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Jugend in Zeiten der Krise: Ins falsche Leben gefallen

Fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche.

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...836418,00.html
  1. #10

    Mensch und Gesellschaft

    Zitat von spejismo Beitrag anzeigen
    Folgendes schreit Kerouac am 10. Juni 1949 an Ginsberg:
    "(...) Ich glaube nicht an diese Gesellschaft; aber ich glaube an die Menschheit."

    Mit solcher Art Sätze kann ich NICHTS anfangen.
    Eine Gesellschaft besteht nicht aus Gespenstern. ODER ?
    Eine Gesellschaft besteht natürlich aus Menschen, ihren Bürgern. Entscheidend ist, wie die Beziehungen zwischen den Menschen geregelt sind, also um die sozialen Verhältnisse. Dabei sind Machtgefälle und Herrschaft (institutionalisierte, auf Dauer gestellte Macht) konstituierend, zumindest in unseren heutigen Gesellschaften. Aus der Perspektive des einzelnen Bürgers erscheint die Gesellschaft wie ein eigenes Subjekt, das seine Interessen durchsetzt und dem er sich mehr oder weniger anpassen muss, will er akzeptiert und geduldet sein. Bricht er aus, so warten entsprechende Sanktionen auf ihn. Die Gesellschaft mit all ihren Institutionen ist ein grosses Gebilde aus sedimentierten, dominierenden Interessen.

    Ein Kerouac ist daraus ausgebrochen, weil seine Interessen mit der vorfindlichen Gesellschaft nicht vereinnar waren - ein Phänomen, das den Impetus der ganzen Geschichte mitbestimmt, man denke nur an Jesus, Marx oder Ghandi, um nur einige, historisch besonders wirkmächtige Persönlichkeiten zu nennen. Auch Kerouac hat mit seinen Büchern einiges bewegt. Seine obige Aussage wird damit verständlich: Erlehnt zwar eine bestimmte Gesellschaftsform ab, glaubt aber an die Menschheit in ihrer Veränderungskraft - hin zum Menschlichen (siehe mein Kommentar oben).
  2. #11

    Typing

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche.

    Kerouacs Briefwechsel mit Ginsberg und Larry-Clark-Ausstellung - SPIEGEL ONLINE
    Truman Capote über Kerouac: "That's not writing, that's typing." Natürlich muss auch diese Kolumne gefüllt werden, aber darum muss man doch nicht jemanden reaktivieren, der die Hälfte seines Erwachsenenlebens bei seiner Mutter wohnte, sich mit Drogen und Alkohol selbst hinrichtete und zurecht nach den 69ern weitgehend vergessen wurde.
  3. #12

    eigeninitiative

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche.

    Kerouacs Briefwechsel mit Ginsberg und Larry-Clark-Ausstellung - SPIEGEL ONLINE
    Ich frag mal ganz ketzerisch, warum bauen die 50% angeblich gut ausgebildeten nicht selber was auf?

    Liegt vielleicht daran das die Rebellen sich doch am liebsten stock konservativ ins gemachte Nest setzen wollen.

    Wahrscheinlich bin ich zu kritisch, aber dieses Anspruchsdenken "die Gesellschafft MUSS doch" ist keine Lösung.
    Zur Gesellschaft gehören auch die Jungen, sie müssen Antworten auf die Fragen der Zeit geben, auch durch beruflische initiative.
  4. #13

    Respekt vor dem Revolutionären

    Zitat von trick66 Beitrag anzeigen
    Truman Capote über Kerouac: "That's not writing, that's typing." Natürlich muss auch diese Kolumne gefüllt werden, aber darum muss man doch nicht jemanden reaktivieren, der die Hälfte seines Erwachsenenlebens bei seiner Mutter wohnte, sich mit Drogen und Alkohol selbst hinrichtete und zurecht nach den 69ern weitgehend vergessen wurde.
    Mir "On the road" hat Kerouac ein revolutionäres, für viele anderen Schriftsteller wie James A, Michener und Co. wegweisendes Buch geschrieben. Er stand für den Protest seiner Zeit, auch wenn er persönlich gescheitert ist. Nicht jeder Mensch, der sich zu neuen Ufern aufmacht, hat auch die Kraft, das durchzustehen. Doch unser Respekt sollte ihnen sicher sein, denn nur solche Menschen verändern die Welt.
  5. #14

    ...

    wenn man mal wieder liest, dass sie in Spanien fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit haben, in Italien 30 Prozent, in Frankreich 25 Prozent, in England 20 Prozent, dass Europa eine "verlorene Generation" produziert, Wasted Youth.

    Denn was heißt das genau? Was bedeutet das? Was macht das? Was also, ganz ulrichbeckhaft gefragt, sind die Folgen?


    Tjaaa...das wird noch interessant werden. Eigentlich sind die Folgen absehbar, wie das Ticken eines Schweizer Uhrwerks. Man braucht dafür nur zurückzuschauen und sich den Verstand nicht vernebeln zu lassen, sondern selbst zu denken.

    Zuerst einmal wird es noch eine Weile so weitergehen, wie bisher. Wobei, das stimmt gar nicht. Es sieht nur so aus. In Wirklichkeit baut sich langsam aber sicher eine enorme Unzufriedenheit auf. Man kann das heute schon spüren. Man kann die Leute einfach danach fragen. Es ist insgesamt diffus, aber persönlich wird man sehr konkrete Antworten bekommen. Noch wissen die meisten noch nicht, daß es nicht nur "ihr" Problem ist. Noch erscheint Alles diffus. Aber das gibt sich. Man wird erkennen, daß man ausgebeutet wird. Man wird erkennen, wie die Machtverhältnisse liegen. Man wird erkennen, daß der definierende Zustand der westlichen Welt die Verlogenheit ist. Das ist überhaupt das Schlimmste. Aufrechte Verachtung hat wenigstens noch den Mut, sich zu bekennen. Tja, wohin führt das also. Es wird dazu führen, daß das System gestürzt wird. Und rein statistisch wird dies mit sehr großer Brutalität erfolgen. Es gibt Studien, daß Kriege dann besonders brutal geführt werden, wenn ihnen lange Friedenszeiten vorausgingen. Europa befindet sich in einem vorrevolutionären Zustand. Glaubt irgendjemand, 50% Jugendarbeitslosigkeit seinen vernachlässigbar für eine Gesellschaft? Glaubt irgendjemand, daß sich die gut ausgebildeten, jungen, spanischen Akademiker das noch lange gefallen lassen? Wenn man erkennt, daß es nicht darauf ankommt, sich gegenseitig aufhetzen zu lassen, als ob z.B. die Griechen an ihrer Lage selbst schuld wären, das ist ja lächerlich, dann wird man gemeinsam agieren. Es wird etwas passieren, ohne Frage. Eine Revolte, ein Bürgerkrieg, ein neuer linker Terrorismus, vielleicht auch ein rechter, wie er sich vielleicht in Ungarn schon abzeichnet. Am Schluß werden Banker kein schönes Leben mehr haben. Unsere "Eliten" allgemein nicht. Das ist eine logische Konsequenz, wenn man das Recht der Menschen mit Füßen tritt und die Jugend ihrer Perspektiven beraubt.
  6. #15

    ...

    Zitat von iconoclasm Beitrag anzeigen
    Ich frag mal ganz ketzerisch, warum bauen die 50% angeblich gut ausgebildeten nicht selber was auf?
    Was denn, in diesem von Grund auf total verkommenen System?

    Das ist ja gerade die Tragik, daß die meisten Menschen von den Idealen ihrer Jugend lassen und sich anpassen und so das System, das sie eigentlich verabscheuen, weiter ermöglichen.

    Dieses System wird gerade mit Volldampf gegen die Wand gefahren. Ganz bewusst, damit einige wenige ihre Gier befriedigen können. Für so einen Zustand gibt es nur eine Lösung. Die derzeitigen Machtstrukturen müssen gebrochen werden, zerschlagen, die derzeitigen Eliten müssen ausgewechselt werden, entfernt. Mit jedem geeigneten Mittel.

    Wir können schlichtweg nicht abwarten, bis man uns vollends reinreitet. Das ist doch wohl klar.
  7. #16

    Zitat von iconoclasm Beitrag anzeigen
    Ich frag mal ganz ketzerisch, warum bauen die 50% angeblich gut ausgebildeten nicht selber was auf?
    Liegt vielleicht daran das die Rebellen sich doch am liebsten stock konservativ ins gemachte Nest setzen wollen.
    Wahrscheinlich bin ich zu kritisch, aber dieses Anspruchsdenken "die Gesellschafft MUSS doch" ist keine Lösung.
    Zur Gesellschaft gehören auch die Jungen, sie müssen Antworten auf die Fragen der Zeit geben, auch durch beruflische initiative.
    Weil jegliches Wachstum (nicht zuletzt das Wachstum des Vermögens unserer Spekulanten) nur über Verschuldung möglich ist. Habe dazu eine interessante Sammlung von Grafiken gefunden:
    Graphiken
    Aber es soll ja gespart (nicht zuletzt an der Jugend) und keinerlei neue Schulden gemacht werden. Die Wahrheit ist: die Nettogeldvermögen, die keinerlei Interesse an Realwirtschaft haben (jedenfalls nicht wirklich) und seit Jahrzehnten aber auch gar nichts aufgebaut haben, sollen noch eine Weile lang gerettet werden …
    Im Moment sind diese Geldvermögen gerade dabei, ja gegen wen eigentlich (?) - ich glaube letztlich gegen die Jugend zu wetten!
  8. #17

    Lost Generation

    Ja, ein schoener Text! Mal ganz ohne 'Euro-Krise', 'Haircut' und 'Betreuungsgeld'. Wie aus einer Zeit, als sie noch nicht fest geworden waren, die Gedanken.

    Schade, dass das meinen zahlreichen hochbegabten, leistungswilligen und -faehigen juengeren Bekannten, hier in Spanien und anderswo, trotzdem nicht zu einem Job (einem Auftrag, einem Projekt, whatever) verhelfen wird.

    Um's mit 'Gustav' zu sagen: Das Leben ist kein Wunschkonzert! Aber das Herumtoben und -tollen in den Wirrnissen der 60er und 70er Jahre ist trotzdem etwas, das bleibt. Ich nehm's jedenfalls ueberall hin mit. Unterm Lid.

    Saluti
  9. #18

    Wieder genial geschrieben, Herr Diez. Weiter so!
  10. #19

    Zitat von Spiegelkritikus Beitrag anzeigen
    Mir "On the road" hat Kerouac ein revolutionäres, für viele anderen Schriftsteller wie James A, Michener und Co. wegweisendes Buch geschrieben. Er stand für den Protest seiner Zeit, auch wenn er persönlich gescheitert ist. Nicht jeder Mensch, der sich zu neuen Ufern aufmacht, hat auch die Kraft, das durchzustehen. Doch unser Respekt sollte ihnen sicher sein, denn nur solche Menschen verändern die Welt.
    Michener war ein schriftstellerisches Multitalent und zu dem Zeitpunkt, als On The Road erschien, bereits ein Weltstar. Er hat das sicherlich gelesen, ab ich glaube kaum, dass er Kerouac unter den für sich 10 oder 20 einflussreichsten Autoren aufgelistet hätte.








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