dapdKonsens über den Kandidaten? Über Joachim Gauck kann es durchaus Dissens geben. Das zeigt sich bei Anne Wills Talk über den nächsten Bundespräsidenten. Munter und bisweilen sogar geistreich geht es beim Abwägen von Freiheit und sozialer Sicherheit zu.
http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,817034,00.html
Ist Gauck überparteilich? Ich glaube nicht.
Gäbe es überhaupt "überparteiliche" Kandidaten? Ich glaube nein.
Unsere Gesellschaft - ich meine die Nichtpolitiker - ist doch immer irgendwie Partei (kann irgendjemand "überparteilich" wählen?).
Mit jeder Wahl ergreift man doch Partei.
Würde eine Direktwahl etwas ändern?
Die Direktwahl des BuPrä wird zwar von vielen gewünscht, aber wäre das Endergebnis so viel anders?
Die Kandidaten würden genauso von Parteien aufgestellt wie beim jetzigen Verfahren.
Die Bundesversammlung entspricht in etwa den bundesweiten Mehrheitsverhältnissen, (nicht unbedingt der "Tagesumfrage", aber der BuPrä wird ja auch nicht für einen Tag gewählt).
Herr Prechtl - dessen Meinungen ich sonst sehr schätze - sprach zu Unrecht von einem "Schmierentheater". Was ist an der Überstimmung der Bundeskanzlerin bei der Kandidatenkür "Schmierentheater"? Daß sie ihre Niederlage nicht öffentlich zugegeben hat?
Es wird von vielen Foristen bemängelt, Gauck sei kein/zuwenig "Widerständler" in der DDR gewesen. Ich kann's und will's nicht beurteilen, weil es doch heute keine Rolle mehr spielt. (Wieviel/wiewenig Widerständlerin war denn Frau Merkel?)
Gauck finde ich gut. Nicht immer werde ich seine Anschauungen teilen können, aber das ist ja unsere "Freiheitliche, Demokratische Grundordnung": Die Meinung anderer auch zu respektieren.
Wichtig ist, daß der Andere auch eine Meinung hat, und sie sich nicht von jemand bezahlen/abkaufen läßt. Und da ist Gauck allemal im Vorteil gegenüber Wulff.
Es gab eine Möglichkeit, die Mitgliedschaft in der FDJ zu verweigern. Dann verzichtete man auf jeglichen Lebensentwurf innerhalb der DDR-Hierarchie und wurde seltsamer Außenseiter in irgendwelchen Künstlerkommunen, in der evangelischen Kirche wie z.B. Joachim Gauck, oder (wenn man zufällig in den 1960er Jahren kurz vor oder nach dem Mauerfall sein Abitur machte) studierte Ingenieurwesen. Es ist kein Wunder, dass es im Neuen Forum und im Demokratischen Aufbruch, in der SDP und an den Runden Tischen von Pfarrern, Diplomingenieuren und Künstlern wimmelte.
"Der Philosoph Richard David Precht, der es mittlerweile zum
publikumswirksamen Status einer eigenen moralischen Instanz gebracht hat." (SPON)
Richard David Precht ist einfach...formidable!
Er spricht mir aus der Seele, und - so muß man leider anmerken - gehört - wie Sahra Wagenknecht - zur dt. Bildungselite, weshalb er selten verstanden wird. (O-Ton dt. Feilsehen).
Humanistische, ganzheitliche (Herzens-)Bildung, u. eben nicht diese hochgezüchte intellektuelle Wasserköpfigkeit (wie bei den Neoliberalen). Das merkt man ja hier im SPON - wollte ich mir eigentl. verkneifen - auch nur zu deutlich.
Der Zeitgeist entspricht immer den Ansichten der herrschenden Klasse, u. den gilt es zu entlarven u. zu zerbrechen, auch wenn´s nervt. Sich an schwäbische Bäume zu ketten ist zudem auch nicht jedermann´s Sache.
Es ist doch wichtig zu erfahren, für was der Bundespräsidenten-Kandidat steht. Und das umso mehr, weil er von den Medien doch offensichtlich als etwas dargestellt wird, was er in der Form nicht ist. Warum wird er überall (so auch in diesem Artikel) als "der einstige DDR-Dissident" oder "DDR-Bürgerrechtler" bezeichnet? Oder auch als "Mitbegründer des Neuen Forums", als deren Vertreter Gauck zwar in die Volkskammer gewählt wurde, dessen Gründer aber andere waren. Offensichtlich schloss er sich der Bürgerrechtsbewegung erst später an, als schon deutlich war, dass sie nicht mehr zu stoppen sein würde.
Genauso seine politischen Äußerungen bzgl. Bürgerbeteiligung/Stuttgart 21, Sarrazin, Hartz IV, Occupy usw. Da heißt es die kursierenden Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen und gäben deshalb nicht seine Einstellung zu diesen Themen wieder. Da wüsste ich dann aber doch schon gerne: Wie ist er denn wirklich zu diesen in unserer Zeit gesellschaftlich bedeutenden Themen eingestellt? Ich habe keine Probleme mit einem Bundespräsidenten, der für andere Überzeugungen steht als ich. Problematisch finde ich aber, wenn seine Überzeugungen anders sein sollten als uns von den Medien verkauft wird.
Sehr bedenklich finde ich auch, wie es dazu kam, dass er der "Konsens"-Kandidat wurde. Die Nominierung 2010 durch Rot-Grün war doch wohl in erster Linie Partei-Taktik. Ein so konservativer Kandidat, dass er eigentlich eher im schwarz-gelben Lager zu verorten wäre (immerhin früher schon innerhalb der CSU! als Präsidenten-Kandidat gehandelt und dann auch noch von der Springer-Presse hochgejubelt), das war doch nur Taktik, um die Regierung vorzuführen. Und nun kommt das als Bumerang zurück. Den Kandidaten, den man damals selber vorgeschlagen hat, kann man heute schlecht ablehnen.
Die Deutschen lieben den Konsens, wollen aber einen Bundespräsidenten, der Ecken und Kanten hat, der den öffentlichen Diskurs vorantreibt, der sogar polarisiert.
Wie geht das?
Wie sehr muss sich Gauck eigentlich verbiegen, damit er z.B. die Erwartungen von Precht und di Lorenzo erfüllt, die nun ihm "zutrauen", dass er all seine Meinungen in der Öffentlichkeit relativiert oder verneint?
Eine tolle Situation: Man wählt einen erzkonservativen, neoliberalen Bundespräsidenten und erwartet von ihm, dass er dem Volk seine tiefsten Überzeugungen vorenthalten soll. Man hat ihn gewählt, aber er soll einen anderen darstellen.
Das haben also Precht und di Lorenzo offen ausgedrückt: Was sie wollen, ist ein Bundespräsidenten-Darsteller. Das ist deutscher Konsens.
;-)