Soll hier den SPON-Nutzern "die neue schöne Einfachheit", entstanden durch unglaubliches Unvermögen und Versagen europäischer Politiker, als zukünftige gesamteurpäische Lebenswelt schon mal schmackhaft gemacht werden?
Serie "Rodina", 2004 - 2011. Courtesy Irina RuppertKann man mit Fotos die Kindheit zurückbringen? Die Fotografin Irina Ruppert versucht genau das. Für ihre Bilderserie "Rodina" hat sie sich auf Spurensuche in der osteuropäischen Heimat ihrer Familie begeben. Dabei sind Bilder von verstörender Schönheit entstanden.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...-a-868926.html
Soll hier den SPON-Nutzern "die neue schöne Einfachheit", entstanden durch unglaubliches Unvermögen und Versagen europäischer Politiker, als zukünftige gesamteurpäische Lebenswelt schon mal schmackhaft gemacht werden?
Dieser Satz Irinas hat mich am meisten beeindruckt: "Ich trage diese Landschaft in mir und bin immer auf der Suche nach ihr", sagt Ruppert über die Idylle Osteuropas.
Offensichtlich benutzt Irina Ruppert auch keine Digitalkamera, sondern eine alte Kamera, gemeint ist eine analoge. Daher die Kontrastschärfe der Aufnahmen. Scheinbar laufen bei Digitalaufnahmen die Farben immer in sich zusammen, wegen gedruckter / gerasterter Mikropixel mit Weiß Drumherum.
Auffällig in den Aufnahmen ist das stimmungsvolle Ineinandergleiten der Raumperspektiven, also Bergrücken, Häuserfluchten, usw., ohne dass die Bilder zu komponiert oder konstruiert wirkten. Genau diese designte Härte anderer Fotografen wird auch im Artikel angesprochen.
Wie dem auch sei, nachdem ich letztens erst die Abgänger der Berliner Ostkreuz-Fotoschule am Oranienplatz 17 gesehen hatte, die genau diese zu harte dokumentarische Sehweise praktizieren, schaue ich mir gerne Irinas Ausstellung im Original an.
Bruno Toussaint, Berlin
bedienen meiner Meinung nach weitgehend die Klischees und sind deswegen vlt. auch erfolgreich. Mitte 70er ausgewandert (also vor 36 Jahren) - mit 8 Jahren - und dann nach mehr als 20 Jahren die Suche nach der Rodina?
Die Fotos zeigen genau das, was die Fotografin sehen möchte. Und so sehe ich den Osten nicht. Jedenfalls nicht NUR so!
...Ende der 70er, Bilder wie die von Ruppert, nicht auf Film, im Kopf noch die Begegnungen, der Polizist, der mich weiterfahren ließ für das Päckchen Kaffee, ein anderer für eine Zigarette, gespielte Strenge, uralte Mähdrescherkolonnen, mit einem als Ersatzteilager huckepack auf dem LKW, Sonne und Sonnenblumenfelder, reich das Land und doch so arm. Such, Rodina, solang man finden kann - noch.
Die Fotos artikulieren Sehnsucht nach Patina, Spuren des Gebrauchs, der Alterung, der Natur und des handwerklichen Menschen. Sie sind der Gegenentwurf zu unserer zugekachelten Welt makelloser industrieller Produkte mit Nanobeschichtung und Silikon in den Fugen.
Wir sind der CAD-geformten Gebrauchsgegenstände und der aseptischen Architekturen aus Plastik, Glas und Styroporfassaden absolut überdrüssig. Wer das Unglück hat, in modernen Büro-Städten wie Hamburg oder Düsseldorf leben zu müssen, dem erscheint alles leicht Schäbige, Abgenutzte, Improvisierte in seiner malerisch-farbigen Vielgestaltigkeit wie eine romantische Rückkehr ins ästhetische Paradies von Naturnähe und menschlicher Authentizität.
Der nagelneue Beistelltisch von Ikea in geometrischer Perfektion mit Plastiklack kostet 5 Euro. Das gebrauchte wackelige Holztischchen mit angewitterter Farbe und zahllosen Macken kostet auf dem Flohmarkt 30 Euro. Darin zeigt sich ein ästhetischer Paradigmenwechsel , der auch in diesen Fotos zum Ausdruck kommt. – Das Seltsame allerdings ist, dass die Menschen in diesen von alltäglicher Armut geprägten menschlichen Lebenswelten jederzeit bereits sind, ihr schäbiges altes Mobiliar gegen eines dieser langweilig makellosen Plastikdinge unserer vermeintlichen Wohlstandsgesellschaften einzutauschen oder die Fassaden ihrer Häuser bei erstbester Gelegenheit ihre Häuser mit Glas, Baumarktkeramik oder Fertigklinker bekleben würden und die lehmigen Wege mit Asphalt und Beton versiegeln würden, wenn es ihnen irgendwie möglich wäre.
Wunderbare Bilder! Poetisch, realistisch und sehr menschlich. Sie haben Ihren Blick, anstatt naiv in den Himmel, fest auf die Erde gerichtet. Frau Ruppert, nehmen Sie mich bitte auf Ihrer nächsten Reise mit.
Als Reise in die Erinnerungen an die Kindheit der Fotografin mag man diese Fotos ja noch durchgehen lassen. Mir zeigen sie überwiegend Elend, pittoresk in Szene gesetzt. Die Bildunterschrift bei Bild 8 "Die Einfachheit ist für mich Schönheit" kommt einer Verhöhnung der Lebensumstände der dortigen Menschen gleich.
Jeder sieht die Dinge auf seine Weise. Mir helfen solche Bilder, das Schöne auch im Alltag zu erkennen. Sicherlich gibt es besonders Schönes vor allem in Museen, Schlössern oder Luxusherbergen. Aber es tauchen schöne Dinge eben auch dort auf, wo Tristess und Elend überwiegen. Mich hat die Würde umgehauen, die diese Bilder ausstrahlen. Wenn ich mich an Hohn und Spott ergötzen möchte, sehe ich die Heute Show oder Stefan Raab. In die Ausstellung von Frau Rupperts werde ich bestimmt noch gehen. Aber nicht, um mich in Hohn und Spott zu ergehen. Das würde vermutlich nicht funktionieren...
Warum melde ich mich zu Wort? Weil ich mich sehr über den Beitrag gefreut habe und weil ich es schade finde, dass hier Beiträge, die in meinen Augen viel weniger bieten als die Vorstellung der Fotoserie "Rodina"/Heimat über viele viele Seiten im Forum diskutiert werden. Ich fände es schade, wenn in Zukunft kaum noch Beiträge wie der hier erscheinen würden, weil sich zu wenig Leser dafür interessieren.
Danke, Jo.S, für die Anregung! SPON, mir hat der Beitrag einschließlich der Photos auch gefallen. :-)