Man kann zwar mit diesem Gesetz als Kompromiss leben, weil zumindest der nicht GG-konformen Widerspruchslösung eine Absage erteilt wurde und somit weiterhin jeder Organentnahme eine persönliche, positive Entscheidung des Spenders vorausgegangen sein muss, anstatt dass man das bloße Nichtauffinden eines Widerspruchs schon zum Anlass zur Organentnahme nimmt.
Trotzdem finde ich es nicht gut, dass ganz offensichtlich der Bürger solange zur Entscheidung Pro-OS genötigt werden soll, bis er endlich zugestimmt hat. Das hat mit "freiwillig", also "aus eigenem Willen", nicht mehr viel zu tun. Bisher konnte jeder, der das wollte, sich ohne jedes Problem einen OS-Ausweis ausdrucken oder sonstig beschaffen. Jeder Arzt, den man gefragt hätte, hätte dafür gesorgt, dass man einen Ausweis bekommt, wenn man selbst nicht in der Lage gewesen sein sollte, einen PC zu bedienen (was aufgrund des tendenziell jüngeren Alters der Spender unwahrscheinlich ist). Der Aufwand wäre minimal gewesen. Komischerweise haben sich aber sehr viel weniger Leute einen Ausweis besorgt als in Umfragen als spendebereit verkündet wurden. Das lässt nur folgende Schlüsse zu:
Entweder die Umfragen sind schlicht und einfach falsch und nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Dann taugen sie nicht als Entscheidungsbasis und das Gesetz wird das erklärte Ziel, mehr Transplantationen zu ermöglichen, nicht erreichen, weil es weiterhin nicht mehr Spender gibt als vorher. Das ist nicht unwahrscheinlich, weil sich die Befragten vielleicht einfach nur in ein vermeintlich besseres Licht stellen wollten, oder sich schlicht und einfach vor der Antwort keine großen Gedanken gemacht haben, aber trotzdem die Entscheidung pro OS noch gar nicht getroffen haben. Quasi "im Prinzip finde ich OS gut, aber für mich persönlich kann ich mich nicht dazu durchringen".
Oder die Umfragen sind zwar korrekt, aber die meisten OS-Befürworter waren schlicht zu faul, sich einen Ausweis zu besorgen. Das würde dann aber bedeuten, dass den Befürwortern die Sache nicht mal wichtig genug war, sich einmalig einen OS-Ausweis zu besorgen, sprich nicht mal einen simplen Download vorzunehmen. In diesem Fall kann es mit der OS-Bereitschaft nicht weit her sein, wenn man nicht mal zu derart minimaler Eigeninitiative bereit ist. Dann läuft das Gesetz nach wie vor ins Leere, weil die Bereitschaft zur OS ebenfalls nicht vorhanden ist.
Warum nicht einfach akzeptieren, dass eben nicht mehr Spendebereitschaft vorhanden ist? Es gibt nunmal keinen Anspruch auf den Erhalt eines Spenderorgans. Wer das Glück hat, ein passendes zu bekommen, wird es sicherlich als Geschenk begreifen. Wer dieses Glück nicht hat, für den ist das sicherlich bedauerlich, aber auch dann kann er bei aller verständlichen Verzweiflung nicht von anderen verlangen, gefälligst Organspender sein zu sollen, wenn die nicht von sich aus bereit dazu sind - und das waren sie nachweislich nicht, sonst hätten sie einen OS-Ausweis gehabt.
Außerdem würden mehr vorhandene Organe auch dazu führen, dass die Transplantation nicht mehr das letzte Mittel sondern die Standardprozedur bei Organdefekten u.ä. würde. Man würde sie genauso leichtfertig durchführen, wie man heute ja auch schon viele Operationen durchführt, die eigentlich gar nicht notwendig wären, obwohl auch die sehr viel Geld kosten und für den Patienten nicht ohne Risiko sind. Man verliert schlicht und einfach den Respekt vor dem Leben, weil man den Tod, der eben auch dazu gehört, nicht akzeptiert.
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