Konsumkritiker Adam Fletcher: "Verbraucher sind froh, wenn man sie entmündigt"

Unternehmen preisen den mündigen Verbraucher - Internet-Provokateur Adam Fletcher hält das für eine Farce. Sich Gedanken über Kaffeesorten oder Sockenstoffe zu machen hält er für Zeitverschwendung. "Verbraucher wollen unfrei sein", sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soz...694434,00.html
  1. #20

    ...

    Das Problem sind die Leute, die sich für etwas besseres halten, weil sie angeblich soviel über ein Produkt wissen. Das war früher bei Whisky und Wein so und ist heute bei Kaffee und Schokolade genausoschlimm. Mag ja sein, daß man dem Produkt all die Besonderheiten anmerkt, von der speziellen Kaffeebohnenart bis zu den Details der Röstung oder ob jetzt ein Esel oder ein Maultier den Sack mit Bohnen in Ecuador getragen hat, aber mir reicht es in der Regel zwischen einem guten und einem schlechten Kaffee unterscheiden zu können. Das ist nämlich wesentlich wichtiger für das Geschmackserlebnis. Wen bitteschön interessiert der ganze Rest? Irgendwelche Deppen, die meinen, damit bei gesellschaftlichen Anläßen protzen zu können.
  2. #21

    Marktterror

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Unternehmen preisen den mündigen Verbraucher - Internet-Provokateur Adam Fletcher hält das für eine Farce. Sich Gedanken über Kaffeesorten oder Sockenstoffe zu machen hält er für Zeitverschwendung. "Verbraucher wollen unfrei sein", sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soz...694434,00.html
    Der Ansatz ist durchaus richtig ...

    ... Fletcher: Ich spreche von obsessivem Entscheidungszwang. ...

    ... wenn auch nicht allgemeingültig.

    Hintergrund ist der Markttotalitarismus, der uns in immer mehr Lebensbereichen immer nutzloser terrorisiert und uns umdeklarierte Zwänge als Freiheiten andient.
  3. #22

    Marketing: die hohe Kunst der Täuschung

    Der Mann hat sein Ziel erreicht: Kostenloses Marketing durch Spiegel bekommen. Es genügt offenbar, wenn man schlicht Unsinn erzählt. Verbraucher wollen informiert werden, bevor sie kaufen – und zwar wahrheitsgemäß. Die Mehrheit der Verbraucher hätte z.B. gern eine eindeutige Markierung von Lebensmitteln, die genveränderte Produkte enthalten. Doch die Lobby hält dagegen und bemüht sich stattdessen um Marketing. Marketing hat aber nichts mit Wahrheit zu tun, sondern mit Lüge. Die Marketingbranche ist der Feind der Verbraucher. Denn Marketing hat nicht zum Ziel, die Verbraucher korrekt zu informieren, sondern sie zu täuschen. Dahinter die steckt die arrogante Haltung, Verbraucher seien alle dumm, ganz so wie es der Herr im Interview indirekt unterstellt.

    Er hat dabei allerdings vergessen, dass es einen Unterschied gibt zwischen guter Ware und "Katze im Sack". Sein T-Shirt Laden basiert nämlich nicht darauf, dass dem Verbraucher eine komplexe Entscheidung professionell abgenommen wird, sondern er verkauft eine ganz andere Sache als T-Shirts. Er verkauft ein Erlebnis: das Erlebnis der Überraschung. Dadurch ändert sich aber nichts daran, dass der Verbraucher nach wie vor die Katze im Sack kauft. Es ist eben auch hier wieder, wie praktisch immer im Marketing, einfach nur ein Beschönigung, eine Lüge, bewusste Täuschung.

    Die funktioniert (wenn überhaupt) hier wegen zwei Aspekten: Erstens wegen dem Einkaufserlebnis. Und zweitens weil sich der selbsternannte Marketing-Apostel einen simplen Effekt zunutze macht, der in der Psychologie schon lange bekannt ist: Käufer neigen dazu, sich Fehlkäufe schön zu reden, um sich das eigene Versagen der Entscheidung nicht zuzugeben. Allerdings relativiert sich das mit der Zeit, spätestens dann, wenn die (ungewollten) T-Shirts bewusst oder unbewusst nach ein paar Wochen bereits nur noch im Schrank liegen und nie mehr getragen werden. Sein T-Shirt Laden produziert letztlich nur einen größeren Altkleider-Berg, stellt dies aber verlogenerweise als angebliche Entscheidungsabnahme dar. In Wahrheit aber wird alles nur in schöne Worte verpackt, was mit tatsächlichem Produktnutzen nichts zu tun hat.
  4. #23

    Beauty to go

    Zitat von jayred Beitrag anzeigen
    dass die beschriebene these nur die endgültige (?) perversion einer entwicklung darstellt, die mir schon länger auf den keks geht: wie kann es sozial akzeptiert sein, "shoppen" als hobby zu haben. oft genug auch noch als einziges...
    Nu ja - jedem das seine.

    Ich zum Beispiel konsumiere (möchte ich gerne glauben) sehr gezielt und gut informiert. Ziemlich selten. Dann aber - zugegebenermaßen - freudig.

    Meine Schwägerin hingegen rennt mit der Kreditkarte meines Bruders so oft, wie es geht, von Modeladen A zu Modeladen B. Kauft. Probiert. Seufzt. Gibt das Gekaufte nach drei Tagen zurück.

    Und kauft. Erneut.

    Und tut mir leid.

    Nun könnte ich besagte Schwägerin als Repräsentantin einer bösen, konsumgeilen Kultur zur Schau stellen und mich als Edel-Asketen in den Himmel loben.

    Aber so einfach ist es eben nicht.

    Jeden Tag, den wir in dieser sicheren, rundumversicherten Gesellschaft aufwachen, aufstehen, losgehen, Geld verdienen, Geld ausgeben, sind wir Teil eines Systems, das vor 100.000 Jahren schon genau so lief.

    "Uga! Schau die leckere Beere, die ich gefunden habe!"

    "Uga! Schau hier, den Bär, den wir erlegt haben! Viel besser als Beeren! Komm in meine Höhle und koste, holde Maid!"

    Etc. etc.

    Man möge sich bitte nicht vormachen, dass Marketiers sinistre Aliens von einem anderen Planeten sind. Das "höher, schneller, weiter" steckt in uns allen. Manch einer vermag es nur besser zu sublimieren.

    Zitat von jayred Beitrag anzeigen
    ich sehe zudem auch nicht ein, warum ich mir bei starbucks einen schnickschnackkaffee mit allerlei künstlichem dreck drin zu ordern, wenn ich andernorts ein handwerklich wie kulinarisch gutes produkt zu einem angemessenen preis bekommen kann?
    Da hingegen, lieber Forist, können wir uns die Hände reichen.

    Jeder soll sein Glück so synthetisieren, wie er will.

    Aber beim Kaffee hört der Spaß auf.

    Und eher erwischt man mich tot über'm Zaun ... als bei dem McDonald's der Koffein-Kultur.
  5. #24

    "Korrekte" aber sachlich falsche Aussage

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Unternehmen preisen den mündigen Verbraucher - Internet-Provokateur Adam Fletcher hält das für eine Farce. Sich Gedanken über Kaffeesorten oder Sockenstoffe zu machen hält er für Zeitverschwendung. "Verbraucher wollen unfrei sein", sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soz...694434,00.html
    Jeder Werbefuzzi weiß das zwischen Verständigungsniveau und Verstand ein himmelweiter Unterschied besteht.
    Verbraucher wollen nicht unfrei sein, sie wollen aber bei den Low-Interest-Produkten nicht überfordert werden.

    http://www.medialine.de/deutsch/wiss...n.php?snr=3473

    T-Shirts und Kaffee sind Low-Interest-Produkte, deshalb ist die provokative Aussage von dem Typ zwar zutreffend aber sachlich falsch.

    Ciao
    DerDemokrator
  6. #25

    Till Eulenfletcher

    Der Schelm aus Knetlingen, gestorben in Moelln:
    "nur äußerlich ein Narr, tatsächlich ist er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Eulenspiegels Streiche ergeben sich meist daraus, dass er eine bildliche Redewendung wörtlich nimmt. Er verwendet dieses Wörtlichnehmen als ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und die Missstände seiner Zeit aufzudecken." (Wikipedia)

    Genau das macht Herr Fletcher hier mit dem Konsum-Missstand unserer Zeit. Deshalb ist sein Projekt zutreffend, amuesant und, natuerlich, nutzlos.
    Fletcher liefert den Stoff, auch mal ueber sich selber wieder schmunzeln zu koennen.
  7. #26

    Die Aussage ist Unsinn ...

    Herr Fletcher mag bei der Mehrheit recht haben aber was ist das für ein Argument? Nur wenn die Mehrheit Bildzeitung kauft heisst das noch lange nicht das ich mich auch mit Mittelmaß abgeben muss. Genauso ist es mit vielen anderen "Konsumartikeln".

    Im übrigen bin ich kein statistischer Ausreisser - viele meiner Freunde überlegen sich vorher genau was sie kaufen werden.
  8. #27

    "Kommen Sie wieder, wenn Sie wissen was Sie wollen!"

    Ich kann ihm da voll zustimmen, es ist wie bei mir mit Schuhen. Wenn da der Verkäufer schon fragt, was ich möchte, sage ich nur, dass er mir _alle_ Schuhe zeigen soll ... in meiner Größe! Wenn ich dann nicht völlig unverrichteter Dinge sofort wieder gehen kann, suche ich mir unter den drei Modellen das beste aus.

    Vergleichbar ist es auch mit der Rechnerauswahl, die firmenintern angeboten wird: Ein kleines und ein großes Notebook und ein Tower-PC. Wenn für die neue Sekretärin ein Rechner zu beschaffen ist, dann darf man sie eben nicht mit Detailfragen belästigen, sondern man muss einen vernünftigen Standard ausliefern.

    Das ist überhaupt das Geheimnis, viele _mögliche_ Variablen, aber alle bereits vernünftig mit "Defaulteinstellungen" gefüllt. Wie bei einem guten Betriebsssystem halt. Schlechte Angebote haben gar keine Defaults und fragen _alles_ beim Kunden ab.

    So war es bei mir beim Fahrradkauf. Da hatte ich dann erstmal auch keine Lst mehr und habe erst im nächsten Jahr - nach eingehender Recherche - den Kauf getätigt. Verdammt, das soll aber der Verkäufer für mich machen und nicht auf mich abdrücken!
    Wie gesagt, nachdem ich dann alles selbst recherchiert hatte und der Fahrradspezailladen das zusammengenagelt hatte, stellte ich aber doch fest, dass die Federgabel zu oft durchschlägt. Nach Recherche - sehr zeitaufwändig - auf der taiwanesischen Seite des Gabelherstellers (RST) habe ich dann entdeckt, dass es für die Gabel drei Federtypen gibt - der Hersteller gibt sogar Empfehlungen für Fahrergewichte. Wußte der Verkäufer im "Spezialgeschäft" alles nicht und hat mich natürlich beim Verkauf auch nicht nach meinem Gewicht gefragt. Dabei hatte ich schon für Rahmen, Schaltwerk, Naben, Speichen, Kurbeln, Pedalen, etc. mir selbst einen Wolf recherchieren müssen.

    Und wenn man denkt nur beim Kaufen läuft dieses "informier dich selbst", der weiß nicht wie sich die Überlebensrate von chronischen Krankheiten zusammensetzt. Aus einer Chemotherapie kommt auch nur der ohne Rezidiv raus, der bei der Behandlung permanent in betroffenen Foren unterwegs ist und ständig vergleicht und überprüft, was da an ihm durchgeführt wird. rschreckend oder?
  9. #28

    Der Mann hat doch recht.

    Ich bin seit Jahren äußerst entspannt, seit ich einen Firmen-BlackBerry habe.
    Früher: alle zwei Jahre Tarife wälzen, vergleichen, Telefon-, SMS- und seit neuestem Datenverhalten vergleichen, Feature-Listen der Mobiltelefone wälzen, vergleichen, auswählen, Vertrag mit einrechnen, oder auch Prepaid, oder ...

    Heute? Alle zwei Jahre gibt's ein neues Gerät. Fertig. Vertrag ist Firmenstandard, nix besonderes, sicher kein "Schnäppchen", aber ismer Wurscht für meine paar SMS und Telefonate. Da mache ich mir keinen Kopf mehr drum.
    Den Streß bekomme ich noch aus zweiter Hand bei meiner Freundin regelmäßig mit.
    Oder gerade heute bei Conrad: "Ich brauche einen Taster, 230 Volt." - "Belastbarkeit?" - "Egal." - "Farbe?" - "Egal." - "Ach ist das schön, endlich mal ein Kunde, der weiß was er will." Nach 30 Sekunden war ich weg. Ob die Kunden, die stundenlang den Tresen blockieren, am Ende glücklicher mit ihren akribisch ausgewählten Bauteilen sind? Ich zweifle.

    Natürlich kann man aus allem eine Wissenschaft machen, und die meisten werden das bei irgendwelchen Dingen auch immer wieder tun - ich nehme mich da nicht aus. Aber für die Mehrzahl der Transaktionen dürfte das nicht zutreffen, da geht es nur um "ich will xyz, verkaufen Sie mir was passendes".