Was ist der Verstand? Wie funktioniert er? Sind wir überhaupt die Person, die wir zu sein meinen? Naturwissenschaftler erschüttern derzeit unseren Glauben an die Macht unseres eigenen Geistes - und an unsere individuelle Freiheit. Das hat politische Konsequenzen.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...817337,00.html
Nur wenn man der chauvinistischen Denkweise folgt, dass Selbsterkenntnis den Menschen vom Tier unterscheidet - und ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Katze sich für eine Katze hält und ein Hund für einen Hund.
;)
Der Mensch ist dem Tier - einem sehr gefährlichen, skrupellosen Raubtier - näher als er zugeben möchte. Und immer öfter blättert die dünne Schicht Zivilisation ab und zeigt das Tier und nicht den Menschen darunter.
Es ist doch zu begrüßen, daß so allmählich naturwissenschaftliche Logik bei den Geisteswissenschaften ankommt. Daß die unsägliche "Dualität" von "Geist" und "Materie" allmählich in die ideologische Ecke versinkt, wohin sie gehört.
Wer nun erschrocken aufschaut, weil deutlicher wird, daß wir zwar das am höchsten komplexe biologische System im Kopf haben, uns damit indes eben nicht von den anderen Arten generell unterscheiden, sondern allenfalls graduell - der sei getröstet: Das, was Mensch unter "Freiheit" versteht - also die Möglichkeit, nach gehöriger Reflektion zwischen Alternativen zu wählen - wird dadurch nicht in Frage gestellt, sondern sogar erstmals auf die Füße gestellt.
Ich empfehle dazu die Lektüre des Büchleins von Peter Bieri / Pascal Mercier: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens.
"Vielleicht verlieren wir langsam den Verstand."
Ich nehme mal an, daß der Autor hier im
Pluralis maiestatis von sich spricht...
Der Sinngehalt seiner Kolumnen legt diesen Verdacht jedenfalls nahe.
Plutarch erwähnt irgendwo einen Graffiti aus dem alten Athen, der da lautete:
"Je mehr einem bewußt wird, nur ein Mensch zu sein, desto ähnlicher wird man einem Gott."
Wer weiß? Vielleicht ist da sogar etwas dran.
Wieviel Verstand benötigt ein Mensch denn?
In kosmischen Dimensionen könnte man einiges aus anderer Perspektive zu betrachten versuchen (s.a. Bibel).
Weil Venus ein niederer Planet ist, zeigt sie Phasen, wenn sie von der Erde aus beobachtet wird.
Und außerdem ist sie ein Planet.
Planeten haben mit moderner Religion nichts zu tun.
Rein gar nichts.
das ist weniger ein Problem der Geisteswissenschaftler als der Theologen.
Jedem Normalsterblichen leuchtet es sicher auch ohne Promotion in den Naturwissenschaften ein, dass jeder Mensch sein Gehirn ist.
Und wenn das Gehirn anlagebedingt oder durch Alter, Krankheit oder einen Unfall defekt ist, dann ist auch die Persönlichkeit, das "Ich", gestört.
Nur Theologen postulieren ein vom Gehirn unabhängiges "Ich", eine "Seele", einen Geist. Der dann auch noch unsterblich sein soll.
Auch dass unser Gehirn Entscheidungen trifft, die uns nicht "bewusst" sind, muss niemanden erstaunen oder entsetzen. Unser Gehirn funktioniert halt anders als viele von uns dachten. Trotzdem ist jede unserer Handlungsweisen ganz und gar unsere eigene. Unser Gehirn ist ebensowenig ein fremder Körperteil wie unsere Hände etwa nicht unsere eigenen wären.
Ich bin ein Freund dieser biologistischen Wende in der Betrachtung des Menschen, deshalb vielen Dank für diesen zustimmenden Beitrag.
Nur eines möchte ich anzweifeln:
Viele der Theoreme der formalen Wirtschaftstheorie, die auf der Fiktion des homo oeconomicus aufbauen (d.h. des rationalen, informierten Menschen, der immer weiß was gut für ihn ist), werden m.E. bei einem realistischeren Menschenbild nicht falsch. Beispiele:Zitat von Aus dem Artikel
(a) Bei vielen dieser Theoreme reicht es, anzunehmen, dass es zumindest niemand anders besser weiß, was für ihn gut ist, als der Einzelne, und wenn doch, dass die Kosten der paternalistischen Intervention, die nötig wäre, den einzelnen zu diesem Besseren zu bekehren, höher sind als der Wert der Verbesserung.
(b) Ein zweiter Ansatz: die Marktwirtschaft ist ein sehr guter Mechanismus, die Handlungen der verschiedenen Menschen zu koordinieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob es die Handlungen von voll rationalen und voll informierten homines oeconomici koordiniert, oder die Absichten von biologistisch getriebenen Individuen; ihre Koordinierungsaufgabe erfüllt sie so oder so, und zwar billig, zuverlässig, und ohne die Notwendigkeit eines koordinierenden Großen Bruders. Wenn das nicht schon ziemlich gut ist...
Die Hoffnung, die neuen Verhaltensansätze würden die traditionelle Volkswirtschaftslehre einfach mal so umpusten, halte ich jedenfalls für verfrüht.
Ein schöner Satz, zeigt er doch wieder einmal dass der Vulgärmaterialismus argumentativ längst am Ende ist. Diese ganzen "nicht der Mensch entscheidet sondern sein Gehirn"-Argumente sind eine sprachliche Perversion: Die Dualität von Geist und Materie soll widerlegt werden, indem man sich genau auf diese Dualität beruft. Täte man das nämlich nicht - was für jeden Materialisten/Atheisten konsequent wäre! - dann IST der Mensch sein Gehirn (inkl. der anderen Organe), und somit entscheidet IMMER der Mensch. Eine Widerlegung des freien Willens auf Basis des Arguments, dass ja das Gehirn entscheide und nicht der Mensch, ist logisch gesehen absoluter Schwachsinn, denn rein materialistisch betrachtet gibt es keine Trennung zwischen Mensch und biologischem Körper - der Mensch IST sein biologischer Körper.
Ich persönlich finde es aber beruhigend - und einen Beweis dafür dass wir Menschen keineswegs bloß Tiere sind - dass unser Verstand so mächtig und flexibel ist, dass er sogar das ausweglose Unterfangen unternimmt, sich selbst widerlegen zu wollen. Das ist so wie wenn man in den Spiegel guckt und sich einredet: Mich gibts eigentlich gar nicht, ich bin nur eine Illusion im Spiegel.
Von einer materialistischen Dekonstruktion des Geistes sind wir heute weiter entfernt als je zuvor. Wir wissen, wie das Gehirn funktioniert: Als große Datenverarbeitungsmaschine auf der Basis elektrischer Signale, mit logischen Verknüpfungen die sich prinzipiell kein bischen von denen eines Computers unterscheiden. In absehbarer Zukunft wird die Rechenkapazität ausreichen ganze Gehirne im Computer zu simulieren. Die spannenden Fragen (bis heute völlig ungeklärt!) lauten Qualia und Intentionalität: Was unterscheidet einen Schmerzimpuls in meinem Arm von einem elektrischen Impuls in einem Toaster? Wieso geht der eine Implus im Hirn mit Schmerzen, der andere aber mit Wohlbefinden einher? Physikalisch unterscheiden sie sich nicht; die Gefühle und subjektiven Eindrücke lassen sich physikalisch nicht dekonstruieren. Sie sind ECHTE Entitäten, über deren Herkunft wir genau gar nichts wissen. Wir haben bis heute nicht den kleinsten Erklärungsansatz dafür was Bewusstsein eigentlich ist. Ganz sicher wird die Antwort nicht in immer neuen Computertomographien und Gehirnaufzeichnungen zu finden sein. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie aus der Quantenphysik kommen wird, die klare Hinweise zeigt dass Bewusstsein und Information grundlegene Größen sind und nicht nur Gespinste eines biologischen Hirns. Dann allerdings wird der Materialismus endgültig am Ende sein, und auch Herr Brook's Geist wird sich wieder sinnvolleren Dingen zuwenden können als seine eigene Nichtexistenz beweisen zu wollen.