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Neue Linke: Lafontaine mit Latte macchiato, bitte!

Linkssein ist wieder so hip wie ein Pali-Tuch um den Hals. Doch ist das Ausdruck echter Haltung oder bloßer Hype? Christian Rickens nähert sich in seinem neuen Buch "Links" einem Lebensgefühl zwischen Pose, Protest und Piefigkeit. Lesen Sie exklusiv auf SPIEGEL ONLINE Auszüge.

http://www.spiegel.de/kultur/literat...572953,00.html
  1. #10

    Klar...

    Zitat von weghorn1 Beitrag anzeigen
    Rickens behauptet
    1. die Existenz eines „neuen Lebensgefühls“,
    2. seine progressive Funktion,
    3. seine Verallgemeinerbarkeit,
    ohne die psychophysischen und politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen für eine solche „linke“ Lebensführung benannt zu haben. Wenn er die Auffassung vertritt, dass der Bürger "abends tatsächlich vor allem in Ruhe fernsehen will und dass er alles Recht dazu" habe, dann ist nicht zu ersehen, wie Rickens sich die Verallgemeinerung – sprich Sozialisierung / Erziehung - des von ihm wahrgenommenen Bohemetyps vorstellt; ein Selbstläufer ist dieser Typ keinesfalls, und auch kein Produkt jener invisible hand, deren Existenz der liberale Interessent beschwört.
    Rickens Bild von der „Marktwirtschaft“ ist herzerweichend kindisch, ist deren Wohl und Wehe doch längst schon dem Gemetzel des spekulativen Finanzkapitals – auch als Kasino- oder Raubtierkapitalismus bekannt- überantwortet worden; die Stagnation der Lohnquote seit 1990 ist nur ein Indikator ihres traurigen Endes!
    Rickens Annahme, dass ein "neues Lebensgefühl nach und nach in den Rest des Landes sickert" ist absolut unbegründet, und das von ihm wahrgenommene (durchweg sehr prekäre) "kreativ-digital-freiberuflichen Latte- und Lotterleben einer winzigen Minderheit" verallgemeinern zu wollen, das hat genau den totalitären Anstrich, gegen den er sich so emphatisch auflehnt. Die Gruppe, die er beschreibt, ist Boheme; sie gab es übrigens schon vor hundert und mehr Jahren und sie ist bis heute mitnichten irgendwo "eingesickert"!
    Fazit: Dieses Buch ist ein typisches Produkt der selbstgefälligen Plappernden Latte-macchiato-Kaste.

    www.wirklich-denken-koennen.de
    Hallo Herr Weghorn,
    ich war schon froh, überhaupt etwas über eine "neue" Linke zu erfahren.
    Nun lassen Sie mir doch ein bisschen Hoffnung!
    Ohne das Bemühen von Klischeedarstellungen kommen wir offenbar nicht in die allgemeine Wahrnehmung dieses Landes... so zutreffend Ihre Analyse auch sein mag.

    gruß schensu
  2. #11

    Nice Try

    Nach allem, was aus diesen Auszügen zu ersehen ist, scheint das Buch ein (zudem noch ziemlich dilettantischer und gleichzeitig anmaßender) Schuss in den Ofen zu sein. Ein paar Hinweise mal im Vorbeigehen:

    1. Das Pali-Tuch hat nichts mit links-sein zu tun, sondern ist (was seine Rolle in Deutschland betrifft) eine antisemitische Verirrung der 68er. Die Unterschlagung dieser Tatsache ist höchst fahrlässig.

    2. Zu (linker) Symbolik generell empfehle ich die Subkulturtheorie des CCCS sowie Deleuze/Guattari als deren Erweiterung bzw. Aufhebung. Nur weil sich jemand (vermeintlich) linke Symbole aneignet, wird daraus noch lange kein linkes Denken. Ansätze tatsächlichen Widerstandes werden auf eine symbolische Ebene abgeleitet und damit wirkungslos gemacht.
    Außerdem hierzu Marx´ Begriff des Warenfetischismus.

    3. Die Mehrheit der Deutschen will nicht einfach abends ihre Ruhe; der Autor ist hier zynisch oder bestenfalls dumm. Die Mehrheit erarbeitet mit ihrer Kraft den Gewinn von ein paar Wenigen und kann deswegen abends meist nicht anders. Wohlgemerkt: sie haben die meiste Zeit nicht für sich, sondern für andere gearbeitet.

    4. Die kapitalistische Ökonomie (jaja, "Marktwirtschaft") eignet sich die natürlichen Ressourcen unentgeltlich an, sie ist rein produktiv und vernachlässigt das Reproduktive; daraus folgt: was der Markt leistet und uns zum Geschenk macht ist die Zerstörung seiner natürlichen Grundlagen (z.B. Klimawandel). Er ist (ganz offensichtlich, bis jetzt jedenfalls), außerstande zu Nachhaltigkeit und damit zukunftsunfähig.

    5. Die "Teilnehmer" der "Digitalen Boheme" können sich das, was sie tun, nur leisten, weil sie genau wissen, dass sie früher oder später die Häuser ihrer Eltern erben werden.

    6. Lieber Christian Rickens, nice try. 4 minus, bitte setzen.
  3. #12

    einfache Antwort

    Zitat von Peter Sonntag Beitrag anzeigen
    Wer wäre denn gegen soziale Gerechtigkeit und für hohe Managergehälter ?
    Wer wäre gegen höhere Löhne und niedrigere Preise ?
    Wer wäre denn für Neoliberale und Rechte ?
    Die "CDU".
  4. #13

    Wo sie recht haben...

    Zitat von Harold&Sebastian Beitrag anzeigen
    Nach allem, was aus diesen Auszügen zu ersehen ist, scheint das Buch ein (zudem noch ziemlich dilettantischer und gleichzeitig anmaßender) Schuss in den Ofen zu sein. Ein paar Hinweise mal im Vorbeigehen:

    1. Das Pali-Tuch hat nichts mit links-sein zu tun, sondern ist (was seine Rolle in Deutschland betrifft) eine antisemitische Verirrung der 68er. Die Unterschlagung dieser Tatsache ist höchst fahrlässig.

    2. Zu (linker) Symbolik generell empfehle ich die Subkulturtheorie des CCCS sowie Deleuze/Guattari als deren Erweiterung bzw. Aufhebung. Nur weil sich jemand (vermeintlich) linke Symbole aneignet, wird daraus noch lange kein linkes Denken. Ansätze tatsächlichen Widerstandes werden auf eine symbolische Ebene abgeleitet und damit wirkungslos gemacht.
    Außerdem hierzu Marx´ Begriff des Warenfetischismus.

    3. Die Mehrheit der Deutschen will nicht einfach abends ihre Ruhe; der Autor ist hier zynisch oder bestenfalls dumm. Die Mehrheit erarbeitet mit ihrer Kraft den Gewinn von ein paar Wenigen und kann deswegen abends meist nicht anders. Wohlgemerkt: sie haben die meiste Zeit nicht für sich, sondern für andere gearbeitet.

    4. Die kapitalistische Ökonomie (jaja, "Marktwirtschaft") eignet sich die natürlichen Ressourcen unentgeltlich an, sie ist rein produktiv und vernachlässigt das Reproduktive; daraus folgt: was der Markt leistet und uns zum Geschenk macht ist die Zerstörung seiner natürlichen Grundlagen (z.B. Klimawandel). Er ist (ganz offensichtlich, bis jetzt jedenfalls), außerstande zu Nachhaltigkeit und damit zukunftsunfähig.

    5. Die "Teilnehmer" der "Digitalen Boheme" können sich das, was sie tun, nur leisten, weil sie genau wissen, dass sie früher oder später die Häuser ihrer Eltern erben werden.

    6. Lieber Christian Rickens, nice try. 4 minus, bitte setzen.

    Ich wähle zwar keine linke Partei - aber das hat mit den Politikern dieser Parteien zu tun, nicht unbedingt mit meinen Grundsätzen. (Klingt schizophren, wie? Aber in einer dermassen verrückten Welt wie dieser bleibt einem ja kaum etwas anderes übrig.) Jedenfalls, Harold&Sebastian haben das ziemlich gut ausgedrückt, finde ich. Dem habe ich eigentlich - so im Vorbeigehen - nichts hinzuzufügen.
  5. #14

    Unsachlich

    Der Artikel des Hernn Rickens riecht nach Mode und Trend.
    Aber vielleicht liegt "Trendscout" Rickens ja auch daneben,
    2006 war er in seinem Buch ja auf der Suche nach den "neuen Spießern".
    Ich kann mich nicht erinnern, daß dies je ein ernsthaftes Thema war oder ist.
    Auch wenns unsachlich ist:
    Es fällt mir immer schwer, Menschen außerhalb Kubas b.z.w. außerhalb Palästinas mit Che-Guevara T-Shirts oder Palästinensertüchern ernstzunehmen.
    Da sind mir noch jodelnde Japaner in bayrischer Tracht lieber.
  6. #15

    Diffus links - irgendwie.

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Linkssein ist wieder so hip wie ein Pali-Tuch um den Hals. Doch ist das Ausdruck echter Haltung oder bloßer Hype? Christian Rickens nähert sich in seinem neuen Buch "Links" einem Lebensgefühl zwischen Pose, Protest und Piefigkeit. Lesen Sie exklusiv auf SPIEGEL ONLINE Auszüge.

    http://www.spiegel.de/kultur/literat...572953,00.html
    Der Autor versteht unter "Linkssein" wohl das allgemeine Streben, das Gute und Schöne in dieser Welt zu befördern und dabei auch noch hip und cool rüberzukommen; an der existierenden Welt von Geschäft und Gewalt hat er eigentlich nichts Grundlegendes auszusetzen, doch genügt sie anscheinend seinen hohen Maßstäben nicht so ganz, so dass es für sich und seinesgleichen noch einiges zu tun gibt; selbstverständlich muss das dank einer glücklichen Fügung (prästabile Harmonie?) nur in den Grenzen geschehen, die das Grundgesetz ohnehin dafür zugesteht.
  7. #16

    Yuppies reloaded

    Die Yuppies erfinden sich neu. Früher war es der Renner, in Anzügen herumzulaufen, geschäftig zu tun und den Markt als das Ideal anzusehen (was heute immer noch Mainstream ist), jetzt tragen sie Palästinensertücher, nennen sich Weltbürger und trinken Latte macchiato.
    Nur eins passt nicht: Oskar Lafontaine. Der Titel ist komplett falsch. Denn Lafontaine steht nicht für diese Mehr-Schein-als-Sein-Mentalität, sondern würde sich eben gerade wehren, der im Text beschriebenen Gruppe anzugehören - umgekehrt genauso. Denn so schön es ist, als Verehrer Guevaras oder als Unterstützer Arafats aufzutreten, so wenig würde man das tun, was diese Leute ausgemacht hat - ihre Meinung auch gegen den Strom zu vertreten und dafür zu kämpfen. Sie agitieren nicht politisch, sondern befriedigen nur ihr Ego - nach getaner Arbeit geht es heim auf die Couch.
  8. #17

    Ach du Schreck!

    Als ich die Ankündigung las dachte ich das könnte wirklich interessant sein.
    Aber was der Autor Christian Rickens hier schreibt, deutet auf eine schlechte Recherche hin.
    Da hat jemand von den echten Diskursen und Themen innerhalb der Linken keine Ahnung.
    Pali Tuch? Herr Rickens... schlecht.
  9. #18

    Hänschen klein ging in die Linke Welt hinein.

    Die Linke ist im Gespräch, das ist wohl wahr. PR-Agitatoren können damit schon was anfangen um wertloses bedrucktes Papier in den Markt zu schieben. Beinahe wäre es unserem Buchschreiber auch gelungen, den zentralen Punkt zu entdecken. Mit der selbstbestimmten Lebensweise oder wenigstens dem Wunsch danach kommen wir nämlich an den Kern der Sache. Nur darf dafür nicht die Linke als Bannerträger angeführt werden, sondern allein das Familienprojekt Lafontaine-Müller, das mit der Linken ähnlich wenig deckungsgleich zu bekommen ist, wie vorher schon bei der SPD. Mit der Saarland-Linken ist aber bereits ein Landesverband auf Familienkurs eingeschwenckt. So wie SPD Mitglieder erst über 30 Jahre nach dem letzten echten SPD Kanzler Brandt ihr Parteibuch zurückgeben, werden Linke weiter zur Stange halten, bis Lafo-Mü längst ihre politischen Ziele erreicht haben, um dann überrascht festzustellen, daß die das ernst gemeint haben mit dem selbstbestimmten Leben.
  10. #19

    Mein Senf

    Der Sozialismus ist bekanntlich ein Produkt eines Kapitalismus in dem der Mensch nach dessen Ökonomie zu funktionieren hat und höchstens einen Stellenwert als *Humankapital* besitzt.

    Daraus entstehen viele negative soziale, gesellschaftliche und auch ökonomische Verwerfungen.

    Als *links* kann jede Strömung, Weltanschauung, jedes Menschenbild, jeder Charakter und jedes Wesen bezeichnet werden das dieser kapitalistischen Doktrin entgegensteht.

    *Links* ist also jeder Mensch der sich als Individuum mit Rechten sieht zb. mit einem Recht auf seine persönlichen Freiheiten und dem Recht auf Selbstverwirklichung, dem Recht auf einen gerechten Lohn, dem Recht auf den selben Stimmenwert innerhalb einer demokratischen Gesellschaft unabhängig von materiellen Besitztümmern oder der sozialen Stellung. *Links* ist quasi jeder Mensch der seinen Nächsten nicht als Humankapital sieht und versteht sondern als Mitmenschen mit dem man gut auskommen möchte, dem man wie seit Beginn unserer Zeitrechnung Hilfe zukommen lässt ohne ihn zu entmündigen etc. und auch Hilfe zu empfangen wenn es nötig wird.


    Das dürfte die Mehrheit der Menschen betreffen.

    Das sieht man übrigens auch im politischen Geschehen welches ja zumindest noch einen Spiegel der Gesellschaft darstellt in unserem Land.

    Ferner beobachtet man auch das sich die Menschen stärker *links* positionieren sobald es darauf ankommt, der Wohlstand abnimmt, Sorgen und Kummer wachsen, ökonomische Schieflagen eintreten, gesellschaftliche Verwerfungen nicht mehr zu übersehen sind.


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