Zitat von
Newspeak
Ich finde der Fall zeigt vor allem, wieviel vom Freiheitsbegriff der westlichen Welt zu halten ist und wie das "Erwachsenwerden" vor allem ein Prozess der geistigen Verarmung ist.
"Frei" ist in der westlichen Welt vor allem der, der sich angepasst hat. Wenn man das System an sich nicht in Frage stellt, dann darf man "frei" sein. Dann darf man "frei" seinen Beruf wählen, obwohl Lohnarbeit, wie wir sie kennen, vielleicht gar keinen Sinn macht. Dann darf man "frei" eine Familie gründen, ein Haus bauen, Urlaub machen und sich mit zig kleinen und großen Dingen abhängig machen. An den Wochenenden besteht die "Freiheit" dann darin, kontrolliert auszurasten, zu feiern, usw., was einem niemand verübelt, weil man ja die Woche über funktioniert. Und als wäre diese Verarmung noch nicht genug, spielt sich jeder Spießer dann selbst wieder als Kontrolleur der "Freiheit" seiner Mitmenschen auf, diskutiert, ob dieser oder jeder "etwas darf" oder nicht, kümmert sich letztlich um Dinge, die ihn gar nicht betreffen und somit auch wenig angehen sollten. Zumindest nicht in dieser Weise.
Mir ist Laura Dekker am Ende des Tages im Grunde ziemlich egal. Ja, man kann das Verhalten der Eltern verantwortungslos finden, wenn man sich nur das Alter des Mädchens anschaut. Andererseits, wenn man sich die Erfahrung im Segeln betrachtet, dann verschwindet dieses Problem bereits wieder. Eine Weltumseglung ist auch ohne Frage gefährlich, ja sogar lebensgefährlich. Aber das ist zuhause auf dem Stuhl sitzen auch. Risiken sind allgegenwärtig, so zu tun, als wäre eine Lebensweise "sicherer" und deshalb besser, ist Anmaßung. "Sicherheit" an sich ist eine Illusion. Der moderne Mensch der westlichen Welt hat vermutlich noch nie so gut und sicher gelebt wie heute und paradoxerweise ist er auch noch nie so gegängelt und bevormundet worden, und wollte das aus seiner unbegründeten Ängstlichkeit vielleicht sogar. Ein Mensch des 18. Jahrhunderts konnte jeden Tag Opfer einer Seuche werden, eines Krieges, der rauhen Sitten im Alltag, eines Unfalls durch menschliches oder technisches Versagen, und zwar alles viel leichter als heute. Seltsamerweise hat sich dieser Mensch nicht vor dem Rauchen, dem Rrinken, dem Drogen konsumieren, dem Sex, dem Fett-essen, dem aus-dem-Haus-gehen gefürchtet, der eigenverantwortlichen Entscheidung. Warum tun wir das, wo wir doch in allen Punkten weniger zu fürchten haben?