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Großmeister Jarrett in Berlin: Keith kämpft gegen die deutsche Arroganz

Huster und Schwadroneure waren daheim geblieben, Fernsehen und Radio auch. Die Bedingungen für den Auftritt des sensiblen Jazz-Großpianisten Keith Jarrett in der Berliner Philharmonie waren also fabelhaft. Blieb nur ein Problem: Im Konzertsaal saßen keine Japaner.

http://www.spiegel.de/kultur/musik/0...654823,00.html
  1. #60

    klassische Ausbildung

    Ob K.J. eine klassische Ausbildung hat oder nicht, interessiert doch gar nicht. In der sog. Welt der Klassik werden pausenlos von Geräuschen begleitete Konzerte gegeben. Ich denke hier nicht nur an das Hüsteln insbesondere in der kalten Jahreszeit, sondern auch an die vielen Geräusche, die allerorten von außen, bspw. ein vorbeischwirrendes Martinshorn, in den Konzertsaal getragen werden. Bei der Interpretation einer gottväterlichen Klaviersonate eines Beethoven muß jeder Pianist damit rechnen, daß das gerade realisierte Werk von Geräuschen überlagert wird. Welcher 'klassische' Solo-Pianist hört da einfach auf?
    Erinnert sei auch daran, daß ein K.J. einmal klein angefangen hat. Trotz seiner eher exaltiert wirkenden Eskapaden hat auch dieser Pianist Zeiten im Jazz-Keller oder auf der Bühne erlebt, während derer er sich in musikalisch-pianistischer Selbstbeherrschung bei derlei Anlässen üben mußte. Nunmehr kann er es sich leisten, aber überdreht bleibt es, völlig abgesehen von dem Eintritt, der überhaupt nur von Handy-Besitzern aufgebracht werden kann.
    Nichts von dem hier Geschriebenen soll, das sei anschließend betont, seine unglaublichen Leistungen als Musiker schmälern.
  2. #61

    ..

    [QUOTE=jazzistoteles;4429647
    Ich weiß nicht, wie ausgebildet ihre Verbindung zu klassischer Musik ist, aber nicht nur Keith Jarrett pflegt, ein Konzert abzubrechen, weil die Zuhörer die bestimmte Bedingungen nicht einhalten können. Ich wage sogar zu sagen, dass es in der reinen Klassik strenger zuläuft!
    [/QUOTE]

    Sehr oft scheinen Sie Klassikkonzerte nicht besucht zu haben, denn genuessliches Abhusten oder ein vergessenes Handy gehoeren zum Standard und werden genauso toleriert wie die beruehmten berliner Buhrufe, wenns mal nicht so laeuft.
    Es gibt seltene Ausnahmefaelle, wo, jetzt mal berlinbezogen, zB. Barenboim ein Konzert kurz unterbrochen oder Rattle eine freundliche Bitte abgelassen hat.

    Da sind wir schon bei Jarretts Problem.
    Die genannten Leute sind, wie auch zB. Lang Lang als hiesiger Pianist of Residence, mitsamt ihrer Orchester auf dem Hoehepunkt ihrer Leistungsfaehigkeit und aktuelle Weltstars.

    Unuebersehbar zehrt dagegen Jarrett von seinem Ruf, ist mitsamt seinem Publikum in die Jahre gekommen und verschaetzt sich grandios in seinem Groessenwahn, das verwoehnteste Publikum in einem der mythischsten Saele der Welt (aufgrund der Groesse dazu fuer ein Solokozert voellig ungeeignet) massregeln zu koennen.

    Lernen muss er, den grosszuegig zahlenden Zuhoerern zunaechst eine erstklassige Leistung, bestenfalls ohne sein albernes, wohl sinnliche Verklaerung andeutendes Stoehnen, abzuliefern.
    Ob sein Sitzkissen klemmt oder der Magen draeut oder seine Kunden unwillkuehrlich husten muessen...an diesem Ort sind bessere Leute bescheidener geblieben.

    Schoen fuer Sie, dass Sie (noch immer) voller Begeisterung fuer seine Selbstdarstellung sind.
    Allerdings findet man die ganz ueberschaeumende, auf eine Person fokussierte Begeisterung meistens bei Leuten, denen ein breiteres Spektrum an guten Protagonisten bisher verwehrt geblieben sind.

    Jarrett ist einer von vielen guten Pianisten.
    Moechte man ihn in Relation zu anderen setzen, sollte man vielseitiger und vor allem mehr hoeren.
  3. #62

    Es war ein klasse Konzert!!

    Ich gehöre zu denjenigen , die die Gelegenheit am Montag hatten , Keith Jarrett live zu erleben (nebenbei gesagt sollte man denen das Handwerk legen,die im Mai mehrere Tickets gekauft haben und dann damit bei ebay Geschäfte machen.Damit wurde anderen Fans die Möglichkeit genommen,sein Konzert zu erleben).
    Die Aufregungen und unterschiedlichen Meinungen zum Montagabend kann ich nachvollziehen.Wer sich allerdings im Vorfeld des Konzerts ein bischen kundig gemacht hat (und das waren die meisten im Saal),wußte , auf was er (oder sie) sich einläßt.Mal abgesehen vom Hüsteln und Handygebimmel gab es leider auch "Zuhörschauer" , die unbedingt mit Piccolo-Flasche und Glas Platz nehmen mussten und denen ihr Gläsergeklirr anscheinend egal war.
    Ich hatte bei manchem am Montagabend sowieso das Gefühl ,dass einige nur gesehen werden wollten...das ist trendy..
    -----------------------------------------------
    Zum Konzert selbst:für mich persönlich war es DAS Konzerzerlebnis in diesem Jahr (vor ca. 20 Jahren war ein Jarrett-Konzert ein Wunschtraum da ich aus der ehemaligen DDR komme...Und ich beneide auch etwas diejenigen hier im Forum,die ihn schon mehrmals live sehen konnten).
    Wer sich nur ansatzweise in der Theorie mit Improvisation ,die beim modernen Jazz Grundlage ist , beschäftigt hat,wird wissen , dass es gerade bei Solokonzerten ein hohes Maß an Konzentration verlangt.Wer seine Soloplatten hat,wird ausserdem wissen , dass seine Solotitel keine Namen haben,sonder nur Nummern (Stück usw.).
    Jedes Geräusch wirkt sich dann nicht nur störend aus,sondern wird bei den heutigen sensiblen technischen Hör-Möglichkeiten als solches empfunden.

    Gefreut habe ich mich am Ende über 4 Zugaben (wer macht das heute noch?) und ein Konzert von 2 1/4 Stunde.Seine "Macken" seien ihm verziehen.
    Keith Jarrett hat Musikgeschichte geschrieben und wir haben am Montag einen ganz Großen seiner Zunft erleben dürfen.
    Vielleicht erscheint bald bei ECM ein Konzertmitschnitt vom 12.10. aus der Berliner Philharmonie.
  4. #63

    Infantile

    Keith Jarrett war in Berlin 'gut drauf'. musikalisch wie auch emotional. Wie schon berichtet, hat er kurz dazu Stellung genommen, dass 1. jemand nicht ausreichend präsent war, sein Handy auszuschalten und 2. ein anderer, trotz Hinweis beim Ticketkauf auf der Webseite, trotz Hinweis auf dem Ticket, trotz Hinweis per Beamer im Saal und trotz der Bitte des MCs vor dem Konzert, sich nicht beherrschen konnte und erst mit Blitz versuchte ein Foto zu machen und danach mit dem bereits erwähnten Rotlicht nervte.

    Wie infantil muss man sein, um sich so respektlos gegenüber dem Künstler und den anderen Besuchern zu verhalten? Kein KJ Konzert vergeht (es war mein 15tes), ohne das sich irgendein Trottel das Recht heraus nimmt, sich über den ausdrücklichen Wunsch des Künstlers hinwegzusetzen.

    Es ist natürlich schade, dass die 99,99 % die sich korrekt verhalten, mit dem oder den Idioten abgestraft werden wenn, wie in Verona geschehen, KJ im 2. Set nach 25 Minuten die Bühne verlässt und das Konzert abbricht. Da stellt sich mir die Frage, kann man das Fotografieren nicht durch Androhung einer saftigen Strafe versuchen zu unterbinden?
  5. #64

    Hustenanfälle

    Zitat von chinchoro Beitrag anzeigen
    Wie infantil muss man sein, um sich so respektlos gegenüber dem Künstler und den anderen Besuchern zu verhalten? Kein KJ Konzert vergeht (es war mein 15tes), ohne das sich irgendein Trottel das Recht heraus nimmt, sich über den ausdrücklichen Wunsch des Künstlers hinwegzusetzen.
    Autsch - da rollts einem ja völlig synkopenfern die Fußnägel hoch. Richten Sie sich darauf ein, dass Sie auch noch in Ihrem 30sten KJ-Konzert solche "Trottel" erleben werden - die sind systemimmanent, weil sie die (dem Meister offenbar aus der Wahrnehmung gerutschte) Wirklichkeit repräsentieren.

    Wie infantil muss man sein, um wie Jarrett seit Jahr und Tag gegen dieselbe Wand anzurennen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch das Publikum zu stressen? Und wie infantil muss eigentlich ein Publikum sein, dass, glaubt man der Märkischen Allgemeinen, sich von Jarrett unwidersprochen sagen lässt, es sei ein unerzogenes, störrisches Kind und er selbst der Vater.
    Spätestens hier wäre für mich der Moment gekommen, wo ich unter verschärften Hustenanfällen den Ort dieses grausligen Geschehens verlassen hätte.

    Zitat von chinchoro Beitrag anzeigen
    Es ist natürlich schade, dass die 99,99 % die sich korrekt verhalten, mit dem oder den Idioten abgestraft werden wenn, wie in Verona geschehen, KJ im 2. Set nach 25 Minuten die Bühne verlässt und das Konzert abbricht. Da stellt sich mir die Frage, kann man das Fotografieren nicht durch Androhung einer saftigen Strafe versuchen zu unterbinden?
    Na toll, dann geht es irgendwann wohl nicht mehr darum, wie gut er war, sondern nur noch darum, wann er abgebrochen hat. Angesichts dieser peinlichen Egozentrik stellt sich mir eher die Frage, ob es richtig ist, den Wahn solch eines selbsternannten Zuchtmeisters durch Konzertkartenkäufe auch noch zu sponsern.
  6. #65

    Und, und, und.

    "Sehr oft scheinen Sie Klassikkonzerte nicht besucht zu haben, denn genuessliches Abhusten oder ein vergessenes Handy gehoeren zum Standard und werden genauso toleriert wie die beruehmten berliner Buhrufe, wenns mal nicht so laeuft."

    @het: Ich besuche regelmäßig klassische Konzerte und bin selbst ein klassisch ausgebildeter Musiker. Keinesfalls wird Geklingel in einem Konzertsaal mittlerweile toleriert. Nicht einmal habe ich erlebt, dass solch ein Ereignis ohne negative Folgen für den Verursacher bleibt - in welchem Maße auch immer. Warum auch? Es ist weder egal, noch kann man es "einbauen" (vor allem in die klassische Musik - besuchen Sie Konzerte der "Neuen Musik", wenn Ihnen diese Form der aktiven Beteiligung seitens des Publikums zuspricht)! Weitesgehend nimmt der Zuhörer nicht aktiv am Geschehen teil, somit empfindet wir es selbstverständlich als Störung, sollte etwas Derartiges geschehen.

    "Abhusten" steht nicht zur Debatte, wie sie vielleicht der vorangegangenen Diskussion entnehmen können. Waren Sie am Montag dabei? Scheinbar nicht.


    Übrigens: Aufgrund ihrer durchaus abschätzenden Bemerkungen ist es offensichtlich, dass es Ihnen verwehrt ist, diese Form des Jazz als Genuss zu empfinden. Er ist ein genialer Musiker und bietet völlig Anderes als beispielswiese Lang Lang! Ich verstehe Ihren Vergleich nicht.
  7. #66

    .

    @Hoppeditz: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Japaner?
  8. #67

    ..

    [QUOTE=jazzistoteles;4433051
    Übrigens: Aufgrund ihrer durchaus abschätzenden Bemerkungen ist es offensichtlich, dass es Ihnen verwehrt ist, diese Form des Jazz als Genuss zu empfinden. Er ist ein genialer Musiker und bietet völlig Anderes als beispielswiese Lang Lang! Ich verstehe Ihren Vergleich nicht.[/QUOTE]

    Schaun Sie, wer sein Konzert mehrmals unterbricht, um sein Publikum zu belehren, wer mitten im Konzert sein Piano stimmen lassen muss, weil ploetzlich ein Ton nicht gefaellt, der verhaelt sich abseits aller Professionalitaet.
    Man muss masochistisch veranlagt sein, um fuer ein solches Stueckwerk bis zu 170 Euro abzuliefern und das als Zeichen der Genialitaet zu bezeichnen.

    Das Ganze in einem Konzertsaal, der Horowitz, Gulda, Brendel gesehen hat und in dem alltaeglich! die Besten zu hoeren sind.
    Und da kommt der Vergleich mit Lang Lang, aktueller Pianist of Residence! im selben Saal.

    Mal davon abgesehen, wer von beiden der groessere Pianist sein mag...Ihnen wird als "klassisch ausgebildeter Musiker" nicht entgangen sein, dass Jarretts Wirken immer mehr einer Zitatesammlung klassischer Motive aehnelt, wobei seine behauptete Genialitaet (also Schoepfungskraft) auf eine sehr angelssaechsische Weise dem Publikum durch seine albernen Maetzchen erst nahegebracht werden muss.

    Zitate heisst..der Herr hat seine, ausschliesslich der klassischen Musik gewidmeten, lange Auszeit vom Jazz dazu verwendet, um seine Werke durch eine bunte Mischung von Motiven anderer Musiker, sagen wir es gnaedig, zumindest weitlaeufig zu ergaenzen.
    Bezogen auf die behauptete Schoepfungskraft hat ihn getroffen, was viele zitierende Jazzer trifft:
    eine bewaehrte Mischung wird lediglich neu umgeruehrt, das uebliche Zeichen des Ausgebranntseins.

    Einen Guetevergleich werden Sie aufgrund dieser musikalischen Orientierung daher mittlerweile sicher nicht mehr mit Art Tatum, Oskar Peterson, Bill Evans, Michel Petrucciani sondern mit eben mit Horowitz, Brendel, Argerich und besagtem Lang Lang ziehen muessen.

    Und da ist das Hoeflichste, was sich sagen laesst, dass mit dem grandiosen, rufbegruendenden Koeln-Konzert seine Kreativitaet eine ziemlich lange Pause eingelegt hat.
    Sprich: Jarrett muss seine neue musikalische Identitaet nicht nur suchen, sondern irgendwann auch mal finden.

    Mit seinen laecherlichen, angelsaechsischen Maetzchen und Ablenkungsmanoevern a la Glenn Gould kann er nur noch bei seinem weisshaarigen Stammpublikum punkten.

    Manchmal reicht eben der Ruf einer lebenden Legende noch fuer einen kraeftigen Zahltag aus.
  9. #68

    Jo, the baaad göööörmans!

    Zitat von camemberta Beitrag anzeigen
    Dennoch bleibt so ein Konzert Schwerstarbeit für den Aufführenden.
    Hm, Schwerstarbeit nur dann, wenn man unzureichend vorbereitet ist. Natürlich kommt auch Jarrett nicht auf die Bühne, ohne eine gewisse "Idee" zu haben.
    Zitat von camemberta Beitrag anzeigen
    Profi hin, "Idioten im Publikum" her - Sie finden es also als dem Musiker zuzumuten, dass auf seine deutlichen Bitten hin selbstverständliche Höflichkeits- und Verhaltensregeln nicht eingehalten werden, der hat das wegzustecken.
    Halte es für möglich, dass der Konzertbesucher glaubte sein Handy abgeschaltet zu haben. Leider aber...
    Sowas kann immer mal passieren. Man müsste dann die Besucher eigentlich bitten das Handy vorher abzugeben. Ansonsten wird es wohl zu solchen Fehlern kommen. Und damit muss der Musiker dann eben rechnen.

    Aber den Deutschen mit dem altbackenen Stereotyp zu kommen, sie seien arrogant, ist schon eklig. Man stelle sich mal vor irgendeine andere Volksgruppe würde derart beleidigt werden. Das gäbe einen Tanz. Nur die Deutschen müssen sich so einen Kappes immer wieder anhören. Wir dürfen uns beim Veranstalter bedanken, dass der Holocaust in der Schublade blieb. Obwohl, wenn Jarrett so weiter macht;-)
  10. #69

    ..

    "Schaun Sie, wer sein Konzert mehrmals unterbricht, um sein Publikum zu belehren, wer mitten im Konzert sein Piano stimmen lassen muss, weil ploetzlich ein Ton nicht gefaellt, der verhaelt sich abseits aller Professionalitaet."

    @het: Meines Erachtens hat er den Stimmer ohne Notwendigkeit auf die Bühne gerufen - einen Spaß wollte er sich wohl erlauben. Der Stimmer konnte nämlich, so weit ich es gesehen, weniger gehört habe, nichts Gravierendes feststellen.

    Es mag sein, dass seine Musik mit den Jahren überbewertet geworden ist; den Trubel, der stets veranstaltet wird, kann man fast nicht mehr überblicken, obwohl er sich vieler Ansichten nach bedenklich verhält. Ich finde dennoch, dass er bewundernswert genug ist, um ihm seinen Willen zu lassen, ist er denn nur darauf aus, dass er seine Konzentration bewahren kann.

    Immerhin hat er beispielsweise den als Alternativnobelpreis gehandelten Polar Music Prize 2003 bekommen - für Jazz UND Klassik? Wenn Sie sich die Liste der Preisträger anschaun, fällt Ihnen auch auf, dass dies einmalig ist - einmalig unter so hevorragenden Musikern.

    Ich muss zugeben, dass ich ihn früher besser fand; vor allem vielseitiger. Als Legende gehandelt möchte natürlich jeder einen kleinen Teil seiner Gegenwart erleben.

    ... selbst Lang Lang ist nach Meinung vieler Freunde von mir überbewertet. Wer ist denn nicht unter- oder überbewertet?

    @Coss: Sehr geistreich. Lustig ist das nicht annähernd.








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