Huldigung der Bengalos?
Tom StroblIhre Gesänge sind wie Musik, ihre Tänze erinnern ans Ballett. Fans zeigen unglaubliche Kreativität, um ihren Vereinen zu huldigen. Der Galerist Gernot Rammer hat einen Maler beauftragt, ganze Fankurven in Öl zu verewigen. Im Interview schwärmt er über ihre revolutionäre Kraft und Schönheit.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...837138,00.html
Huldigung der Bengalos?
Der 1. Kommentar war ja wieder klar. Kann man nicht mal ein wenig differenzierter denken? Schwarz-weiß-denken ist unkompliziert und stupide, siehe: engl. stupid...
Erstens ist das großes Kino des Künstlers und zweitens hat er Recht in seiner Wahrnehmung über Fanszenen.
spiegeln diese "revolutionäre Kraft" oder die "Kreativität der Fans".
Man kann da diskutieren. Als eines der kraftvollsten Sujets erscheint
mir, um ein subjektiv machbares Beispiel einmal anzuführen, das
Sujet "im Stadion 2". Bastille pur, könnte man sagen. Da passt die
Dramaturgie der Komposition, da treten die Dekorativismen der
Flaggen oder Logo Symbole aus dem Schatten der Gefälligkeit und
verschmelzen mit der Intention des Malers, seinem programmatisch
fixierten Themenzyklus. Etwas sozialistischer Realismus, eine Portion
George Grosz in den anonymisierten Gesichtern und in punkto
"Einsamkeit in der Masse", jetzt als Kompliment für den Maler arti-
kuliert: das menschlich Aufbegehrende als auch das "Menschlich
Leidende, durchaus auch Revolutionäre" aus den seriellen Stunden-
büchern des Flamen Frans Masereel. A la "zy zullen hem niet
temmen, De Leeuw van Vlaanderen". (sie werden ihn nicht zähmen,
den Löwen von Flandern". Der Vergleich zu Gerhard Richter in
diesem Interview erschein mir gewagt. Doch warum eigentlich nicht?
Vielleicht bringt er es eines Tages zu einem Stammplatz in der
Pinakothek der Moderne, einem Guggenheim Palast oder ins
Russische Museum von St. Petersburg. Will er das? Ich glaube eher
nicht. Vorerst ist das eine äusserst geschickt konzipierte Verkaufs-
schiene, die den Fan mit machbarem Preisen einbezieht und das
Original für die Schickeria Schmerzgrenzen tangierend bereithält.
Begabter Mann, interessanter Beitrag.
Nicht nachvollziehbar, warum über eine solche Verschwendung von Kreativität im Spiegel berichtet wird. Was für ein banaler Käse. Hoffentlich macht's dem Pinsler Spaß, aber weniger kunstaffine Fußballinteressierte so an die Malerei heranzuführen, ist keine gute Idee.
Nun, danke für eure Meinungen, danke für den Zuspruch, aber auch danke für die Kritik.
Ich als der Maler dieser meiner Werke, habe mich ein Jahr lang mit einem Phänomen - dem Phänomen der Anhängerschaft und nicht immer friedlichen Begegnungskultur - ausgiebig auf inhaltlicher und bildgebender Ebene damit beschäftigt. Delacroix, Altdorfer, de Goya, aber auch Warhol (Tuna Disaster)… waren die wichtigen Vertreter der Geschichte, die der "Schlachtenbilder", der Toten, der totgeweihten, huldigten. Waren es Auftragswerke, waren (und sind es) kritische oder glorifizierende Kommentare - die gegenständliche Kunst - in welcher Form auch immer, kann so manches bewirken, und die Werke werden - vielleicht als Dokumentation einer Epoche - in den wichtigsten Museen der Welt präsentiert, so als ob die uns aufzeigen wollen: He, wenn die Fotografie kommt, denn werdet ihr übermüllt mit Leichen und Krieg, mit Ausnahmezuständen und Terror, mit Mißständen und Hungersnöten, Katastrophen und unvorstellbaren Auswüchsen der Zivilisation. Punkt; Das Ganze wird geliefert bis zur Armlehne des Fernsehsessels.
Mein Zugang, als Maler zu dieser Thematik, gilt der friedfertigen, überaus als annähernden kommuikativen, sozialen, integrierenden, Menschen zueinander führenden Taktik; GENAU diesen Zustand erfassenden Situation , obwohl hier Bild Nummer eins, eine Szene aus einer Demo in Ägypten - oder wo auch immer - gleichkommt. Genau diesen Spagat zu meistern ist meine tagtäglich mich begleitende Idee.
Selbst wenn Richter, mit dem mich Herr Brenner hier im Artikel vergleicht, den Zyklus "18. Oktober 1977" nicht als Huldigung versteht. Gut was weiß man darüber? Antworten gibt´s keine, selbst wenn ich noch so nahe an die Fotos, oder der Berichterstattung herankomme.
@inruhe: Vielen Dank an dein Statement: Die fade Fotomalerei ist genau der Punkt, der mir ermöglicht die Dinge genau zu betrachten. Und zwar über ein Jahr lang, ohne dem schnellen Spiel: Fußball zu folgen, welches genau so fad und langweilig und maaaah "das war ein dummes blödes Zueinander" sein kann.
Aber diese Idee - he es geht ums das Spiel, nicht um den Gewinner, die Gewinner sind die "Anhänger, welche sich einen Dreck um die Tabelle scheren.
Die Moral dessen: Wir (die Fans) sind im Fernsehbild immer oben abgeschniiten - aber das Kollektiv, die Choreo - will sagen: WIR SIND DA!
Da setz ich an - Tom aus Wien
Was mir, nach meinem dritten Galerieaufsichtstag noch einfällt:
Lieber AlBab - Danke für deine Sichtweise der Dinge: Scharf-unscharf ist - ein unübliches Stilmittel in der Malerei - Gerhard hat das vor 30 Jahren, ja eh, zwar erkannt und zur Stilikone erhoben. Aber wenn du schon flämische Maler nennst, es gibt ja auch Vermeer und die Camera Obscura… aber das weißt du längst. GUT. Was aber diese Millionen Fanfotos gemeinsam haben: Es gibt Blech und Blume, will sagen einige sind SUPER komponiert - wahrscheinlich ungewollt, andere eine Bestandsaufnahme der Dinge vor Ort - und genau da gibts wirklich Millionen. Ich habe mich für die unzulänglichen entschieden, zumal hier einige Dinge noch offen für meine Malerei sind.
Aber schon Lüpertz malte Stahlhelme, ohne dazu ein Statement abgeben zu wollen, wie grausam der Krieg ist ,etc. Oder Hermann Nitsch, als österreichischer Aktionist stellt u.a. Zuckerwürfel aus, die vielleicht eine Bedeutung haben könnten. Tja nur welche? Aber genau da sind wir Betrachter dran. Die Malerei, grundsätzlich die Bildende Kunst war nie, meiner Meinung nach, der stilgebende Ast in der Geschichte, wenn dann bildgebend - eh klar; will sagen Impressionisten malten nie impressionistisch…
Egal, ich mag auch den Schweizer Franz Gertsch recht gerne, grundsätzlich Tätigkeiten, die einen nur für uns (mich selber) einen anderen als den gewohnten Zustand ergeben. Und die Malerei - zumal in Öl - gibt mir diese Möglichkeit. Ein bekannter österreichischer Fußballtrainer hat das schon in unserem Interview auf unserer facebook Seite erwähnt.
Gursky, in seinen großartigen Fotografien schon tausendmal belichtet: Die Individualität in der Masse, die Persönlichkeit in der Menge, die Absichten der Menschen die Stadt (die Gesellschaft) zu verlassen, und im Oval den anderen den Rücken zu kehren um der eigenen Mann (Frau) schaft zu "dienen", immer aber die Absicht, quasi (Anm. österr.) da zu sein, zu kommunizieren.
Aber: Nochmal an inruhe: Nachvollziehbarkeit (passt´s eh?), Verschwendung (Wertung über Ressoursenvergabe anderer?), Kreativität (Wachstum?), Käse (ich liebe Käse, du nicht?), Pinsler, nein Pinselerer (Ja das bin ich - so wie du Posterer), Spaß (Gut, da könn ma diskutieren), denk mal darüber nach und vor allem:
Es ist umgekehrt: Mir sind die Fußballaffinen Kunstinteressierten sehr wichtig. Tja, manche Sachen erscheinen oft im Gewand des Gegenteils.
TOM, Beste Grüße aus Wien
Warum sind Menschen Anhänger bestimmter Vereine? Warum fühlen sie sich einer Gruppe zugehörig, deren Partizipianten sie gar nicht kennen? Was passiert da auf einem Fußballplatz, während eines Fußballspiels? Es passiert etwas Faszinierendes, ich traue mich fast zu sagen, etwas Magisches... Emotionen, sowohl negative (Enttäuschung, Wut, Verzweiflung) als auch positive (Freude, Glücksrausch) bringen Menschen unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten ganz eng zueinander. Wildfremde umarmen sich, spendieren Zigaretten, ein Bier.. man hat sich gefunden, in Zeiten, wo viele keinen emotionalen Halt spüren, aber Sehnsucht danach haben. Bei einigen dieser Bilder, wenn man genau schaut, wenn man sich hinein fallen lässt, merkt man diesen magischen Moment. Man spürt Kampfgeist, Freude, Leid, Aggression. Es ist „nur“ ein Fußballspiel, aber für viele Menschen oft der Moment, der die größte Freude, das größte Glücksgefühl innerhalb von Monaten beschert. Dieses „in den Mittelpunkt stellen“ der Fans, diese Aufmerksamkeit, die Anhänger hier bekommen finde ich großartig. Tolles Projekt!
Fußballfans sind bei den wohlhabenden Gartenbesitzern der Nobelgegenden unserer Städte in der Regel so beliebt wie eine ansteckende Krankheit. Ich finde das Projekt spannend, weil es sich traut, genau dieses natürliche Feindbild einer von der Wirklichkeit weitgehend entrückten Schickeria mit einem Kunstwerk zu konfrontieren. Das Projekt fällt aus dem Rahmen. Es widerspricht den gängigen Ritualen der Kunstindustrie. Die Bilder beschäftigen sich mit einem, nicht nur soziologisch hochspannenden Ausschnitt unserer Gesellschaft. Die Bilder sollten in Museen hängen, und nicht nur in Stadien!
Danke dir. Macht Freude.
Tja:scharf unscharf: denke auch an die für Perspektive und Raumtiefe
haptisch-wichtige Wirkung des "Sfumato" bei den Italienern ab Zeiten
Dürers... (?)
Frans Masereel war Graphiker. Ich hob auf sein "Stundenbuch" ab.
Kleine, klassische, schlichte Holzschnitte. Expressiv konzentriert.
Hier, in Bezug auf mein subjektiv empfundenes "Strobl-Feeling":
Der Zyklus (der Lebenslauf) eines Menschen. Und noch dichter:
In der Masse, im Leiden, in der Einsamkeit, in der Liebe, beim
Fußballern mit Kindern. Umfassend, bis zum Ende seines Seins, als
er mit der Materie verschmilzt und am Ende gar beim Aufstieg in
eine Art gestirnter Sphäre zu erahnen ist. Stundenbuch. Der Begriff
abgeleitet aus einer mittelalterlichen Darstellungsform. Wenn du
willst: Comic. Hier: 120 kleine, packende Folgen.
Stilgebung ist für mich in der Bildenden Kunst eher sekundärer, zu-
mindest ersetzbarer Begriff, der das Segment der Beeinflussung z.B.
von Kunst anderer Künstler beinhaltet. Wobei, claro, das Prädikat
"authentisch" immer nur einmal vergeben werden kann. Wichtig die
"Ausdrucks-Erfinder", die Erneuerer, die Erstarrungs- und Mode (á la
maniera) Hinter-sich-Lasser. - Du wirst dazu gehören.
Gursky ist in. Wird mir zu durchdacht-intelektuell auf Kosten des
eindeutigeren Zugriffs (supjektiv gequatscht jetzt wie immer: sorry)
und ich bin gespannt, wie weit und wie hoch sein noch irdisches
Momentan-Bildformat ufern wird -:) Cartier-Bresson ist das Leben für mich. Trophäen des unwiderruflichen Moments.
Bin Werbefuzzi, Grafiker, Maler, Fotograf. Bauhhaus geprägt.
Folkwang. Serien geil, (nichts ist fertig, weiter im Text -:), Schule
des Schauens...
Machs gut,
Michael