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Krawalle in England: Gesellschaft vor der Kernschmelze

Mit den Krawallen von London erlebt der*Westen sein soziales Fukushima. Aber wer hatte denn gedacht, die Vermehrung des Reichtums durch einige Wenige bei gleichzeitiger Verelendung der Vielen könne so weitergehen?

http://www.spiegel.de/politik/deutsc...780827,00.html
  1. #130

    Die neue Gewaltkultur der Jugend

    Die meisten Analysen und Erklärungen sind schlichtweg falsch. Es ist weder die Gesellschaft schuld noch der vermeintlich ach so böse Kapitalismus der Großmanager und Investmentbroker. Die Gesellschaft ist offener, freier und verständnisvoller als noch vor 100 Jahren und von Wirtschaftssystemen haben die randalierenden Jugendlichen überhaupt keine Ahnung. Sie treibt aber an, was jeden Menschen antreibt, egal in welcher Gesellschaft und in welchem System er lebt: Selbstbestätigung und Macht. Diese beiden Antriebspunkte ordnet die Wissenschaft der Psychologie in ihrer Bedürfnispyramide ganz oben ein. Und die Erlangung dieser beiden Ziele wird in der modernen Jugendkultur über die Ausübung von Gewalt erreicht.

    Gewalt wird zelebriert und gefeiert wie nie zuvor. Der Gangster-Rap ist die populärste und besonders für junge Männer attraktivste Jugendkultur der letzten 10 Jahre, da sie klare Identitätsmuster für Männlichkeit liefert. In den Texten wird Prügel, Mord und Totschlag geradezu verherrlicht. Gewalt ist Macht und vor allem ein Beweis der Männlichkeit. Ein Knastaufenthalt gilt als Beweis von Härte, Männlichkeit, Gefährlichkeit und damit Glaubwürdigkeit. Die Gangster-Rapper nennen sich stolz "Täter", während in ihren Texten "Opfer" für ihre Schwäche verhönt werden. "Schwul" ist dort ein inflationär verwendetes Schimpfwort, nicht als Synonym für Homosexualität, sondern für Schwäche und Weichheit. "Opfer" und "schwul" sind in der Jugendkultursprache in den letzten Jahren zum Standarvokabular geworden und haben ihre Wurzeln in den Texten des Gangster-Raps. Daneben wird Materialismus abgefeiert, auch als Zeichen der Männlichkeit. Männlich ist, wer der physisch Stärkste ist, eine schlagkräftige Gang um sich scharen kann und die Fähigkeiten hat, die Geldflüsse in seine Tasche zu leiten. Muskeln und Geld bedeuten Macht - Macht über andere Männer und in der Folge natürlich auch über Frauen, welche die Trophäe der Macht sind. Rauben, Prügeln, Plündern, Rudelbildung und Zeigen, wer der Stärkere ist - im Prinzip sind das klassische Männerphantasien, die sich jetzt in den London Riots entladen haben. Selbstbestätigung durch die Ausübung von Gewalt, Aufmerksamkeit in den Medien und damit die Erlangung von Macht - das ist es, was die randalierenden Jugendlichen in England ein Woche lang angetrieben hat, und nichts anderes! Die Gangster-Rapper liefern den Soundtrack dazu. Wenn man solche Leute jahrelang mit Platin-Platten, Awards und Titelstorys bewirft, muss man sich nicht wundern, wenn deren Lifestyle "gesellschaftsfähig" und mit "Respekt" und Anerkennung belohnt wird.
  2. #131

    Kernschmelze der Gesellschaft?

    Für mich ist weder der Neoliberalismus noch die "Die Linke" eine Option die mir gefällt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man wegen randalierender marodierender Banden von einer Kernschmelze sprechen kann.
    Ich bin der Meinung, dass es sich nicht um die Mehrheit der Gesellschaft handelt. Warum bringe ich den Begriff der Mehrheit hinein. Die Demokratie basiert auf der Mehrheit. Die Mehrheit geht arbeiten, baut sein Häuschen und wirft nicht mit Pflastersteinen. Die Demokratie ermöglicht es sogar Steinewerfern in der Politik Karriere zu machen und mit Chauffeur durch die Lande zu fahren. Soviel zum Kontext in der sich unsere ach so schlechte Gemeinschaft befindet.
    Ich vermute, dass der eine oder andere Randalierer in 10 Jahren mit dem Anzug in das Bankenviertel von London fährt.
    Das wirtschaftliche Umfeld mag man derzeit als Neoliberalismus bezeichnen und wird gern beschrieben mit „survival of the fittest“. Mag ja sein, den reinen Gefallen habe ich daran auch nicht. Nur, was soll es ablösen. Ein linker Sozialstaat? Woher nimmt er die Transferleistungen, wenn es keinen Kapitalismus mehr gibt? Da wird kritisiert und Probleme identifiziert, aber – das ist heutiger Stil – es wird keine Lösung angeboten. Weder die Vision – Beschreibung des Paradieses – noch der Weg dorthin.
    Ich nehme aggressive Religionsfanatiker (Muslime wie Christen) als eine Gefahr wahr, ich sehe eine gewisse Verrohung der Gesellschaft die ihre Wurzeln in der Erziehung haben. Da können Sie eine Gesellschaft mit großem Willen zur Harmonie erzeugen wollen und trotzdem scheitern. Die Ideale stimmen da nicht überein. Das ist meiner Meinung nach ein Grundübel da werden sie auch mit allen linken Lehren scheitern.
  3. #132

    Hm...

    Zitat von tsuggitschuggi Beitrag anzeigen
    Sie können natürlich versuchen die Verelendung der breiten Masse gegen jede Empirie herbeizuschreiben... aber wundern Sie sich dann bitte auch nicht, wenn die Menschen sich dann anderen Medien zuwenden.

    Die Abgehängten in Europa haben in erster Linie ein Problem mit der eigenen inneren Einstellung. Mit der Einstellung zum Lernen, zum Arbeiten... zum Leben allgemein.

    Das Problem ist nicht die materielle, sondern die geistige Armut.
    ...fatale Argumentation gegen jede (mögliche) Erkenntnis. Sie werden sich der Einsicht nicht verschließen können, dass die bewußte Ent-Wertung der Arbeit seit mindestens drei Jahrzehnten voranschreitet. Das fängt damit an, dass viele Leute heute von einem Vollzeitjob nicht mehr leben können und es hört damit auf, dass (übertrieben formuliert) die Kassiererin beim Supermarkt den Job bald auch nur noch mit Abitur bekommt. Es ist weniger eine Einstellung der Leute, als die (zumindest fahrlässig) herbeigeführte Prekarisierung und Ghettoisierung der europäischen Gesellschaften, die zu diesen Entwicklungen führt.
  4. #133

    Nicht blöd

    So blöd ist er nicht, sein Geld Beamten in den Rachen zu werfen, damit die auf seine Kosten noch eine Geldvernichtungsparty feiern !

    Zitat von hantavirtual Beitrag anzeigen
    Herr Augstein, bitte spenden SIE ihre ererbten Millionen doch bitte einem guten Zweck !
  5. #134

    grosse Depression

    Herr Augstein macht es sich hier jedoch ebenfalls zu einfach , denn wenn seine Thesen stimmten hätte man ein ähnliches Verhalten der Menschen auch zur Zeit der grossen Depression gesehen , was jedoch nicht der Fall war.
    Es gibt hier eine ganze Reihe von Verantwortlichen und auch Ursachen.
    Unter anderem wären dies :

    a) die Globalisierung , welche Unternehmen dazu anhält möglichst billig zu produzieren , zu importieren und mit der maximalen Gewinnspanne zu verkaufen. Wieso sollte man zb. für ein paar Markenschuhe produziert für 2 Euro in China hier 100 - 200 Euro zahlen ? Warum 400 Euro für ein für 10 Euro produziertes IPhone ?

    b) Kapitalgesellschaften, welche nicht mehr nur auf Gewinn , wie Familienunternehmen, sondern auf jähriche steigende Gewinne ausgerichtet sind. Das kann langfristig keinesfalls funktionieren ohne das die Mitarbeiter sowie die Konsumenten langsam aber sicher verarmen , und die Steuereinnahmen somit massiv sinken. Beispiel Eon , 15 Mrd. Gewinn in den letzten 2 Jahren , welche komplett an die Anteilseigner ausgezahlt wurden anstatt sie zu eigenen Schuldentilgung zu verwenden oder aber die Mitarbeiter daran zu spürbar beteiligen .

    c) ungerechte Steuerverteilung im Bezug auf Anteilseigner , Investoren und Finanzspekulanten im Vergleich zur Steuerbelastung eines Bürgers

    d) eine blauäugige Einwanderungs- und Asylpolitik , welche ebenfalls die Staatsausgaben und somit die Bürger belastet.

    e) ein politisches System das anhand der Punkte a-d nur eine 'Lösungsmöglichkeit' kennt und die lautet 'mehr davon', und sich somit der Lösung dieser Problematiken verweigert


    Das sind die Punkte welche es so vor und während der grossen Depression nicht gab, die nun den Unterschied ausmachen.
  6. #135

    sehr guter Beitrag Herr Augstein

    Wem ist nicht schon aufgefallen, dass bei einer "arabischen Revolution" alle über die demokratische Macht der neuen Medien jubeln und ausweiten wollen und das soziale Netz fast im selben Atemzug bei wesentlich geringeren Unregelmäßigkeiten in Europa wie in England verteufeln.

    Wann ist in der Geschichte Europas nach dem 2. Weltkrieg je etwas wichtiges durch unsere Politik geändert wurden, bevor es nicht ernsthaftere Unruhen oder Unglücke gegeben hat. Die sozialen Verschiebungen und die immer noch unterstützte weitere Versklavung der Bevölkerung (Verschuldung) zum Schutz der Profite der Banken konnten wohl nicht offensichtlicher sein. Auch für andere real existierende Probleme reicht ein friedliches Sarrazin-Buch offensichtlich nicht aus, um auch nur geringe Kursänderungen in der Politik zu veranlassen. Statt sich zu freuen, dass es in Berlin bisher nur Autos sind, wird auch hier wieder nach höheren Strafen gerufen (und damit sind nicht die Strafen für unsere Politiker gemeint).
    Tatsächlich ist die Lernresistenz in der Politik und auch in den Medien erschreckend. Von Russland konnte man hinsichtlich Afghanistan nichts lernen(und kann es bis heute nicht), China wird gerade auch von SPON verteufelt und an der DDR kann eh nichts gutes gewesen sein, auch nicht im Erziehungs-/Bildungs- und Gesundheitswesen und im Bereich der Sportvereine oder im "Urban Gardening ;-)".

    Wenn irgendjemand mal auf die Idee käme, wie die Chinesen vorurteilsfrei die Welt zu betrachten und zu versuchen das Positive zu erkennen und zu übernehmen, dann brauchen wir nicht einmal etwas wirklich Neues (keine einzige eigene neue Idee), damit es der Gesellschaft besser geht. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass China vielleicht schon länger versucht, einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu finden und das uns unsere Vorurteilsbrille daran hindert zu sehen, dass es wohl kein Entwicklungsland der Welt gibt, was sich auch in der Zufriedenheit der Bevölkerung so positiv entwickelt hat (auch nicht mit massivster westlicher Hilfe).

    Natürlich muss Unrecht wie in England oder Berlin bestraft werden. Aber die bisherigen Strafmaße und Kontrollmöglichkeiten reichen mit Sicherheit völlig aus und ob es langfristig nicht sogar positiv für uns alle war, wird die Zukunft zeigen. ... obwohl bei der Lernresistenz unserer Politik ...
  7. #136

    ...

    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    So kommt es, dass der Direktor nur mit den Schultern zuckt, wenn man ihn damit konfrontiert, dass sein Halbbruder Plünderer ist.
    Sein Halbbruder ist ja auch vermutlich ein erwachsener Mensch, und dem kann der Direktor nicht vorschreiben was er zu tun hat.
    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    Für alles soll der anonyme Staat eine Lösung finden.
    Das Rezept dagegen ist, wieder moralische Werte zu etablieren. Die hohen Strafen in England sind dabei genau der richtige Anfang. Das fünfundvierzig Jahre lang betriebene Laissez-faire muss ein Ende haben.
    Jawoll, wir brauchen wieder Zucht und Ordnung, wie damals im großen Heimatfilm ;-)

    Ich bin zwar auch für hohe Strafen bei sowas, aber vor allem, weil ich es für die Aufgabe des anonymisierten Staates halte, sich um die öffentliche Ordnung und den Schutz des Eigentums zu kümmern. Dafür zahle ich auch gerne mal mehr Steuern. Nach dem anonymisierten Staat zu schreien um Ihre Moralvorstellungen durchzudrücken, ist einfach verlogen.

    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    Es gibt kein Recht, zu plündern; auch kein moralisches.
    Stimmt.

    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    Es gibt kein Recht auf eine Vollversorgung mit Konsumgütern.
    Nein, nur auf das soziokulturelle Existenzminimum.

    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    Es gibt kein Recht, nicht in das Wertesystem der Gesellschaft integriert zu sein (in England wie in Deutschland ein Problem).
    Doch, das gibt es. Solange Sie sich sonst an die Gesetze halten, sind Gedankenverbrechen noch nicht eingeführt.

    Zitat von Nr82136 Beitrag anzeigen
    Es gibt kein Recht, sich aus der individuellen Verantwortung für sich selbt, seine Kinder, Geschwister und Eltern zu stehlen.
    Zum Glück legt unser Grundgesetz fest, wer sich ungefragt für mich verantwortlich fühlen darf, und inwiefern mich das zu interessieren braucht, und nicht Sie.
  8. #137

    .

    "soziales Fukushima", "Kernschmelze"? Was für ein Holocaust der akkurat gewählten Metapher, geradezu ein Deichbruch der Eleganz.
  9. #138

    Endzeitstimmung … letztes Rennen …

    Ist es denn nicht schon zu spät? Hat nicht die Masse der Menschen schon längst das Rennen verloren. Diese Entwicklung war doch abzusehen und unter dem Deckmantel der Demokratie möchte man die Umverteilung doch jetzt noch zu Ende bringen.

    Würde sich noch ernsthaft jemand wundern wenn unter dem fadenscheinigen Vorwand von Terror und Bedrohung endgültig der Polizeistaat eingeführt wird? Bezogen auf England: „Drohnen über London und Camerons klare Gewaltansage“ … Link (zynisches, fiktives Interview mit Cameron zur Situation).

    Auch eine Etage höher, in Europa läuft gerade die größte Umverteilungsaktion aller Zeiten. Die Regierungen plündern die Steuereinnahmen um den Zinszahlungen nachkommen zu können, versklaven damit gerade den Rest der Menschen und stellen auch die Wertigkeit klar. Erst die Zinsen, dann das Überleben der Menschen, denn wo wird erfahrungsgemäß zuerst gekürzt? Genau, in den Sozialbereichen. Und so klopft sich eben diese Elite vor Begeisterung auf die Schenkel, dass sie es geschafft hat bezüglich der Prioriät den Bedürftigen den Rang abzulaufen, was für eine Posse.

    Inzwischen darf man sich vermutlich auch an folgende Weisheit gewöhnen, die die Perversion auf den Punkt bringt: „Das Humankapital ist das Konsumgut des Kapitals“. Dazu ein nachwachsender Rohstoff und im Überangebot vorhanden. Sie sieht aus Sicht des Geldes aus.

    Naja, auch wenn der Artikel Jahre früher erschienen wäre, das Wachrütteln wird wohl noch einiges Ungemach bereiten.
  10. #139

    Ueberrascht ?

    Wer in England lebt oder gelebt hat, der duerfte eigentlich nicht uebberrascht sein.In fast keinem anderen Land werden Menschen finanziell so ausgesaugt wie dort. Eine zurrueckgegangene Abbuchung vom Konto wird mit £35 "bestraft".

    Seit Jahren kaempft England gegen die "drinking culture" , sprich , das Besaeufnis bis nichts mehr geht.Sogar Otto Normalverbraucher stiehlt in Supermaerkten um ein paar Groschen zu sparen. Gas, Elektro , council Tax die Rechnungen explodieren. In London werden Garagen und Huetten im Garten vermietet, weil die Leute die Mieten nicht mehr bezahlen koennen.Der Schmuggel boomt, Drogenkonsum ist normal. Es tut einem jeden Menschen der England liebt, in der Seele weh, zu sehen wie ein Land vor die Hunde geht.

    Waehrend die oberen 10000 feiern, koksen, schlemmen und Ihren eigenen Staat betruegen. Es wird Zeit dass mal jemand aufwacht und die Dekadenz dieser Millionaere in Frage stellt, wenn es nicht schon zu spaet ist. Denn die Jugend der tagtaeglich vorgegaukelt wird, dass man nur mit Dreistigkeit, Frechheit und Betrug nach oben kommt, diese Jugend kann man nicht verurteilen.Die wollten auch mal abeiten gehen und eine Wohnung haben, mussten aber mit Mitte 20 schon erfahren dass man um Arbeit zu finden,und anstaendig Geld zu verdienen ohne Privatschulabschluss leider da "oben" keine Chance hat.Scheitert meistens schon am Akzent. Sprichste nich den richtigen "Jargon" wirste aussortiert, weil dann gehoerst du nicht dazu.

    Diese Jugend ist nicht dumm und faul, diese jugend hat aufgegeben.Sie hat schlichtweg keine Chance.








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