Die meisten Analysen und Erklärungen sind schlichtweg falsch. Es ist weder die Gesellschaft schuld noch der vermeintlich ach so böse Kapitalismus der Großmanager und Investmentbroker. Die Gesellschaft ist offener, freier und verständnisvoller als noch vor 100 Jahren und von Wirtschaftssystemen haben die randalierenden Jugendlichen überhaupt keine Ahnung. Sie treibt aber an, was jeden Menschen antreibt, egal in welcher Gesellschaft und in welchem System er lebt: Selbstbestätigung und Macht. Diese beiden Antriebspunkte ordnet die Wissenschaft der Psychologie in ihrer Bedürfnispyramide ganz oben ein. Und die Erlangung dieser beiden Ziele wird in der modernen Jugendkultur über die Ausübung von Gewalt erreicht.
Gewalt wird zelebriert und gefeiert wie nie zuvor. Der Gangster-Rap ist die populärste und besonders für junge Männer attraktivste Jugendkultur der letzten 10 Jahre, da sie klare Identitätsmuster für Männlichkeit liefert. In den Texten wird Prügel, Mord und Totschlag geradezu verherrlicht. Gewalt ist Macht und vor allem ein Beweis der Männlichkeit. Ein Knastaufenthalt gilt als Beweis von Härte, Männlichkeit, Gefährlichkeit und damit Glaubwürdigkeit. Die Gangster-Rapper nennen sich stolz "Täter", während in ihren Texten "Opfer" für ihre Schwäche verhönt werden. "Schwul" ist dort ein inflationär verwendetes Schimpfwort, nicht als Synonym für Homosexualität, sondern für Schwäche und Weichheit. "Opfer" und "schwul" sind in der Jugendkultursprache in den letzten Jahren zum Standarvokabular geworden und haben ihre Wurzeln in den Texten des Gangster-Raps. Daneben wird Materialismus abgefeiert, auch als Zeichen der Männlichkeit. Männlich ist, wer der physisch Stärkste ist, eine schlagkräftige Gang um sich scharen kann und die Fähigkeiten hat, die Geldflüsse in seine Tasche zu leiten. Muskeln und Geld bedeuten Macht - Macht über andere Männer und in der Folge natürlich auch über Frauen, welche die Trophäe der Macht sind. Rauben, Prügeln, Plündern, Rudelbildung und Zeigen, wer der Stärkere ist - im Prinzip sind das klassische Männerphantasien, die sich jetzt in den London Riots entladen haben. Selbstbestätigung durch die Ausübung von Gewalt, Aufmerksamkeit in den Medien und damit die Erlangung von Macht - das ist es, was die randalierenden Jugendlichen in England ein Woche lang angetrieben hat, und nichts anderes! Die Gangster-Rapper liefern den Soundtrack dazu. Wenn man solche Leute jahrelang mit Platin-Platten, Awards und Titelstorys bewirft, muss man sich nicht wundern, wenn deren Lifestyle "gesellschaftsfähig" und mit "Respekt" und Anerkennung belohnt wird.



