Künstler-WG im Shanghaier Luxushotel: Zimmer mit Hirnblick
Philipp MattheisDas Gehirn von Michael Jackson auf Leinwand, ein neuer Stadtplan von Tel Aviv: In einem einstigen Shanghaier Nobelhotel verwirklichen Kreative aus aller Welt ihre Ideen. Ein Uhrenkonzern gewährt Kost und Luxus-Logis - die Miete bezahlen die Künstler mit einem ihrer Werke.
Werter Herr Mattheis,
als Sie in einem Ihrer letzten Artikel das Bankenviertel von Lujiazui als "Geschaeftsviertel" bezeichneten, fand ich das ja nur poussierlich, denn ich dachte, Ihre Artikel seien eher selten bei SpOn zu bewundern.
Doch mit diesem neuen Artikel innerhalb weniger Tage stellt sich mir die Frage, ob ich mich getaeuscht haben koennte...
Sollte es wirklich so sein, dass ich hier nun immer wieder Artikel von Ihnen zu Shanghai finden werde, so empfoehle ich Ihnen, nicht mehr jedes Wort gaenzlich unbedacht aus dem Englischen zu uebersetzten (s.o., "business district"?). Auch "Huangpu-Fluss" ist darunter zu zaehlen - denn dann muessten wir auch vom "Yangtze-Fluss" sprechen, was wir im Deutschen nicht tun, genausowenig wie wir vom Rhein-Fluss, dem Mosel-Fluss oder dem Seine-Fluss sprechen wuerden.
Die Nanjinglu als "eine belebte Einkaufsstrasse" zu bezeichnen passt dann auch in dieses Konstrukt halbherzig-lieblos zusammengefuegter Bilder und Phrasen, das dem Ortsfremden eine Idee von Shanghai geben soll, wie auch die Information, dass Pudong vor 25 Jahren "Brachland" gewesen sei - die Nanjinglu ist eine der belebtesten Shoppingmeilen der Welt, schlicht DIE Einkaufsstrasse in der Stadt, und in Pudong reihte sich auch schon in den von Ihnen beschriebenen lasterhaften 20er- und 30er-Jahren des 20.Jahrhunderts Fabrikhalle an Fabrikhalle, es gab gar einen englischen Namen fuer diese - damals noch unglamouroese - Ecke Shanghais: Pudong Point.
Dass etwa zu jener Zeit Chiang Kai-Shek im damaligen Palace Hotel Verlobung gefeiert haette (ich denke, Sie spielen hier auf Chiangs letzte Ehe an), ist mir absolut neu; die Hochzeitsfeier fand auf jeden Fall im Majestic statt, davor scheint man sich damit begnuegt zu haben, die Verlobung bekannt zu geben. Aber ich mag mich irren.
Warum nun aber im Palace Hotel jemals "altes Art-Deco-Interieur" weichen musste, will sich mir nicht erschliessen, denn das Palace Hotel wurde im "Victorian Renaissance"-Stil errichtet, hatte also mit Art Deco in etwa so viel zu tun wie der Koelner Dom. Ebensowenig erschliesst sich mir, warum Sie im Zusammenhang mit dem Bund von "Wohn- und Buerotuermen" sprechen, die das alte Palace Hotel "wie ein Zwerg" wirken liessen - die ganze alte Uferpromenade "Bund" besteht aus klassizistischen Bank- und Hotelgebaueden, und die wenigsten dieser Gebaeude sind wesentlich hoeher als das Palace Hotel, gerade wenn man die von Ihnen bemuehten modernen Buero- und Wohntuerme als Vergleich heranzieht, die aber eben nicht in direkter Nachbarschaft zu finden sind, sondern entweder auf der anderen Seite des Flusses oder aber ein, zwei Strassen hinter dem Bund.
Ich kann nur hoffen, dass Danor Gavriely, der wirklich zu glauben scheint, dass in Shanghai nur 20 Millionen Menschen leben, lange genug in der Stadt bleiben wird, um wenigstens einige der "Europaer", die nicht in der ehemaligen (!) Franzoesischen Konzession leben, kennenzulernen, auf dass sein angedachtes Kunstprojekt nicht gar zu viele weisse Flecken habe. Nur wird man solche Auslaender wohl kaum finden, wenn man ausgerechnet am touristischsten Fleckchen der Stadt sein Lager aufgeschlagen hat...