Ich hoffe, Sie haben auch die vorangegangenen Dialog wahrgenommen und erkannt, dass ich mich lange zurückgehalten habe, bis man mir Träumerei und Weltfremdheit (Elfenbeinturm) vorwarf. Ich habe mich lange im Studium mit diesem Thema beschäftigt und versucht zu erklären, wo die eigentlichen Fronten verlaufen. Stichwort Prekarität. Sie ist der wahre Grund und zurückzuführen auf die ständig gebetsmühlenartig wiederholten marktliberalen Ideen wie Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen etc. Ca. 20 % der Erwerbstätigen in Dt. leben aktuell schon in diesen prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, können ihre Zukunft kaum planen, fühlen sich diskriminiert, ausgeschlossen, anomisch… manch einer wird sein ganzes Leben lang darin verharren.
Fast alle ökonomischen Ansätze auf bundespolitischer Ebene der Linken sind durchaus machbar und überhaupt nicht so weltfremd, wie Sie es gerne darstellen. Im Gegenteil. Die meisten Forderungen sind doch ehemalige politische Realitäten der Bundesrepublik, wie bspw. der Ruf nach der Wiedereinführung der Vermögenssteuer oder der Anhebung des Spitzensteuersatz bei gleichzeitigem Abbau des wahrscheinlich auch Sie betreffenden Steuerbauches. Andere Forderungen wie Regulierung der Finanzmärkte und eine Börsenumsatzsteuer sind doch nun nach/während der Krise auch bei den Volksparteien wieder hoffähig, weil notwendig.
War denn die alte Bundesrepublik mit ihren Bestrebungen des sozialen Ausgleichs und dem solidarischen Einstehen für die Schwachen so schlecht, dass Sie gerne den harten Weg der Entsolidarisierung gehen möchten? Schauen Sie sich doch das Musterland der freien Marktwirtschaft an. 40Millionen auf Essensmarken, 50 Millionen ohne KV, Ghettoisierung, größte Einkommenschere etc.. Was ist denn da bloß falsch gelaufen? Hm… vielleicht die mangelnde Regulierung?
Das Modell des absolut freien Marktes zieht nicht mehr, empirisch zig Mal gescheitert. Dass müssten auch Sie erkannt haben. Und Europa oder USA tun dies ja auch, wenn sie bspw. gelegentlich ihre Binnenmärkte vor dem freien globalen Wettbewerb zu schützen versuchen.



