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Großmeister Jarrett in Berlin: Keith kämpft gegen die deutsche Arroganz
Huster und Schwadroneure waren daheim geblieben, Fernsehen und Radio auch. Die Bedingungen für den Auftritt des sensiblen Jazz-Großpianisten Keith Jarrett in der Berliner Philharmonie waren also fabelhaft. Blieb nur ein Problem: Im Konzertsaal saßen keine Japaner.
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0...654823,00.html
- #70 16.10.2009 19:14 von
.
Hört sich zwar mächtig gewaltig an, ist aber leider dennoch falsch. Diese andächtige Konzertrezeption durch ein schockstarres Bildungsbürgerpublikum ist eine relativ neue Erfindung der 20sten Jahrhunderts. Zu Lebzeiten von Bach, Mozart, Beethoven & Liszt ging's dbzgl. wesentlich lockerer zu, und alle großen klassischen Komponisten wurden von ihren Zeitgenossen ebenfalls für ihr legendäres Improvisationstalent gerühmt und bewundert.
- #71 17.10.2009 00:36 von
...
Weiß man, wie viele Japaner sich nach solch einem Konzert wegen akuter Apnoe in ärztliche Behandlung begeben müssen? :-D
Aber ernsthaft: Mir ist schleierhaft, wie Jarrett es schafft, das extrem verwestlichte und massenhysterische japanische Publikum in Schach zu halten. Und das angesichts der Tatsache, dass es in Japan 100 Millionen UMTS-Smartphone-Nutzer gibt, doppelt so viele wie in den USA.
Für Konzerte vor dem "unerzogenen und störrischen" deutschen Publikum würde ich Jarrett jedenfalls den Einsatz eines guten In-Ear-Monitoring-Systems empfehlen. Das blendet die Publikumsgeräusche dezent aus und sorgt so dafür, dass der Meister das, und nur das tut, wofür er bezahlt wird: fürs Spielen. - #72 17.10.2009 08:48 von
Verhaltensmuster
Danke für den Rat, Hoppeditz, aber ich habe mich schon längst darauf eingestellt, dass sich wohl an den Verhaltensmustern nichts ändern wird und sehe das ganze mit Humor. Das Verhalten ein paar weniger im Publikum wird in der Wahrnehmung dadurch nicht weniger infantil. Das Jarrett sich durch die Art und Weise wie er mit dem Publikum umgeht nur selber Leid zufügt, liegt natürlich auf der Hand.
- #73 02.11.2009 15:55 von
Vergleich
Noch einmal zurück zu den sogenannten Fähigkeiten eines Pianisten. Warum soll ich Äpfel mit Birnen vergleichen? Wozu diese Vergleiche völlig unterschiedlicher Pianisten? Keith Jarrett jedenfalls hat eine Unmenge an Jazz-Alben eingespielt, Bach serienweise ins Mikrophon gehämmert - und wie gut, sein Köln-Konzert in einer sehr präzisen Form aufgeschrieben, eine Unzahl an Kompositionen und Improvisationen vorgelegt. Was soll er noch bringen? Über Kopf spielen? Wie Mozart? Seine Fähigkeiten können nicht ernsthaft zur Diskussion stehen.
- #74 12.11.2009 09:30 von
Borniertheit
Es ist wohl anzunehmen, dass ein Ausnahmekünstler wir KJ, der Zeit seines Schaffens so gelobt, gehypt und angebetet wird, nun eines Tages die Bodenhaftung verliert. Das ist weder ein besonders verwunderndes noch ungewöhnliches Phänomen.
War ein Künstler Anfangs einer Karriere froh, ein sauberes Handtuch und eine Flasche Wasser auf der Bühne vorzufinden, so hat sich nach X Millionen verkauften Alben das Publikum an SEINE Vorstellungen der Inszenierung auf der Bühne zu halten. So wird die Erwartung umgedreht, dass ein Künstler der von seiner Kunst leben will, eben diese Erwartung aus der Sicht verliert und unter Umständen ins Leere läuft.
Das hat IMHO nichts mehr mit darbietender Kunst vom Künstler für Menschen zu tun sondern beschränkt sich auf die egozentrischen Auslebungen eines Kunstwesens (nicht die Person sondern die Figur "Keith on Stage").
Man könnte es auch schlicht Borniertheit nennen. - #75 18.11.2009 13:22 von
Geht auch anders
Das mag auf manche Künstler zutreffen (siehe auch den aktuellen Fall:
http://www.spiegel.de/kultur/musik/0...1946,00.html)- ich würde mich jedoch vor einer Verallgemeinerung hüten.
So hat es ja bei manchen Diven auch eine gegenteilige Entwicklung gegeben: Lou Reed oder Leonard Cohen, die früher vor lauter emotionaler Befindlichkeit nicht mit der Zange anzufassen waren, geben heute wunderbar entspannte Konzerte. - #76 18.11.2009 14:14 von het
..
Ein wunderbar entspanntes Konzert hat der Herr allerdings wieder einmal knapp verfehlt.
Entspannt wird man die Selbstverstaendlichkeit eines ununterbrochenen Konzerts nennen koennen.
Ein Grossmeister, der allerdings mitten im Konzert sein Instrument stimmen laesst, hat seine Profesionalitaet verfehlt.
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