Zitat von
raketenprinz
Berlin erlebt momentan eine enorme Mietensteigerung, was nicht ohne soziale Folgen bleibt: günstiger Wohnraum wird knapp, gleichzeitig ist die Kaufkraft in Berlin deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, insbesondere in den Innenstadtbezirken, zu denen auch Kreuzberg gehört. Das ist ein Problem.
Doch wer den Aufruf der Gegner liest, der merkt bald: Hier geht es nicht um Gentrifizierung, hier geht es auch nicht um das (wohlgemerkt temporäre) Projekt, es geht auch nicht um das Guggenheim, sondern es geht um die ganz große antikapitalistische Keule, um BMW: "BMW ist nicht irgend eine Marke, sondern ein besonders konservativer Konzern mit einer besonders üblen Vergangenheit. Ein großer Teil des Grundkapitals stammt aus Arisierungen und der Ausbeutung von Zwangsarbeiter_innen während der Herrschaft der Nationalsozialisten...."
Entsprechend schreiben die Gegner in ihrem Aufruf auch: "Wir unterstützen alle Versuche, das geplante „Lab“ im Interesse der Anwohnerinnen und Anwohner zu verhindern." In Kreuzberg ist das ein Freibrief - nicht (physisch) gegen Menschen, sehr wohl aber gegen Sachen.
Wie diskursfähig, wie demokratisch und wie sachlich angemessen ist ein solcher Aufruf? Diese Frage stellen sich die Gegner nicht. In der Eigenwahrnehmung kämpft man/frau für das Gute, und zwar gegen das Böse. Da bedarf es keiner intellektuellen Anstrengungen mehr, ob das eigene Verhalten legitim ist, ob es überhaupt zweckdienlich ist, und ob man selbst überhaupt debattenfähig ist. Hier geht es um ganz spießige, im Kern konservative Besitzstandswahrung: alles soll so bleiben, wie es ist. Mer lasset uns unseren Kiez net kaputtmache...
Wie gesagt: steigende Mieten bei unterdurchschnittlichen Einkommen sind ein Problem. Aber wäre ein nicht ähnlich dringendes Thema wie die Mietsteigerungen auch die Frage, wie wir die wirtschaftliche Kraft eines jeden einzelnen, gerade in den unteren Einkommensschichten, erhöhen? Arm ist nicht sexy. Arm ist arm. (Reich ist auch nicht sexy, aber zumindest bundesdurchschnittliches Einkommen erhöht nachweislich auch die Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe.) Mit dieser Debatte hat das Lab aber allenfalls am Rande was zu tun.