Forum


 

Mohrs Herzschlag: Das Leben ist ungerecht - na und!

Eine Frage, weiß Joachim Mohr, darf sich ein Kranker niemals stellen: "Warum?" Dieses unscheinbare Wort ist nicht nur völlig nutzlos, sondern abträglich, ja gefährlich. Er beschreibt, wie er seine Verzweiflung und Wut über das Unabänderliche bekämpft.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,514329,00.html
  1. #1

    Ein berührender Artikel

    Daß sich im SPIEGEL niemand "Warum?" fragen darf, ist mir als jemand, der seit seinem 12. Lebensjahr den SPIEGEL liest, immer aufgefallen. Ich fand es nicht unbedingt schlecht. Zumindest im Gesundheitsbereich oder in Fragen individueller Lebensgestaltung&Sinn etc. ist es sogar sehr sinnvoll.
    In Politik und Wirtschaft allerdings führt es zum Ende des Investigativjournalismus. Hier ist der SPIEGEL nur noch eine dpa-REuters-CNN Illustrierte, kein Nachrichtenmagazin mehr.
    Ich werde jetzt einmal forschen, welche Artikel Joachim Mohr verfaßt, um ggf. beweisen zu können, daß das fehlende
    Rechercheinteresse im SPIEGEL nicht auf einer gesundheitsbedingten Ausblendung der Warum-Frage, sondern auf dumpfer Mainstream Arroganz beruht.
  2. #2

    Ursache und Wirkung

    Bei mir hat die Frage nach dem Warum dazu geführt, nach vielen Jahren Krankheitsgeschichte Asthma dauerhaft loszuwerden.

    Krankheit hat oft auch Gründe in der Psyche oder im Lebenswandel, insofern wäre ein Verzicht auf die Frage nach dem "warum" eine freiwillige Fügung ins vermeindlich unvermeidbare "Schicksal" und einfach nur idiotisch.

    Neurodermitis- oder multiallergiegeplagte Patienten, an Lungenkrebs erkrankte Kettenraucher, Maler mit Dauerkopfschmerzen, Manager mit Herzinfarkt.... die Liste lässt sich beliebig verlängern.

    Für *jede* Erkrankung gibt es auch eine Ursache. Daher ist die Frage nach dem "warum" zwingend, wenn man an seine Erkrankung wieder loswerden möchte. Auch und gerade für den Patienten selbst
  3. #3

    Das Leben lehrt uns ...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Eine Frage, weiß Joachim Mohr, darf sich ein Kranker niemals stellen: "Warum?" Dieses unscheinbare Wort ist nicht nur völlig nutzlos, sondern abträglich, ja gefährlich. Er beschreibt, wie er seine Verzweiflung und Wut über das Unabänderliche bekämpft.

    http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,514329,00.html
    Ich bin 27 Jahre alt und leide seit 7 Jahren an einer chronischen Krankheit. Ich bin ehrlich gesagt sehr schockiert über diesen Beitrag. Vielleicht sollte ich auch sagen, dass ich ihn für absoluten, gefährlichen Blödsinn halte. Gerade als chronisch Kranker sollte man sich im vernüftigen Maße mit seiner Krankheit beschäftigen und natürlich auch mit der Frage, warum man plötzlich so krank geworden ist. Die Krankheit kann eine Ursache haben, sie muss kein willkürlicher Schicksalsschlag sein. Oft hängt eine chronische Krankheit mit unverarbeiteten psychischen Belastungen zusammen. Das muss nicht so sein - aber es kann. Eine chronische Krankheit kann einem auch die Augen öffnen, für Dinge, die man sonst nicht wargenommen hätte - und kann somit positive Auswirkungen auf das Leben haben. Das "Warum" ist nie gefährlich - es ist eine sinnvolle Frage, die nie dermaßen dämlich in Frage gestellt werden sollte.
  4. #4

    Das Leben ist unfair und das ist auch gut so!

    Ich finde es gut, dass das Leben unfair ist. Man stelle sich vor, dass Leben wäre fair und all dass, was uns an schlechtem passiert, passiert uns tatsächlich, weil wir es verdient hätten.
  5. #5

    Hallo Herr Mohr

    Ich werde mir Ihren Artikel für schlechtere Zeiten aufbewahren. 2005 hatte ich eine Aorten-Klappen OP nach ROSS. Jezt bin ich 40 Jahre und lebe mit dem Reißverschluss und den Gedanken und Ängsten jeden morgen zwischen träumen und aufwachen. Sofort nach dem Aufstehen sind die Gedanken und Ängste verschwunden. Irgendwann muss ich nochmal operiert werden:In 5, 10 , 15 Jahren, genaueres können die Ärzte nicht sagen. Ich bin beschwerdefrei, bis auf zeitweise auftretende (harmlose) Rhythmusstörungen, die psychisch sehr quälend sind. Dies kann man Menschen, die eine Eröffnung des Brustkorbs nicht durchlebt haben nur schwer vermitteln.

    Ich versuche mehr als früher meinen Weg zu gehen und mache mich immer weniger abhängig von Meinungen anderer Menschen. Ins Jammern kann ich schon deshalb nicht verfallen, da ich vor drei Monaten Vater wurde. Irgendwie geht es immer weiter und dann kommt der Tag, da man es hinter sich hat. Das ist nun mal das Leben, aber bis dahin versuche ich es mir und meiner kleinen Familie gut gehen zu lassen.
  6. #6

    Krankheit und Tod sind immer ungerecht

    Besonders wenn die Krankheit zum Tode führen kann - oder muss, stellt sich die Frage der Gerechtigkeit (welcher? und von wem wird diese vollzogen?). Da stellen auch die abgehärtesten Brocken von Menschen sensible Fragen nach dem höhern Sinn von Leben und Tod. Weltweit und statistisch gesehen hat Krankheit und Tod durchaus einen Aspekt von Gerechtigkeit. Kindersterblichkeit, umweltbedingte Sterblichkeit, kriegsbedingte Sterblichkeit. Der Sensemann schlägt zu, wo die Opfer leicht zu finden sind. Auf dieser Welt zutiefst ungleich verteilter Lebenschancen, macht die Gerechtigkeitsfrage sehr wohl einen Sinn.
    Ganz anders bei der existientiellen Gerechtigkeit: Warum gerade ich oder die, warum meine Freundin, mein Kind. Es herrscht Willkür oder es ist eben Schicksal. Darum kann ich -aus eigener Erfahrung - dem Autor nur zustimmen. Lebe solange so gut wie möglich, als es zumutbar ist. Wenn jedoch das Weiterleben nur unter grässlichen Einschränkungen noch möglich ist, sei es durch Operationen oder medikamentöse Einschränkungen, dann hast Du immer noch die Freiheit es unter diesen Bedingungen sein zu lassen. Es ist weniger die Angst vor dem Tod, als die Furcht vor der Hinnahme unzumutbarer Bedingungen (auch für andere), die dominiert. Eines - und das betont der Autor zurecht - gilt in dieser Lage allemal: Man geniesst vieles, über das man als "Todesverdränger" schlapp hinweggegangen wäre. Dinge bekommen einen Sinn, hinschauen, riechen, einen Moment festhalten, deren Bedeutung man früher nicht einmal geahnt hätte. Das heisst bescheiden werden.
  7. #7

    Wein statt Essig

    Die Frage nach dem "Warum" sollte man sich in der Tat nicht stellen wenn man mit einer schweren Diagnose weiterleben will. Ich habe MS und hierbei gibt es kein "Warum, Wieso, Weshalb", noch nicht einmal ein "Wie geht es jetzt weiter". Ich stimme dem Artikel voll und ganz zu. Meine Maxime lautet, ich möchte durch die Krankheit reifen wie Wein und nicht verbittert werden wie Essig.
  8. #8

    Fatalismus hilft

    Hallo,
    ich war eine lange Zeit in großer Sorge um die Gesundheit
    meines ungeborenen Kindes. Da bereits in der Klinik alles
    nur Menschenmögliche zur Abwendung des Unglücks eingeleitet war,
    konnte man nur noch beten - oder in meinem Fall sich dem Fatalismus
    ergeben.

    Was mir psychisch wirklich geholfen hat, war der Film "Der 13. Krieger".
    Darin insbesondere die Szene, als sich die Gruppe zur Nachtruhe
    begibt, wissend, dass der Angriff in der Nacht kommen wird.

    Die Worte, mit welchen der Wikinger seinem arabischen Mitstreiter
    die Furcht nimmt, haben sich bei mir für immer fest eingeprägt:

    "Angst, kleiner Bruder, hat noch keinem Mann geholfen.
    Verstecke Dich in irgendeinem Erdloch und Du wirst keinen Tag länger leben.
    Der alte Mann da oben hat Deinen Lebensfaden längst gesponnen."
  9. #9

    Es kommt auf das 'Warum?' an

    Ich verstehe den Artikel so, dass man bei einer relativ klaren und unveränderlichen Krankheit nicht nach einem "Warum gerade ich?" usw. fragen soll - es geht nicht um ein "warum habe ich gesundheitlichen Probleme (und sind diese vielleicht psychisch bedingt)?"!

    Sicher: Im Falle des Asthmabeispiels ist es durchaus wichtig und sinnvoll, sich mit dem Warum im Sinne der Ursachensuche zu beschäftigen und kann dadurch Abhilfe schaffen.

    Aber es gibt eben auch Fälle (wie angeborene Herzfehler oder MS), da kann man durch WARUM eben nichts ändern, weil sich dadurch die Ursache nicht beeinflussen oder abmildern lässt. Und selbst bei manchen psychischen Problemen gilt das in gewisser Weise: Wer an Depressionen leidet oder an Angststörungen, kann deren Ursachen durch eine Therapie nicht immer aus der Welt schaffen - aber er kann lernen, damit umzugehen: mit den Ängsten oder den bestimmten Stimmungsschwankungen zu leben, sie zu erkennen und dafür entspr. Gegenmittel ergreifen. Auch dann ist man nicht symptomfrei, lernt aber in bestmöglicher Weise, das Übel Krankheit nicht als Gegner zu sehen, sondern als Teil seines Lebens anzuerkennen und anzunehmen. Schicksal..

    Ich stimme dem Artikel von Joachim Mohr zu, manche Gesundheitszustände kann man nicht durch Wehklagen ändern, man kann sich aber das Leben verschönern, indem man sein 'Schicksal' (auch wenn ich diesen Begriff nicht wirklich passend finde) eben so gut wie möglich annimmt und sich im Rahmen dieser Krankheit möglichst positiv bewegt.
    Ich glaube, dass das nicht leicht ist - vor allem wenn das Lebensende absehbar ist - es kann aber die Zeit bis dahin sehr viel wertvoller machen. Wir leben doch jetzt und nicht erst morgen!


TOP



TOP