Zitat von
moistvonlipwik
Dem Autoren ist die Fantasie durchgegangen.
Das größte Problem der Piraten ist die drohende Kollision mit der Praxis.
1. Frage: Regierung oder Opposition. Bislang sagen die Piraten (oder besser einige, man weiß ja nicht, ob der Rest auch so denkt) selbst von sich, weder regierungsfähig noch -willig zu sein. Damit heben sie nur die Hürde für eine Mehrheitsbildung an, was auf eine institutionalisierung schwarz-roter (oder umgekehrt) Koalitionen hinausläuft.
2. Frage: wenn Regierung: wie sollen Mehrheiten gesichert werden.
Wer sich mit der einschlägigen Rechtsprechung befasst, wird feststellen, dass dies vom Bundestag verlangt, eine "stabile", "kontinuierliche", "verlässliche" Mehrheit zugunsten eines Bundeskanzlers zu bilden, und zwar nicht nur hinsichtlich seiner Person, sondern auch seines "Regierungsprogramms" (mit anderen Worten: seinen Vorstellungen richtiger Politk). Tut der Bundestag das nicht, stürzt er das Land in eine Krise und kann daher entweder aufgelöst oder auch ganz beiseitegeschoben (Art. 81 GG) werden.
Im Kern läuft das darauf hinaus, dass der Kanzler keine einzige Abstimmung verlieren (oder das auch nur befürchten müssen) darf. Das ist übrigens keine deutsche Spezialität, sondern überall der Fall, wo das britische Premierministersystem adaptiert wurde (also fast überall in der westlichen Welt).
Wie wollen die Piraten ggf. derlei garantieren, ohne ihre Ideen der "liquid democracy" über Bord zu werfen?
3. Transparenz
Offensichtlich hat keiner gemerkt, dass gerade die bisher bekannt gewordenen Systeme der Piraten manipulationsanfällig sind: wie soll gewährleistet werden, dass keine bezahlten Lobbyisten Mitglieder werden und die Netzdebatte im Sinne ihrer Auftraggeber zu steuern versuchen? Noch gravierender ist dabei das "Verleihen der Stimme": woher weiß man, dass der (um ein Beispiel zu nennen) Verfechter irgend einer neuen Idee einer Gesundheitsreform kein Angestellter von Bayer ist?
4. Umgang mit Knappheiten:
Daten lassen sich mittlerweile beliebig vervielfältigen. Andere Dinge hingegen sind knapp und bleiben das auch. Auffällig ist, dass die Antworten der Piraten immer dann verschwommen werden, wenn es um Knappheiten geht. Das zeigt gerade ihr BGE: zur Höhe wie zur Frage, woher das Geld kommen soll, sind zwar nehezu ebensoviele Meinungen wie Mitglieder zu vernehmen, aber keinerlei Konzepte.