"werktreue" war nicht gefordert. Ich war sehr angetan bis zum Schluss, da brabbelte ein Udo L. grausamste englische Pop-Musikzeilen und verhunzte so beinahe das ganze Vergnügen an dem gelungenen Fernsehfilm.
SWRIdol-TÜV zum 50. Todestag: Die ARD-Verfilmung von Hermann Hesses Erzählung "Die Heimkehr" zeigt, wie aktuell das Werk des Nobelpreisträgers heute noch ist. Bei Jo Baier ist der Stoff genau in den richtigen Händen, um eindrucksvoll vom Verlieren und Finden der Heimat zu erzählen.
http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,830861,00.html
"werktreue" war nicht gefordert. Ich war sehr angetan bis zum Schluss, da brabbelte ein Udo L. grausamste englische Pop-Musikzeilen und verhunzte so beinahe das ganze Vergnügen an dem gelungenen Fernsehfilm.
Zitat: „Hesses "Heimkehr" ist aber keine Tragödie, sondern eine Art sanfter Exorzismus.“
Den muss ich übersehen haben, außerdem ist Heimat kein Werk des Teufels. Mir fiel während des Zuschauens mehrmals die Verfilmung von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ ein. Das ist zwar eine andere Story, das Drama von der Rache an der Heimat, und man kann die böse Claire Zachanassian auch nicht mit August Schlotterbeck vergleichen, aber die Milieus ähneln sich – der Regisseur Nikolaus Leytner setzte die Erzählung ziemlich direkt um, das war gut so.
Jo Baier hat überzeichnet – der Autor des Artikels, Nikolaus von Festenberg, nennt die Inszenierung rund, ich finde sie eher hakig und insulär, zum Beispiel die Einladung zum Essen beim Vetter, Maultaschen-Suppe, zu plump serviert, oder die zu durchsichtigen Dialoge mit dem darbenden Idealisten, der für von Festenberg das „Alter Ego“ des Zurückgekehrten ist und der von einem Hirntumor (?) dahingerafft wird. Mir war die Verrückte zu verrückt, Heike Makatsch als Witwe zu rein, fast sphärisch – doch sie sammelt im Dunkeln Pferdeäpfel, um damit als Gartenkünstlerin ihre Blumen zu nähren, und Schlotterbeck blitzt über dem Mist wieder ab, na ja... auch die Bürgermeistersfrau, gut gespielt von Margarita Broich, doch zu jämmerlich, zu leidend, zu versoffen, die Szene auf der Fensterbank plakativ, misslungen.
Filmische Verdichtungen des Kleinkarierten können allzu leicht klebrig wirken. In den Köpfen der deutschen Regisseure wird der Heimat offenbar eine Art Standardatmosphäre zugeordnet, ein Pfannkuchen aus Gefühlen, der immer gleich schmeckt. Auch die Örtlichkeiten und die Komparsen, alles zu holzschnittartig und schablonenhaft, wenig Feingefühl, wiederkehrende Regiefehler, besonders was die Kleidung der Komparsen anbelangt: authentisch, aber zu sauber und zu adrett, Komparsen wie Puppen. In deutschen Krimiserien gibt es übrigens auch einen notorischen Fehler: Die Schauspieler trinken ihren Kaffee immer aus leeren Bechern, das merkt man, sie schwingen mit dem Becher in der Hand herum, so dass der Kaffee eigentlich gegen die Fensterscheiben spritzen müsste – und dann nehmen sie wieder einen Schluck.
Es scheint, dass der Regisseur das Werk stark dem Zeitgeist angepasst*) und (auch politisch korrekt) verfilmt hat. Entmietung aus Profitgier, Verfrachtung von Alten und Behinderten in Pflegeheime, ...
Das gehört heutzutage in jeden Fernsehfilm.
Das ist ja legitim, wirkt aber in den meisten derartigen Fernsehfilmen peinlich bemüht.
Ein Grund den Film anzusehen und zu prüfen ob nicht nur ein geringfügig besserer, moralisierender "Bergdoktor" entstanden ist.
*) " ... Er schreibt neue Figuren in die Erzählung ... wohnt nicht wie bei Hesse außerhalb, ... alten Fabrik, die die Stadt geschäftstüchtig neu vermieten will.
... die Witwe wird nicht nur wie in der Erzählung ..., sondern ganz direkt von scheinheiligen und zugleich geilen Männern ... schwachsinnige Schwägerin ins Irrenhaus verfrachten möchte.
Wo bei Hesse ..., bekommt bei Baier die Brutalität der Enge ein Gesicht. Mord und Brandstiftung inklusive.
Leonore, die Bürgermeistersgattin, bei Hesse nur eine Nebenfigur, ...
Den Helden August hat Baier ziemlich genial verdoppelt ... "
Wer mit Hesse nach seiner "Pubertät" nichts mehr anzufangen weiß der hat die Bücher leider nie verstanden.
Übrigens, eines der m.E. herausragendsten Bücher von Hermann Hesse, "Siddharta", wurde bereits 1972 durchaus gelungen verfilmt:
Hermann Hesse Siddharta (Deutsch) - YouTube
Ich habe es nicht bereut, den Film angeschaut zu haben. Mir ist aufgefallen, daß ich mich auch gerne von der Idylle blenden lasse und dann lieber nicht in die dunklen Ecken schaue.
Auch die Darstellung von Engstirnigkeit und Bigotterie hat mir gefallen, zwar etwas holzschnittartig, aber dezenter geht vielleicht nicht bei einem kurzen Film.
Was mich sehr gestört hat war, daß die beiden, der Rivale und die behinderte Schwägerin, rechtzeitig gestorben sind, damit der Fremde und die Witwe - wie von Anfang an zu vermuten war - zueinander finden konnten. Auch in Schundromanen sterben die störenden Personen immer rechtzeitig.
Ich werde mir die Geschichte von Hesse vornehmen und im Kopf mit den schönen Bildern aus dem Film illustrieren.
Fazit: Gerne mehr Literaturverfilmungen - Verbesserungen sind immer möglich.
... wollte nur ein bisschen darauf aufmerksam machen, dass Engstirnigkeit keine Sache des Ortes ist, an dem man lebt :-)
Das haben Sie nun eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Merci.
Hesse lesen hilft ... aber man muss ihn auch verstehen ... sonst nuetzt auch ein Umzug nach Auckland nix.
Wuerde auch mal gern nach Auckland reisen ...