Nina LüthDer internationale Kunstmarkt boomt - was schon unter Studenten die Konkurrenz befeuert. Wer wird der nächste Richter, Rauch, Gursky? Junge Künstler müssen vor allem eins sein: leidensfähig.
http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...825301,00.html
Dann werden diese Leute eben Künstler, ohne es studiert zu haben - wer diesen Drang wirklich in sich spürt, der lässt sich nicht so einfach aufhalten. Wer - trotz der evident schlechten Perspektive - diese Wahl trifft, der weiss was auf ihn zukommt. Die paar Euro für das "Durchfüttern" von Künstlern, die nicht von ihrer Kunst leben können, kann unsere Gesellschaft sich jedenfalls leisten (das fällt gesamtwirtschaftlich betrachtet überhaupt nicht in's Gewicht).
Ich wollte hier eigentlich keine Diskussion über DSDS oder andere kurzfristige Aspekte irgenwelcher Hitparaden führen.
Tatsache ist, dass man sich bei der Kunst zumindest retrospektiv ganz gut darauf einigt, was Bestand hat oder nicht. Werke von schwächeren Künstlern landen bei allen renommierten Museen irgendwann im Depot. Dann gibt es Platz für neue Werke, die aber auch nicht zwingend noch in zwanzig Jahren an ihrem Platz hängen werden.
Ein untrüglicher Indikator ist der Markt (insbesondere Auktionen). Bei der klassischen Kunst gibt es da weitgehend Stabilität. Bei aktueller Kunst gibt es natürlich noch spektakuläre Schwankungen. So kommt es z.B., dass vor ca. 20 Jahren noch hoch bezahlte Werke z.B. der Postmoderne aktuell einem hohen Preisverfall unterliegen.
Deshalb sind diese Werke nicht unbedingt schlechter, als aktuelle. Da hat sich eben die Mode, die in der Kunst auch eine große Rolle spielt gewandelt.
Ein Comeback ist nie ausgeschlossen. Vor Jahren waren zum Beispiel "Jugendstil" oder die "Nazarener" vollkommen "out".
Wer ein Kunststudium unter merkantilen Gesichtspunkten beginnt, ist ohnehin auf dem Holzweg.
Es gibt ja leider auch genügend Fälle bei Malern (z.B. van Gogh), die erst nach ihrem Tod Karriere machten. Sie sehen also, dass der Vergleich zu DSDS und dem schnellen Erfolg vollkommen hinkt.
Betrachten Sie die Dinge mit Abstand und die Relationen kommen ins Lot.
Kennen Sie einen unbekannten Künstler, der ohne Anerkennng bis heute geblieben ist, aber ein Werk wie Picasso oder Rembrandt geschaffen hat?
Die Welt ist manchmal ungerecht und mancher Künstler lebt zur falschen Zeit. Im Vergleich zu Robert Musil z.B. ist Günter Grass doch eine erbärmliche Niete. Musil begeht aus Verzweiflung über den Nationalsozialismus in bitterer fianzieller Not im Exil Selbstmord. Grass macht Karriere und erhält sogar den Nobel-Preis.
Wirklich breite Anerkennung hat Musil erst nach seinem Tod erfahren.
Sie können mir glauben: Heerscharen von Kuratoren oder Galeristen suchen nach den verborgenen Talenten. Manchmal werden sie auch fündig. Der Grund für die Suche ist dabei in der Regel kommerzieller Natur. Wie in der Musikszene kann man ein junges und vielversprechendes Talent zu günstigen Konditionen unter Vertrag nehmen und hohe Gewinne erzielen, wenn die Vermarktung erfolgreich ist.
Das Gerede von den verkannten Talenten ist (Ausnahmen bestätigen die Regel) einfach Quatsch. Malerei ist zwar nicht unbedingt mit anderen Disziplinen vergleichbar, dennoch gibt es auch da die große Menge, die aus gutem Grund immer in der Amateurliga spielen wird. Die Kritiker, Professoren und andere Talentscouts mögen manchmal irren, aber unter dem Strich werden Ausnahmetalente sich immer durchsetzen.
Als Betrachter und Konsument haben Sie ja auch jederzeit die Freiheit unabhängig vom Mainstream zu urteilen und ggf. zu sammeln.
Es gibt ja nicht einmal unter Kollegen und Kennern in der aktuellen Szene immer Einigkeit. So gibt sehr z.B. auch aktuell sehr prominente Gegner von Beuys oder Anselm Kiefer, obwohl die etabliert sind.
Ziemlich romantische Vorstellung. Die endet schnell, wenn man Farben oder Material kaufen muss und nicht bezahlen kann.
Sie haben aber im Prinzip recht. Ganz wenigen gelingt der Durchbruch nach einer langen Durststrecke. Die gehören dann auch zu den glaubwürdigsten Figuren im Kunstbetrieb, denen man den späten materiellen und akademischen Erfolg umso mehr gönnt. Da gab oder gibt es einige. Hier im mit Künstlern dicht besetzten Südwesten Deutschlands etwa Lothar Quinte (der nicht nur Farbe kaufen, sondern viele Kinder ernähren musste) oder Jürgen Brodwolf.
Es ist in der Tat hoch anzuerkennen, wenn jemand mit viel Talent diesen steinigen Weg gegen alle Widerstände geht und ihn durchhält.
Zum Glück gibt es auch Sammler, Förderer und Unterstützer für solche Künstler, die nicht nur nach der "ökonomischen Verwertungslogik" handeln.
Das Problem ist, dass es zu viele Maler(innen) gibt, die leider absolute Dilettanten sind, aber trotzdem an sich glauben.
Da ich in der Szene über geraume Zeit einmal einen gewissen Einfluss hatte, suchten die natürlich manchmal meinen Rat und mein Urteil.
Ich bin ja ein höflicher Mensch und habe dann anfangs Leuten, die ich für untalentiert hielt, auch nicht mein wahres Urteil mitgeteilt, sondern die mit diplomatischen Floskeln abgespeist. Ein Fehler, wie ich in der Retrospektive erkennen musste. Ich habe dann einmal einer total unbegabten Malerin, die zudem an totaler Selbstüberschätzung litt, dann doch einmal offen die Meinung gesagt. Die wurde dann richtig zur Furie. Bei Licht betrachtet wusste die gute Frau gar nichts. "Bonnard" hält sie wahrscheinlich heute noch für eine Champagnermarke.
Ratschläge gebe ich (und eher sogar meine dafür besser qualifizierte Frau) höchstens noch ganz jungen Talenten. In über 90% lautet der ganz simpel: Lass die Finger vom Kunststudium. An die restlichen 10% glaubt man, redet ihnen zu und gibt ganz uneigennützig Beratung.
Es gab aber auch den Fall, dass man einem jungen Talent dringend dazu geraten hat, ja sogar Unterstützung angeboten hat. Der hat sich konsequent verweigert und eine trotzdem relativ gute Karriere so weit gemacht. Sie hätte aus meiner Sicht besser laufen können.
Dann gibt es den jungen Künstler, der nur am Anfang Rat und Hilfe braucht und dann wirklich weitgehend selbständig eine Weltkarriere startet. Aber das ist ein Solitär, auf den man erst nach vielen Jahren stößt.
Man kann eigentlich nur versuchen möglichst viele Interessenten auf die Beine zu bringen, die den jungen Künstlern eine Chanche geben und einen unvoreingenommen Blick haben.
Was für ein Witz. Die Anzahl der Studienplätze ist ohnehin sehr gering, während die Nachfrage riesig ist! Bei Kunstschulen schafft es nicht mal die Hälfte der Bewerber rein, während bei Kunst-FH oder Uni fast 90 % der Bewerber scheitern. Den wenigsten geht es um eine Ideologie, sie haben einfach einen inneren Drang, kreativ zu arbeiten und können sich keinen anderen Job vorstellen. Ich persönlich finde es gut, wenn man sich zumindest in seinem Traumjob versucht, anstatt dass man am Ende des Lebens sich vorwerfen muss, es nicht gewagt zu haben.
Ich kann diese Leute verstehen. Ich habe selber mal eine Kunstschule besucht, weil ich mir damals keine Ausbildung im wirtschaftlichen Bereich vorstellen konnte. Danach habe ich 5 Jahre ausschließlich als Künstler gearbeitet. Es ist teilweise härter, als ein Bürojob, geregelte Arbeitszeiten sind da vor allem wegen der Deadlines nicht immer möglich und Stundenlöhne sowie Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt es nicht. Es war aber auch erfüllender und machte Spaß. Zwar habe ich mich später aus Interesse doch noch zu einem kunstfremden Studium hinreißen lassen und habe jetzt einen ganz normalen Bürojob, aber manchmal sehne ich mich nach der Beschäftigung als Vollzeitkünstler zurück. Geschadet hat mir die Kunst keineswegs, ich konnte während des Studiums problemlos Jobs in Grafikabteilungen finden und Bildaufträge kann ich auch heute noch privat bearbeiten. Und auch wenn meine heutige Firma nichts mit Kunst zu tun hat, so hat mir die gestalterische Ader geholfen, meinen heutigen Job zu bekommen, da mein Chef selbst in seiner Freizeit Maler ist und man sich sofort sympathisch war.
Diese Kurzfristigen Supererfolge sind aber mehr, als manch talentierter Künstler je haben wird. Und wenn man auch nur ein bischen Talent hat und bescheiden bleibt, kann man sich aus so einem Erfolg eine solide Basis aufbauen. Auch mehr als die meisten Künstler haben.
Der Vergleich hinkt also kein Stück.
Abgesehen davon hatte ich auch noch andere "Stars" als Vergleich angebracht, welche einfach nur über ihre Bekanntheit Ausstellungen bekommen und auch verkaufen, obwohl sie eben nicht sonderlich talentiert sind. Diese haben durch ihre Fans und Kontakte Bestand im Markt, verdienen mehr als die meisten Talentierten.
Wenn ein "Untalent" durch einen Hype im Museum landet und dann im Archiv nach ein paar Jahren, so hat das Museum zumindest etwas gekauft. Eine Sache, die viele Kreative nie erleben werden.
Es geht mir nicht um den romantischen Kunstbegriff und den "Wert für die Menschheit", sondern eben um das simple Frage, wer kann von der Kunst (über-)leben.
Und da nützt Tallent alein genau gar nix. Mit einem Namen und Beziehungen hingegen kann auch ein Untalent da gut verdienen.
Große Kunst mit Wert für die Nachwelt zu machen ist gut fürs Karma, dem leeren Bauch hilft es aber auch nicht. Geld macht derjenige, der Möglichkeiten hat, den Markt auf breiter Basis zu bedienen, wer Vertriebswege hat und gutes Marketing.
Und aus marketingtechnischen Gründen ist "Superstar XY" (ohne Talent) leichter zu verkaufen als "Unbekannt Z" (mit Talent).
In der Regel wird Z nicht mal die Chance haben, zu den Entscheidungsträgern vorzudringen, geschweige denn, sie zu überzeugen. Bei Superstar XY stehen hingegen die Leute Schlange, die seinen Namen als Marke nutzen wollen. Ob nun als Parfum oder Malerei, das ist da unerheblich, es wird sich verkaufen.
In meinen Augen machst Du da auch wieder den Fehler nur A oder B zu denken. A Weltstar mit Riesenverdiensten oder B verhungernder Künstler.
So weit muss man gar nicht gehen, denn um Weltstar zu werden, muss man ggfls einen grossen Teil seiner künstlerischen Identität aufgeben. Man muss sich (meistens) anpassen, Kompromisse eingehen. Ob das der Kunst an sich gut bekommt, sei dahingestellt.
Aber auch abseits der hochkünstlerischen Gedanken gibt es genug Argumente und Zwischentöne.
Den meisten Künstlern wäre schon viel geholfen, wenn sie von ihrer Arbeit überhaupt leben könnten. Man muss doch kein Weltstar werden in der Szene, schon die Möglichkeit z.B. Postkarten oder Kalender gut vertrieben zu haben oder über eine "Dekokunstkette" etwas zu verkaufen, kann ausreichen, um sich seine Arbeit unabhängig von anderen Jobs zu sichern.
Nur auch dort muss man ersteinmal die Kontakte haben, auch dort muss man Mittel und Wege zum Vertrieb finden.
Bietest Du ein Motiv als Postkarte auf der eigenen Webseite an, kauft nur ab und an mal jmd was, wenn er zufällig vorbeikommt UND eine Postkarte braucht.
Hast Du das selbe Motiv im Vertrieb einer grossen Kette, wird es sich (logischerweise) deutlich besser verkaufen, eben weil die Leute da gezielt hin kommen, wenn sie Postkarten suchen und sie Deine Seite dafür gar nicht erst finden werden.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß es sich sehr viel entspannter arbeitet/arbeiten würde, wenn man einen guten Vertrieb hat, nur kommt man genau an solche extrem schwer ran.