Schuld.
    Ich bin anderer Meinung.
    Die Europäischen Staaten sind im Lauf von Jahrhunderten gewachsen. In den meisten Fällen, auf dem Dünger von diesem oder jenem Krieg. Viele afrikanischen Staaten, so auch Somalia, sind das nicht. Europäer malten Striche in die Landschaft. In so einem Staat mag der Zusammenhalt funktionieren wenn die Wirtschaft brummt und es jedem gut geht. Ist das nicht der Fall, dann bringt man sich gegenseitig um.
    Das war bei uns nicht anders und ist es auch heute nicht. Man betrachte einfach mal Irland oder Spanien oder auch Belgien. Diesen Staaten geht es ziemlich gut. (naja ... zumindest im Vergleich zu Somalia ;-)) und dennoch haben, bzw. hatten wir bis vor kurzem, in Spanien die ETA, in Irland die IRA, in Belgien können sich Flämen und Wallonisier (oh je schreibt man die so?) nicht leiden.
    ... und was wir Franken von den Bayern halten, möchte ich gar nicht näher erläutern. ;-)

    Wenn es allgemeinen Wohlstand gibt, kommt man miteinander gut aus. Fällt dieser Wohlstand weg, sucht man jemanden der daran Schuld haben könnte. Und schon haut man sich gegenseitig euphorisch auf die Köpfe.

    Das ist sicherlich sehr einfach gezeichnet und natürlich möchte ich damit Somalia nicht von jeder Verantwortung los sagen. Die Aussage: „Am Leid Somalias hat das somalische Volk selber Schuld.“ ist allerdings, meiner Meinung nach, falsch.
  5. #54

    Lösung?

    Wenn hier beklagt wird, dass es den Piraten in deutschen Gefängnissen besser geht als daheim in Somalia, dann könnte man ja in einem afrikanischen Staat ein landestypisches Gefängnis auf einem Botschaftsgelände einrichten und den Piraten dort den Prozess machen und die hinterher (bei Verurteilung) dort auch unterbringen.

    Vielleicht wäre so etwas auch eine europäische Lösung, denn zur EU gehören auch einige Gebiete in Übersee.
  6. #55

    Aufhängen oder Heimschicken

    Zitat von Loewe_78 Beitrag anzeigen
    Auch hier gilt: Von allen Menschen, die an irgendwas aufgehängt werden, tun mir Menschen wie Sie am wenigsten Leid. Egal, wer das macht. Egal, warum er das macht.
    In meinem Beitrag versuchte ich klarzumachen, dass dies eine überaus schwierige Lage für die Justiz darstellt. Ich befürworte keineswegs einen Rückkehr in das Menschenbild vom 17. Jahrhundert, und somit auch kein Aufhängen am - heute nicht mehr existenten - Rahnocken. Ein Heimschicken der Piraten wäre wohl besser als Einkerkerung in Europa, denn das wäre für die Betroffenen quasi ein Lottogewinn.

    Wenn es nur um die Abschaffung der Piraterie ginge, wäre wohl am Wirksamsten das Mitführen von entsprechend bewaffneten Marinesoldaten auf alle Schiffe die in piratenverseuchte Gewässer segeln, sowie rege Patrouillentätigkeit. Sehr teuer, natürlich, aber wurde schon von den Römern im Mittelmeer praktiziert.
  7. #56

    Im Klartext

    Zitat von Phino Beitrag anzeigen

    Wenn es allgemeinen Wohlstand gibt, kommt man miteinander gut aus. Fällt dieser Wohlstand weg, sucht man jemanden der daran Schuld haben könnte. Und schon haut man sich gegenseitig euphorisch auf die Köpfe.
    ....heisst das wohl Bürgerkrieg.Mit dieser Erkenntnis mögen Sie wohl Recht haben.Nachdenklich macht auch, das der Reichtum vieler Industrienationen auf Unterdrückung und Ausbeutung von sogenannten Dritte- Welts-Staaten beruht.
    Nicht desto Trotz hat sich auch in diesen Staaten in der Regel immer eine Hierachie nach europäischem Muster ohne moralische Bedenken aufgebaut.Viele afrikanische Botschafter
    führen in den jeweiligen Gastländern ein sattes Leben während in der Heimat kräftig gehungert wird.Das ist so und wird immer so bleiben.Die fahren mit Luxuslimosinen bei Spendengalas an ohne dabei rot zu werden.---MfG!
  8. #57

    Eine Piratenpizza bitte - aber ohne Kapern.

    Zitat von Christer Nykopp Beitrag anzeigen
    Wenn es nur um die Abschaffung der Piraterie ginge, wäre wohl am Wirksamsten das Mitführen von entsprechend bewaffneten Marinesoldaten auf alle Schiffe die in piratenverseuchte Gewässer segeln, sowie rege Patrouillentätigkeit. Sehr teuer, natürlich, aber wurde schon von den Römern im Mittelmeer praktiziert.
    Exakt.

    Nachdem auch bei mir in der Arbeit viel darüber diskutiert wurde, halte ich mittlerweile ein verschärftes Bewachen der Schiffe für sinnvoller, als im Nachhinein gekaperte Schiffe erneut zu kapern, bzw. sie von Piraten befreien zu müssen.

    Notfalls schießt man halt Warnschüsse auf sich nähernde Schlauchboote ab, oder versenkt diese ganz. Irgendwann lernen die Menschen dort bestimmt daraus.
    Eine Alternative wäre, den Gefangenen ihre Waffen abzunehmen und/oder Jagd auf die Hintermänner zu machen. Und die gefangenen Piraten gehören dann nicht in ein europäisches Land vor ein Gericht gestellt, sondern in ihr Dorf zurückgeschickt.

    Ein Fischer, der kein Geld für Nahrung hat, soll sich eine Panzerfaust leisten können? Ja, klar.

    Dieses Thema ist mindestens so schwierig wie die Situation in Somalia selbst.
  9. #58

    Naja

    Zitat von wwwwalter Beitrag anzeigen
    Der ganze Prozess findet doch wohl in erster Linie statt, weil sich ein paar Staatsanwälte, Richter und Verteidiger profilieren wollen. Das befördert Bekanntheitsgrad und Karriere. Und die Medien spielen gut mit. Wenn ich die sensationsheischenden Schlagzeilen so sehe, dann wird mir echt schlecht, z.B.: Erster großer Piratenprozess in Hamburg seit Störtebeker (Süddeutsche), Erster Piraten-Prozess seit Jahrhunderten (Focus) etc.

    Und wir Steuerzahler müssen diesen Schwachsinn mit Millionen bezahlen. Was für eine Posse !
    Wäre billiger gewesen, man die Piraten in Ruhe das Schiffe entführen lassen.
    Unsere Justiz produziert zur Zeit einen Schwachsinn nach dem anderen. Kachelmann lässt grüßen.
    Naja. So einfach ist das nun auch wieder nicht.

    Klar die Verteidiger dürften das umsonst machen, um ins Fernsehen zu kommen.

    Aber weder die Staatsanwaltschaft noch der Richter haben damit was zu tun. Es ist ihr Job die Leute anzuklagen (oder soll man es lassen uns sie laufen lassen) und über sie zu richten.
  10. #59

    Leider Konjunktiv:

    Ich wäre gespannt auf die Reaktion der Law-and-Order-Fraktion hier wenn Herr Oberst Georg Klein vom Internationalen Strafgerichtshof nach Afghanistan ausgeliefert sich dort unter einer Nicht-Marionettenregierung nach landesüblichen Recht für die vorsätzliche Tötung von 142 Personen sowie die Teilnahme an einem Wirtschaftsinteressen folgenden Eroberungsfeldzug verantworten müsste. Natürlich mit höchstens einem afghanischen Pflichtverteidiger und mit null Toleranz.








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