Es gibt mehrere Probleme in Libyen, die aber wohl hauptsächlich daraus resultieren, dass manch einer meint, für das Volk Pläne machen zu müssen; das Volk jedoch hat seine eigenen Pläne.
Das Hauptproblem sind sicherlich die Brigaden. Hier wurden in den Medien immer schön die Kämpfer
präsentiert, die eigentlich Lehrer, Studenten oder Ingenieure waren. Tatsächlich aber ist Libyens Gesellschaft gespalten. Gaddafi folgte dem nationalsozialistischen Ideal des wilden, natürlichen Mannes. Der braucht nicht viel Erziehung und Bildung, entsprechend war das Bildungssystem. Als Fremdsprache höchstens bisschen Englisch, ansonsten bestand die Hälfte des Unterrichts aus dem Grünen Buch - und nicht wenig Unterrichtszeit ging für Demonstrationen drauf, zu denen die Schüler gekarrt wurden. Und Manieren braucht der wilde Stammesbruder natürlich auch nicht; der handelt nach seinen Gefühlsimpulsen.
Gerade diese jungen Leute, geistig praktisch noch Kinder, die nie das Land, manchmal noch nicht mal ihr Dorf verlassen hatten und als Verwundete im Ausland nicht immer unproblematisch sind, haben aber die größten Opfer im Kampf gegen das Gaddafi-Regime gebracht. Sie in eine zivilisierte Gesellschaft zu integrieren ist eine Riesenaufgabe. Da wird einiges an Anstrengungen unternommen. Nicht nur Aufnahme in Militär und Polizei, sondern auch Jobtrainingsprogramme oder Aktionen, wie jüngst in Tripolis, das Gewehr gegen einen Besen zu tauschen zwecks gemeinsamer Stadtreinigung.
Auf der anderen Seite der Nachwuchs der berühmten 'guten Familien', für die in traditioneller Frömmigkeit Bildung immer noch Gottesdienst ist und die privat alle möglichen Anstrengungen unternommen haben, sie ihren Kindern zu ermöglichen. Das sind junge Leute bis Leute mittleren Alters, Männer wie Frauen, meist Akademiker, oft mit Auslandserfahrung, nicht selten polyglott, die international problemlos konkurrenzfähig sind.
Wie gesagt: Integration der sozialen Schichten ist in Libyen eine gewaltige Aufgabe.