Dass auch der kategorische Imperativ eine Menge Schwächen hat und als Lebensregel völlig ungeeignet ist, wusste man schon im 19. Jahrhundert. So wurde der kategorische Imperativ z.B. angewendet, um die Ablehnung von Homosexualität zu begründen, denn es kann ja aus reproduktionstechnischen Gründen nicht wünschenswert sein, dass jeder (oder zumindest ein größerer Teil der Gesellschaft) homosexuell sei. Für einen Heterosexuellen besteht darin auch überhaupt kein Problem, denn die Maxime, dass Homosexualität verboten sein soll, kann er ohne Schwierigkeiten als allgemeines Gesetz fordern, es schadet ihm ja nicht.
Ich denke nicht, dass ohne Religion ein friedlicheres Zusammenleben gegeben wäre. Unfrieden entzündet sich an Unterschieden, aber Unterschiede bilden zugleich auch Identität. Und auf der Identitätssuche können banalste Unterschiede zur Abgrenzung herhalten. Man denke nur an die gewaltsamen Ausschreitungen nach einem Bundesliga-Spiel. Oftmals ist es sogar so, dass sich die ähnlichsten Gruppen am schärfsten bekämpfen.
Solange also Menschen nach einer Identität streben, solange wird das Potential des Unfriedens existieren. Eine Abwesenheit von Religion wird daran nichts ändern, weil es nicht die Religion selbst ist, die die Menschen gegeneinander aufbringt, sondern das Bedürfnis, sich abzugrenzen und "besser" zu sein als die anderen. Das 20. Jahrhundert hat auch sehr eindrucksvoll gezeigt, dass auch in Abwesenheit einer prägenden Religion furchtbarste Gräueltaten möglich sind. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Ruanda-Konflikt, wo es einen rassistisch motivierten Genozid der Hutus an den Tutsi gab, obwohl vor 80 Jahren der einzige Unterschied zwischen den beiden Gruppen darin bestand, ob man mehr oder weniger als 10 Rinder hatte.



