Grass' Israel-Schelte: Dichter im Abseits

dapdGünter Grass ist Schriftsteller - aber auch eine politische Figur. Sein Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran hat deshalb in Berlin heftige Reaktionen aus den Reihen von Regierung und Opposition provoziert. Die Zeilen des Nobelpreisträgers stoßen fast ausnahmslos auf Ablehnung.

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  1. #60

    Ich mag Grass nicht...

    ... aber wo, bitteschön, ist in diesem Gedicht - es gefällt mir nicht, aber das ist Geschmackssache - irgendwo Antisemitismus enthalten? Grass kritisiert den Hass auf allen Seiten, den "von einem Maulhelden unterjochten" , gelenkten Hass des iranischen Volkes, die Weltmächte, die ihre Finger im Spiel haben, und Deutschland, das aus historischer Verpflichtung heraus Waffen an Israel - nur an Israel? - liefert. U-Boote mit Rabatt. Für nuklearbestückte Raketen - Tatsache.

    Und es ist so, wie Grass es formuliert: "das Verdikt des "Antisemitismus" ist geläufig". Es muss möglich sein, ein Land, darauf hinzuweisen, dass es eine gar nicht friedliche Politik betreibt. Es muss möglich sein, auch Israelis dafür zu kritisieren, dass sie mit Präventivmaßnahmen drohen und Atomwaffen ihr Eigen nennen. Es muss möglich sein, sie in einem Zuge mit anderen verbohrten, teils religiös radikalisierten Mächten in dieser Umgebung zu nennen - und in einem Zuge mit der "Heuchelei des Westens", die hier um Öl, Stützpunkte, Verbündete und Macht und Rüstungsgelder kämpfen. Auch Deutschland.

    Natürlich redet Grass mit solchen Worten Anhängern der NPD und Judenhassern das Wort - Worte können ausgelegt werden.

    Natürlich hat Deutschland Verantwortung aus seiner Vergangenheit. Nur heißt das nicht, einem Staat hörig zu sein - so scheint es zumindest mitunter -, und ihn mit Waffen zu beliefern und jede Kritik an der Politik Israels sofort abzuwürgen und mit dem Tabu des Antisemitismus zu belegen.

    Syrische Diktatoren darf man kritisieren, wenn sie Städte bombardieren und ihr Volk vernichten, afrikanische Diktatoren und Milizionäre darf man kritisieren, wenn sie Krieg führen, China darf man wegen Menschenrechtsverletzungen kritisieren - zumindest, wenn keine internationalen Handelsabkommen anstehen -, man kritisiert Polizisten, die zu hart gegen Demonstranten vorgehen und klagt die Gewalt unter Jugendlichen oder in Schulen an - aber die Gewalt eines Staates namens Israel gegen Palästinenser, Drohungen des Landes gegen andere Länder - die zurück drohen - darf man nicht kritisieren?

    Da geht es nicht um Kritik an einer (!) Religion, nicht um irgendwelche "Rassen", nicht um "Weltmachtsgedanken des Judentums" (vgl. Nationalsozialismus), nicht um Minderwertigkeit und Höherwertigkeit und irgendwelches Ariertum.

    Auf den Punkt gebracht: Dann bin ich eben Antisemit, da ich die Politik Israels gegenüber den Palästinensern nicht gut heiße, dann bin ich Antiiraner und Antisyrer und wenn ich mir die verbohrten Religionsdiskussionen in Amerika anschaue auch Antiamerikaner -

    ... und trotzdem bin ich damit eben nicht gegen alle Syrer, alle Iraner, alle Amerikaner - bei weitem nicht. Und Grass - ich weiß es nicht; das Gedicht lässt mich nirgends einen pauschalen Hass erkennen.
  2. #61

    der Ton macht die Musik

    Zitat von senneka Beitrag anzeigen
    Was mir dazu einfällt: Günter Grass hat in zwei Dingen recht. Es ist tatsächlich hierzulande so, dass man die Politik Israels nur äußerst vorsichtig kritisiert und man dabei immer betonen muss, dass man kein Antisemit ist.
    Kein Wunder. Es ist immer von der Politik "Israels" die Rede, als wäre Israel ein monolithischer Block. Man könnte ja auch - womit ich keine Probleme hätte - sagen "Die Regierung Netanjahu ist eine Katastrophe". Und ich bin mir ziemlich sicher, dass keine Antisemitismus-Vorwürfe kämen, oder zumindest leiser.
  3. #62

    Grass

    Zitat von erasmus_von_r Beitrag anzeigen
    Der Vorwurf des Antisemitismus ist vor allem zu einem bequemen Instrument verkommen, unliebsame Kritik auszuschalten und eine rationale Diskussion bestimmter Themen zu verhindern.

    Handelt es sich dabei letztlich nicht um eine Instrumentalisierung der Millionen Toten des Holocaust für politische Opportunismen?
    Zumindest ist es eine Verharmlosung.

    Man mag den Aussagen von Herrn Grass nicht zustimmen, der reflexartige Antisemitismusvorwurf aufgrund dieses Gedichtes ist aber geradezu lächerlich.
    Diese Reflexe sind zu erwarten durch "unsere(?)" Volkszertreter und die gleichgeschalteten Medien. Antisemitismus ist lächerlich, wenn damit der gemeine Bürger gemeint sein soll. Kriminell sind Regierungen und ihre Träger wie der Oberrabiner Ovadia Yosef, geistiger Führer der Schas-Partei, Koalitionär von Netanjahu, der verkündigte: Nichtjuden sind auf dieser Welt, um den Juden zu dienen. Sie werden gebraucht, um vor unseren Augen zu arbeiten, zu pflügen und zu ernten, während wir wie ein Effendi ihnen speisend zuschauen. (JTA vom 18.10.2010). So kann man die Welt auch sehen.
  4. #63

    Vernichtung?

    Hat Ahmadeni Pi Didischad eigentlich tatsächlich die Vernichtung Israels oder des jüdischen Volkes angedroht wie in unseren Medien so oft zu lesen ist und auf Grass's Wortmeldung hin diesem ins Bewusstsein gehämmert wird?

    Ich habe mal von einem Übersetzungsfehler gelesen und dass er tatsächlich die Auslöschung des zionistischen Regimes bzw des israelischen Staates angedroht hat.

    Es mag kleinlich erscheinen, ist aber letztlich von völlig anderer Bedeutung. Während die Meldung unseer Medien einen Genozid suggeriert, bedeutet die (angeblich) korrekte Übersetzung wörtlich, dass der Staat, also die Verwaltungseinheit der dort Ansässigen aufgelöst wird und nicht zwangsläufig die Auslöschung der dort Lebenden.

    Vor dem Hintergrund,
    dass bei der Gründung Israels, nach diversen Einwanderungswellen, 1/3 der dort lebenden jüdischen Siedler 2/3 der Fläche Palästinas, nach einem Terrorkrieg der künftigen Israelis gegen die britische Verwaltung der ehemaligen osmanischen Provinzen und deren Abzug, als Israel für sich beanspruchten - und dem Umstand, dass seitdem palästinensische Israelis weniger Rechte als jüdische Israelis haben (was manchen Zungen den Begriff Apartheidsregime entlockt) aber diese palästinensischen Israelis einen stetig wachsenden Bevölkerungsanteil ausmachen,
    ist eine Auflösung oder "Umwandlung" des israelischen Staates in der Zukunft weder unbedingt utopisch noch nur unter der Agression Irans bzw. eines Genozids des jüdisch-israelischen Bevölkerungsanteils denkbar.

    Aber zurück zur Frage: Spricht Ahmadeni Pi Didischad tatsächlich vom Mord an tausenden Juden oder (in den Augen eines Grossteils der arabischen / muslimischen Welt) von der Auflösung eines Apartheidsregimes? Wer hat andere Quellen als unsere Mainstreammedien?
  5. #64

    Die Antwort ist simpel

    Zitat von Vergil Beitrag anzeigen
    Merkwürdig: Den USA wird immer wieder vorgeworfen, ihnen ginge es nur um's Öl. Ihnen aber offenbar auch.

    Ich finde: Das Erdöl des Iran kann kein Argument sein. Weder für noch gegen einen Angriff.

    Sagen wir mal so: Nehmen wir mal für eine Sekunde an, der Iran baut heimlich tatsächlich an der Atombombe. Und er hat vor, sie, sobald sie fertig ist, ungeachtet einer israelischen Reaktion auf Israel abzufeuern. Täte Israel dann nicht recht, wenn es angreift, bevor der Iran soweit ist? Und gibt es nicht einige Indizien, die diesen Lauf der Dinge sehr wohl als möglich, ja sogar wahrscheinlich erscheinen lassen?
    Naja,

    Mal angenommen, Sie wären der Iran, wonach würden Sie streben, wenn Sie solch einer militärstradegischen Situation gegenüber stünden?

    http://t.qkme.me/35uzbo.jpg

    Das Bild ist Satire - mir hat es aber dennoch gut vor Augen geführt, wo eigentlich der Kern des Problems liegt. Die USA führen, seit sie es gibt Krieg oder spielen bei einem mit. Interessant dabei die Liste amerikanischer Militäinterventionen:
    Liste der Militäroperationen der Vereinigten Staaten

    Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Geschehnisse der letzen Jahrzehnte gibt es nur eine Antwort auf Ihre Frage, worum es den Amerikanern überhaupt geht, eine simple:

    Vormachtsstellung. Es geht darum, möglichst viel Einfluss und möglichst viele Besatzungen vorweisen zu können. Das sichert langfristig die Rohstoffversorgung.

    Tja, und der Iran ist schon seit 20 Jahren auf der Abschussliste. Sie können der Berichterstattung entnehmen, dass es auch bald so kommen wird.
  6. #65

    AW-Aldifreak-

    Aber meines Wissen ist der Staat Israel auch nicht gerade ein leuchtendes Beispiel bei der Erfuellung des Voelkerrechtes. Zitat Ende

    Grass ist ein Kritiker dafür ist er bekannt und er zählt sich als kritischer Freund Israels. Natürlich müssen Freunde dann und wann auch mal Kritik üben. Im übrigen passt das Sprichwort-" im Westen nichts Neues" denn auch ganz passend dazu denn in Stammtischen und auch was man außerhalb der regulären Medien so vernimmt aus dem Volk gibt es viele die sagen Israel müßte mit dem Siedlungsbau aufhören und mit sich selbst den Frieden suchen und sich mehr für den Frieden in der Region einsetzen. Bei Israel und ich meine Israel und nicht die Juden und die geschichtlichen Nazis und auch das daraus vermeintlich nicht mehr existierende Spektrum von einer besonderen Situation des vergangenen Deutschlands nach dem Kriege
    mit Israel ist es so das man Israel ansonsten heute als normalen Staat sehen muß und die Bedrohung aus dem Iran mit den Atomwaffen bzw mit denen die gebaut werden könnten ist auch nicht nur durch die Sicht Israels gegeben sondern dadurch das die Weltgemeinschaft es nicht schön finden würde wenn noch unzählige Staaten Atomwaffen besitzen würden. Es besteht die reelle Gefahr das nichts mehr kontrollierbar würde hinsichtlich des nuklearen Materials.
    Ja Grass ist eine Krtitiker er hat Recht und Unrecht zugleich und die freie Meinungsäußerung steht jedem zu. Grass ist kein Politiker und man braucht nicht die Freiheit der Kunst zu bemühen durch die Politker um zu sagen das Meinungsfreiheit besteht denn Sie besteht für jeden Bürger(in) hierzulande.
  7. #66

    Reaktionen

    Wer kritisiert Israel und auf welche Weise ?


    >>>Es gelte die Freiheit der Kunst, ließ die Kanzlerin ihren Sprecher nur ausrichten.<<< (aus dem Artikel)

    Komisch, dass Merkel dieses Gedicht als Kunst bezeichnet, obwohl es eindeutig eine radikale politische Provokation oder Schlimmeres ist.
    Zu Sarranzins Buch ließ sie dagegen ausrichten, dass es diffamierend und nicht hilfreich sei.

    >>>Doch aus der Linkspartei kommt auch Rückendeckung für den Literaturnobelpreisträger. "Grass hat recht", sagte Wolfgang Gehrcke, Außenexperte der Linken-Bundestagsfraktion.<<< (aus dem Artikel)

    Gerade viele extreme Linke zeigen immer wieder ihre antizionistische (ggf. antisemitische) Einstellung.
    Dazu passt auch folgender Artikel aus 2011:
    (Antisemitismus: Linke Ausfälle gegen Israel | Politik | ZEIT ONLINE)

    >>>Montag, der Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe ist, findet Grass' Worte zwar politisch verheerend - allerdings nicht als Lyrik-Werk. "Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag", sagt Montag.<<<

    Im Gegenteil, dieses Gedicht ist höchst politisch.


    Wer Israel als Aggressor hinstellt und dem religiös fanatischen Regime in Teheran glaubt, es sei nicht am Bau einer Atombombe interessiert, der könnte aus meiner Sichte naiver oder realitätsferner nicht sein.

    Vielleicht gibt es einige, die selbst sachliche Kritik gleich mit dem Vorwurf des Antisemitismus kontern.
    Allerdings gibt es viele, die Israel einseitig kritisieren, Israel als Unrechts- oder Apartheidsstaat hinstellen und die Palästinenser immer als Opfer der angeblich brutalen israelischen Unterdrückung ansehen.
    Das kleiden sie dann in solche Worte wie: "das wird man doch noch mal sagen dürfen".
    Aber ist eine solche Kritik wirklich sachlich und objektiv ? Oder ist es nicht vielfach doch zumindest Antizionismus ?
  8. #67

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    ...Die Zeilen des Nobelpreisträgers stoßen fast ausnahmslos auf Ablehnung...
    Warum eigentlich? Grass schreibt doch nur, was er denkt und nicht, was andere zu denken haben. Das machen diese Politiker ständig - und auch mit dieser unfassbar irrationalen Kritik an den Gedanken eines Schriftsteller tun sie es. Wir sollen gefälligst etwas anderes denken - nämlich nur das, was die erlauben.
  9. #68

    Nein, verehrte SPON-Redaktion !

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Günter Grass ist Schriftsteller - aber auch eine politische Figur. Sein Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran hat deshalb in Berlin heftige Reaktionen aus den Reihen von Regierung und Opposition provoziert. Die Zeilen des Nobelpreisträgers stoßen fast ausnahmslos auf Ablehnung.

    Grass' Israel-Schelte: Dichter im Abseits - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik
    Nicht ausnahmslos, es gibt auch zustimmende Kommentare. Und was den Weltfrieden angeht, ich glaube wir sollten nicht die EU-Umfrage aus dem Jahre 2003 vergessen. 59 % der Europäer sahen seinerzeit in der Politik Israels eine Bedrohung für den Weltfrieden. Und ich meine, dass sich diese Meinung bis heute nicht wesentlich geändert hat.

    Und außerdem "zieht" es langsam nicht mehr, wenn Kritik an Israel sofort als Antisemitismus hingestellt wird. Und die Kritik der Politiker ? Wer hatte den etwas anderes erwartet als das in vorauseilendem Gehorsam sofort jegliche Kritik an Israel als "unerhört, entsetzlich, usw." niedergemacht wird. Die israelischen Politiker sollten eines realisieren: konstruktive Kritik von Freunden sollte man anhören !
  10. #69

    das meinen sie doch wohl nicht im ernst?

    Zitat von fallbeilspiel Beitrag anzeigen
    Grass traut sich gar nichts, sondern gibt den eitlen, geltungssüchigen Schwadronierer, der er immer schon war.

    Bevor er von der Vernichtung des iranischen Volkes faselt, hätte ihm einfallen können, dass Israel selbst im Oktober 1973, als seine Fronten durchbrochen wurden und die Lage extrem kritisch war, nicht zu Atombomben gegriffen hat, obgleich es damals schon Kernwaffen hatte.

    Aber die deutschen Dumpfbacken ("ich bin bestimmt kein Antisemit, aber...") sind ganz begeistert, weil mit Grass "endlich einmal das gesagt hat, was gesagt werden musste", d.h. ihrem eigenen feigen, unterschwelligen Antisemitismus Ausdruck gegeben hat.

    Natürlich darf man Israel kritisieren: es betreibt z.B. eine in meinen Augen teilweise kriminelle Siedlungspolitik. Und sein Sozialsystem ist ein unsinniges Transfersystem, dass das Geld zu nichtstuenden, bequemen orthodoxen Thoraschülern scheffelt, während z.T. die Jugend mit der Inflation um ihre Zukunft gebracht wird.

    Allerdings ist Israel für mich immer noch der demokratischte und sympathischte Staat im Nahen Osten.
    Warum nehmen sich die deutschen Israelkritiker nicht mal mit gleicher Inbrunst Nordkorea, den aus dem Ruder laufenden Pakistanischen Geheimdienst oder die Islamisten in Nigeria vor - alles Gefahren für den Frieden in ihrer Region?
    Richtig, weil die deutschen Dumpfbacken an diesen Probleme nicht ihren versteckten Antisemitismus ausleben können!
    israel muß man danken, weil es 1973 keine atombomben einsetzte?
    man muß sich auch keine "anderen" vornehmen, denn diese anderen drängen nicht oder drohen mit einem überfall auf ein anderes 1000 km entferntes land! da werden ernsthaft eigene opferzahlen durchgerechnet und ein "erstschlag" aus möglich und machbar verkauft. grass warnt eigentlich nur davor, ein fremdes land wegen unbewiesener , an den haaren herbeigezogener vorwürfe zu überfallen.
    ein angriff , den anscheinend die mächtigen in israel schon eine weile vorbereiten und meinen nun könnten sie ihn bald ausführen. eine angriff , eine militäraggression, die eine ganze region in feuer und flammen stürzen könnte- haben denn die verantwortlichen die toten, die zerstörungen des irakkrieges schon vergessen?