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Kurioser Documenta-Job: Wie Sie sehen, sehen Sie... nichts

Klaus Martin HöferKunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die "weltgewandten Begleiter", üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui".

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...834957,00.html
  1. #1

    lachhafter Kunstjargon

    Ich freu mich schon wieder auf die unsäglichen hohlen Phrasen, mit denen die kindischen Basteleien großgequatscht und hochgejazzt werden. Die Branche hat inzwischen einen umfassenden Jargon entwickelt, mit dem sich jede Inhaltsverweigerung zu raunendem Tiefsinn ummünzen kann.
    Beispiele:
    Das Kunstwerk bewegt sich „im Spannungsfeld von“… Deutsch: Die Wurstelei hat eigentlich gar keinen klaren Bezug zu irgendwas.

    Der Künstler stellt Sehgewohnheiten infrage …Da fragt man sich: Wessen Sehgewohnheiten eigentlich? Meine kennt er ja gar nicht.
    Der Künstler lotet in seinem Werk XY aus Deutsch: Er hat keine Idee, aber die wiederholt er ständig.
    Die Arbeit des Künstlers gemahnt an …(hier kommt ein großer Name der Vergangenheit) und gibt dem Schreiberling Gelegenheit, absurde Verwandtschaften zu stiften, um das Gebastel aufzuwerten.
    Selbstverständlich ist der Schreiberlich stets verblüfft, wenn nicht gleich völlig verstört, und kann damit seine eigene Sensibilität für die hochbedeutende Kunst dieser Tage zur Schau stellen.
    Etc.

    Viel Spaß in Kassel
  2. #2

    Hallooo,

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Kunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die "weltgewandten Begleiter", üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui".

    Documenta in Kassel: Kunstführer proben für die Eröffnung - SPIEGEL ONLINE
    das ist ja wie in der Wirtschafts-u.Finanzpresse-----
    auch dort wird laufend etwas "erklärt", "analysiert" und bekakelt,
    was noch nicht da ist, völlig unklar oder voraussetzungslos ist
    und öfters mal nie in Erscheinung tritt.
  3. #3

    ohne

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Kunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die "weltgewandten Begleiter", üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui".

    Documenta in Kassel: Kunstführer proben für die Eröffnung - SPIEGEL ONLINE
    Ich habe schon einmal bei einem fast weißen Bild als Beurteilung gelesen: Triumph durch die Abwesenheit von Farbe.
    Die meisten in der heutigen Kunstclique sind doch Menschen, die des Kaisers neue Kleider loben und dadurch die übrige Welt, die "Banausen", beeindrucken wollen.
  4. #4

    Endlich wieder Documenta

    Hey, da könnt Ihr sagen was Ihr wollt.
    Auch wenn nicht alles, was auf der Documenta gezeigt wird für jeden Kunst ist und nicht alles was dort ausgestellt wird für jeden eine einleuchtende Bedeutung hat, im großen und ganzen gibt es immer viel sehenswertes und auch viele ansprechende Kreationen.
    Kunst muss doch nicht immer "der Hirsch auf der Waldlichtung" sein, dass hatten wir schon mal ende der 30er Jahre im letzten Jahrhundert.
    Zu den unzähligen Exponaten kommt natürlich auch noch, dass sich in Zeit der Documenta ein sehr nettes, bunt gemischtes Puplikum in Kassel einstellt und man viele bereichernde Gespräche führen kann....
  5. #5

    Ach, weil es noch nicht aufgebaut wurde...

    Immer noch besser, als wenn die Putzfrau wieder mal ein paar Millionen € teure "Kunstwerke" weggewischt hätte.
  6. #6

    Innere Schizophrenie im Sinne von Spaltung

    Zitat von neoptolemos Beitrag anzeigen
    Ich freu mich schon wieder auf die unsäglichen hohlen Phrasen, mit denen die kindischen Basteleien großgequatscht und hochgejazzt werden. Die Branche hat inzwischen einen umfassenden Jargon entwickelt, mit dem sich jede Inhaltsverweigerung zu raunendem Tiefsinn ummünzen kann. ...
    Nicht vorhandene Kunst zu erklären ist vermutlich sehr viel einfacher, wenn sie gar nicht gegenständlich vorhanden ist. Und selbst wenn sie vorhanden ist, kann man in Kassel kaum einen Fehler machen, irgendwas Rundes oder Eckiges wird schon da sein, oder was Farbiges oder Lautes. Was in Architekturzeitschriften und Feuilletons hochgeistig und in perfektionierter sprachlicher Gestaltung zusammengeschissen wird, hat in aller Regel überhaupt nichts mit dem Sujet zu tun. Es wäre nicht übertrieben, die fehlende Übereinstimmung gerade als das Wesentliche solcher Ergüsse zu betrachten, die Phantasie, das Sprachvermögen, die transzendent – reale Bewußtheit des Autors sind die wesentlichen Elemente dieser Schöpfungen. Von Beuys ist beispielsweise absolut nicht bekannt, inwiefern er Künstler war, und ob er abgesehen von ein paar Jugendarbeiten jemals etwas geschaffen hat, was man als Kunst bezeichnen könnte. Seine Erläuterungen waren die Kunst, sie übertrafen sämtliche Verlautbarungen von Religionserfindern und ideologischen Scharlatanen bei weitem an Chuzpe. Am schönsten war seine metaphysisch anmutende Auslegung des Grundsatzes l’art pour l’art. Er definierte nämlich einen Haufen Scheiße als Kunst, weil der Haufen Scheiße von einem Künstler war, und was ein Künstler ist, kann nur der Künstler selbst beurteilen. Eine absolut zwingende Logik, die sich auch in Kindergärten großer Zustimmung erfreut.

    Am besten dürften sich für diese Aufgabe Menschen eignen, die etwas zu verkaufen haben, egal ob Staubsauger oder Autos. Also Menschen, die nach einer Gehirnwäsche zutiefst davon überzeugt sind, daß die angebotenen Objekte einen Sinn, Zweck und Wert haben, was für Immobilienmakler absolut sicher ist. Sie lügen nicht, sie haben einen gesonderten Überbau, um nicht vorhandene Fakten stimmig und positiv an den Mann zu bringen, ähnlich wie Politiker. Theologen wohl auch: "Ich sehe was, was du nicht siehst."

    Menschen mit Augen im Kopf und einem Restverstand kann man nur dringend abraten, sich an einer solchen Aufgabe zu versuchen, falls sie die Absicht haben, sinnvoll Worte zu drechseln. Es ist nicht zu schaffen. Man muß berufen sein diesen knochenharten Job auszuüben: gekonnt den Dementen spielen, obwohl man es noch gar nicht ist.
  7. #7

    Zitat von albert schulz Beitrag anzeigen

    Menschen mit Augen im Kopf und einem Restverstand kann man nur dringend abraten, sich an einer solchen Aufgabe zu versuchen, falls sie die Absicht haben, sinnvoll Worte zu drechseln. Es ist nicht zu schaffen.
    Spätestens wenn echte Fragen vom Publikum kommen, ist es aus.

    Fachmännisches Reden und Schreiben über moderne Kunst hat nämlich mitnichten den Zweck, irgendetwas verständlich zum machen, wo es sowieso nichts zu verstehen gibt, sondern hier geht es um Distinktion: Wer gehört zur kulturellen Elite, und wer ist ein Banause und Philister.

    Tipps für Anfänger:
    Wenn einer eine ganz normale Frage stellt („Wenn der Künstler gegen den amerikanischen Imperialismus ist, was hat dieser Kreis von Hühnerknochen jetzt damit zu tun?“) : Die Person scharf angucken. Lange schweigen . Dann fast tonlos sagen: „Sie haben ja gar nichts begriffen!“.
    Vielleicht fragt einer: „Was meinen Sie mit „das Bild oszilliert zwischen hermetischer Intimität und expressiver Distanzlosigkeit“. Dann resigniert den Kopf schütteln und den Idioten für den Rest der Führung ignorieren.

    Merke: Versuche nie, Werke der modernen Kunst oder Reden darüber in die Welt von Sinn, Verstand und Bedeutung zu übersetzen, sondern führe dem Banausen einfach sein eigenes Banausentum vor Augen. Dann hat er mehr gelernt, als wofür er je bezahlt hat :-)
  8. #8

    Sie sind nicht zufällig Robert Neumann ?

    Zitat von neoptolemos Beitrag anzeigen
    Spätestens wenn echte Fragen vom Publikum kommen, ist es aus.

    Fachmännisches Reden und Schreiben über moderne Kunst hat nämlich mitnichten den Zweck, irgendetwas verständlich zum machen, wo es sowieso nichts zu verstehen gibt, sondern hier geht es um Distinktion: Wer gehört zur kulturellen Elite, und wer ist ein Banause und Philister. ...
    leider gekürzt

    Ihre Zeilen sind weit vergnüglicher als die grandiosen Werke der Kunstkenner zu lesen.

    Es gibt keine echten Fragen des Publikums. Es herrscht erst mal Ehrfurcht, wie in einer Kathedrale oder einem klassischen Konzert, da wird kein Kaugummipapier zerknüllt, geschweige denn gehustelt, geschneuzt oder gar geschluckt oder sich geräuspert. Der Wald steht still und schweiget. Voller Ehrfurcht und innerer Ergriffenheit über Dinge, die man mit seinem kargen Verstand niemals wird ermessen können. Das Gefühl von Respekt übermannt einen innerlich und unwillkürlich. Man kann einfach nichts mehr über die Lippen bringen.

    Es ist im Grunde mehr als verständlich. Wenn der Nachbar sich einen SUV für hunderttau-send Dinger kauft, fragt man sich immerhin noch, wie er provisionshalber an das Geld gekommen sein mag, oder spekuliert über seine zahlreichen Beteiligungen an Bordellen, zumal er Presbyter ist und angesehenes Parteimitglied. Wenn ein paar Kiesel im Kreis liegen wie in Wuppertal oder in Stuttgart eine Art Müllhalde aus verrostetem Blech in den schönsten nur denkbaren und entsprechend sauteuren Räumen den Blicken feilgeboten werden, deren unschätzbaren Wert man nur unzulänglich vermuten kann, sind dem Verstand Grenzen gesetzt.

    Wobei man zugeben muß, daß die sprachlichen Höhenflüge, die Sie so schön ins Bild gesetzt haben, nur wenigen Sterblichen zugänglich sind, sind sie doch normalerweise schon von einem Einkaufszettel vollkommen überfordert, weswegen man die Sportnachrichten erfunden hat.

    Niederes Volk wie ein ehemaliger Schwiegervater meinte nach einem irrwitzig kulturellen Griechenlandbesuch meinerseits nur: wart ihr Steine gucken ? Ein denkender Mensch und überzeugter Banause, aber alternd muß ich zugeben, daß er so unrecht nicht hatte.

    Nachtrag: ich mußte verschiedentlich Vorträge bei Vernissagen halten, weil ich die Ausstellungen ermöglicht hatte. Die wochenlange Qual vor einem leeren Blatt Papier war kaum zu ertragen. Und dann habe ich abgelesen, was sich gar nicht gehört, und war froh, daß meine Stimme nicht versagte bei dem Blech, den ich von mir gegeben habe. Ich war nur einmal gut. Da hatte ich gar nichts geschrieben, sondern bin schön essen gegangen, habe eine halbe Flasche Wein getrunken, und habe hernach sehr gekonnt etwa fünf Minuten über Autobahnen und die Ruhe in der Natur referiert. Die mitgereisten Fans des Künstlers waren entgeistert, ich hingegen sehr zufrieden, hatte ich doch einen Weg gefunden, die Werke in dem Ausmaß zu würdigen, das meinem kleinen Verstand zugänglich war. Der Trick ist übrigens nicht nur beliebt sondern auch bewährt. Ich kenne eine Reihe hochgeistiger Männer, die aus Überzeugung nie über das vorgegebene Thema sprechen.
  9. #9

    raffiniert

    Zitat von albert schulz Beitrag anzeigen
    ... Ich kenne eine Reihe hochgeistiger Männer, die aus Überzeugung nie über das vorgegebene Thema sprechen.
    Und genau das ist das schöne am Thema. Einen wahren Feuilletonisten stört doch nur, daß es möglicherweise Gegenstände gibt, die er so genial beschreibt. Auf Grund des Textes muß der Leser aber regelmäßig davon ausgehen, daß es sich um übermenschliche übersinnliche überirische Dinge handelt, die man als Laie in ihrer dinglichen Gegenwart nie würde ausreichend würdigen können. Hier spielt der Artikelschreiber seinen stärksten Trumpf aus, indem er bildlich faszinierend beschreibt, daß es gar kein Kunstwerk gibt. Das ist reinste Kunst, ohne irgendwelche hinderlichen Primitivitäten, reiner Geist, himmlisch geläutert. An diesem Punkt müßte auch Kassel ansetzen. Einfach Platz lassen und Raum für Kunst, die gar nicht da ist. Die Kunstwelt würde jubeln, die Objekte würden für Unsummen versteigert. Und ausgerechnet jetzt beginnt ein Zweifel mich zu plagen: wenn es schon viele Jahre so wäre, ohne bemerkt worden zu sein.


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