Forum


 

Präimplantations-Diagnostik: Erstes deutsches Baby nach*Erbgut-Diagnose geboren

Es ist ein Mädchen: Das erste Baby Deutschlands,*bei*dem Mediziner eine Präimplantationsdiagnostik (PID) durchführten,*ist in Lübeck zur Welt gekommen.*Mittels des Tests konnte ein*tödlicher Gendefekt ausgeschlossen werden.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/m...811896,00.html
  1. #100

    "Ich leide nicht"

    Zitat von Cotti Beitrag anzeigen
    ....Bei Stephen Hawking kann man nachfragen, ob er lieber gar nicht erst geboren worden wäre oder ab wann er hätte "erlöst" werden sollen.
    Oder bei Peter Radtke.

    Der Schauspieler Peter Radtke, der an der Glasknochenkrankheit leidet, spricht im Interview über Präimplantationsdiagnostik und planbare Menschen.

    Frage:
    "Nach der Logik der Präimplantationsdiagnostik wären Sie eine genetische Fehlentwicklung, die man erkennen und ausschließen könnte. Ist das noch erträglich?"

    Radtke:
    "Selbstverständlich ist es in diesen Diskussionen manchmal schwer, objektiv zu urteilen. Ich kann meine Biografie nicht verleugnen. Ich bin 1943 geboren worden, also in einer Zeit, in der schon einmal ein Leben mit Behinderungen als etwas galt, das ausgemerzt gehört. Über diesen biografischen Ansatz hinaus macht es mich aber auch betroffen, dass zu wenig darüber nachgedacht wird, welche Auswirkungen ein solcher Paradigmenwechsel nach sich ziehen wird, welche gesellschaftliche Wirkung eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik hätte. Es geht ja nicht um mich. Es geht darum, ob wir Menschen planbar machen, ob wir sie instrumentalisieren wollen. Und mich deprimiert, wie kurzsichtig Überlegungen sind, die angestellt werden, um einer kleinen Anzahl von betroffenen Paaren zu helfen."
    .
    .
    .
    Frage:
    "Diskriminiert die PID behinderte Menschen?"

    Radtke:
    "Mehr noch als die behinderten Menschen diskriminiert die PID Eltern, die ein behindertes Kind haben. Sie geraten unter einen enormen gesellschaftlichen Druck. Man suggeriert ihnen, das wäre nicht nötig gewesen, und fragt sie, was mutet ihr der Gesellschaft zu? Viele Betroffene haben nicht die Kraft, sich dagegen zu behaupten."
    .
    .
    .
    Frage:
    "Die Befürworter der PID argumentieren, sie werde streng reglementiert und nur angewendet, wenn der Embryo ohnehin keine Lebensperspektive hätte. Kann diese Eingrenzung gelingen?"

    Radtke:
    "Man hat mir keine Überlebenschance jenseits von drei Monaten gegeben. Die Eingrenzung ist sehr problematisch, auch die auf bestimmte Behinderungsarten. Würde beispielsweise das Downsyndrom als schwere Behinderungsart deklariert, dann frage ich mich, warum? Weil wir kognitive Fähigkeiten als so wichtig ansehen? Man muss sich bewusst sein, dass die betroffenen Menschen ihre Situation oft ganz anders einschätzen, als das jemand tut, der sie von außen betrachtet."



    Das ganze Interview auf:
    Interview mit Peter Radtke:
  2. #101

    unerträglich

    Zitat von con anima Beitrag anzeigen
    Der Schauspieler Peter Radtke, der an der Glasknochenkrankheit leidet, spricht im Interview über Präimplantationsdiagnostik und planbare Menschen.
    Frage:
    "Nach der Logik der Präimplantationsdiagnostik wären Sie eine genetische Fehlentwicklung, die man erkennen und ausschließen könnte. Ist das noch erträglich?"
    diese Frage spielt mit der ungeheuerlichen Unterstellung, dass Menschen, die die Präimplantationsdiagnostik befürworten, bereit wären, behinderte Menschen "auszusortieren".
    welche gesellschaftliche Wirkung eine Zulassung der Präimplantationsdiagnostik hätte.
    einige wenige Elternpaare, denen bekannt ist, dass sie Träger einer Erbkrankheit sind, würde zu einem gesunden Kind verholfen.
    Frage:
    "Diskriminiert die PID behinderte Menschen?"
    wie ich oben schon schrieb, gibt es nichts dümmeres als Menschen, die behinderte Menschen diskriminieren. Weil jeder von uns durch einen Unfall, durch Alter oder Krankheit zum Behinderten werden könnte. Und dann von der Diskriminierung betroffen wäre.
    Radtke:
    "Mehr noch als die behinderten Menschen diskriminiert die PID Eltern, die ein behindertes Kind haben. Sie geraten unter einen enormen gesellschaftlichen Druck. Man suggeriert ihnen, das wäre nicht nötig gewesen, und fragt sie, was mutet ihr der Gesellschaft zu?
    Radtke, wie viele andere PID-Gegner auch, sehen nur sich selbst. Sie sehen nicht die Mütter mit dem Gendefekt, denen ohne PID zugemutet wird, so lange Fehlgeburten durch genetisch defekte Schwangerschaften zu erleiden, bis sie durch Zufall auf natürlichem Wege ein gesundes Kind empfangen, das dann geboren werden kann.

    Durch PID bleibt den Elternpaaren mit Gendefekt dieser Horrortrip multipler Fehlgeburten erspart.
  3. #102

    Zitat von atech Beitrag anzeigen
    Radtke, wie viele andere PID-Gegner auch, sehen nur sich selbst. Sie sehen nicht die Mütter mit dem Gendefekt, denen ohne PID zugemutet wird, so lange Fehlgeburten durch genetisch defekte Schwangerschaften zu erleiden, bis sie durch Zufall auf natürlichem Wege ein gesundes Kind empfangen, das dann geboren werden kann.
    Dass man auch auf eigenen Nachwuchs von vorn herein verzichten kann, wenn man das Risiko nicht eingehen möchte kommt Ihnen offenbar nicht in den Sinn.
    Das Problem ist dass Kinder bei uns das Produkt von Lebensplanung sind. Man schafft sich Kinder an wie man sich ein Auto oder ein Haus anschafft. Da will man natürlich kein mangelhaftes Ergebnis. Und die Gesundheitsundustrie liefert die passenden Dienstleistungen.

    Der Arzt als grosser Wunscherfüller, ob Brustvergrösserung, Bauch weg oder mängelfreien Nachwuchs, immer stellt sich die Frage warum nicht machen lassen wenn es doch geht.
  4. #103

    Zitat von atech Beitrag anzeigen
    diese Frage spielt mit der ungeheuerlichen Unterstellung, dass Menschen, die die Präimplantationsdiagnostik befürworten, bereit wären, behinderte Menschen "auszusortieren".
    Tatsache ist das bei der PID befruchtete Eizellen aussortiert werden deren Prognose Behinderung lautet.

    Das mag nur nicht so bewusst sein, denn es geschieht in einem technischen Prozess und bleibt unsichtbar.
    Heute hat man die Möglichkeit zielgerichtet zu selektieren. Im Moment noch im Auftrag der Eltern, die Frage stellt sich aber wann die Eltern die diese Möglichkeit auch in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext rechtfertige müssen, denn Behinderte belasten nicht nur die Eltern sondern auch die Gesellschaft.

    Früher hatte man den notgedrungen den Ansatz Eltern mit einer solchen Prognose die Heirat zu verbietet oder eine Zwangssterilisation anzuordnen.
  5. #104

    Zitat von konstantin.hauser Beitrag anzeigen
    Ich bin auch in jedem Fall für eine Begrenzung der PID. Allerdings auch auf andere als tödlich verlaufende Erbkrankheiten. Und bei ggf. tödlich verlaufenden Krankheiten (z. B. familiär bedingter Brustkrebs) sehe ich nicht zwingend, dass man hier PID zulassen muss.

    Wer aber hat die Entscheidung über die Zulässigkeit der PID zu treffen? Ich glaube, die Letztentscheidung sollten die Betroffenen selbst treffen, sprich die Eltern. Dass sie sachkundig beraten werden müssen, steht außer Frage. Man kann auch über Ethik-Kommissionen in diesem Bereich nachdenken, um Richtlinien o. ä. zu erarbeiten. Aber die Entscheidung im Einzelfall darf nur bei den Eltern liegen, der Staat hat sich m. E. nicht konkret in diesen intimsten Lebensbereich betroffener Paare einzumischen und Vorschriften zu machen, was erlaubt ist und was nicht. Er sollte bestenfalls beratend tätig werden.
    100% Zustimmung.
  6. #105

    Zitat von Blaue Fee Beitrag anzeigen
    Da bringen Sie den Triple-test (simpler Bluttest) und die Fruchtwasseruntersuchung (ca. 20 cm lange Nadel in den Unterleib) durcheinander. Bei der Amniozentese gibt es keine Wahrscheinlichkeit mehr, sondern eine 100% Sicherheit. Ich selbst habe die Chromosomen meines Fetus abgebildet bekommen (und das Bild auch daheim) und auch sofort gesehen, dass es sich dabei um ein Mädchen handeln würde. Eine Trisomie (vorhandene 3 Chromosomen pro Set, egal ob 18 oder 21) hätte man da ebenfalls sofort erkannt.
    Viele Menschen lehnen sie allerdings aufgrund der 1% Wahrscheinichkeit eines Aborts ab.

    Fragen Sie mal ihre Freunde, ob sie sich tatsächlich der unangenehmen Amniozentese unterzogen haben.
    Ja, haben sie. Weil laut Bluttest ein Anfangsverdacht bestand. Den Rest hatte ich ja schon geschrieben.
  7. #106

    Zitat von mr.zoui Beitrag anzeigen
    Gattaca lässt grüßen.
    Sie wissen aber schon, dass der Protagonist in Gattaca der Bösewicht ist?
  8. #107

    Zitat von M. Michaelis Beitrag anzeigen
    .......Man schafft sich Kinder an wie man sich ein Auto oder ein Haus anschafft. ..........

    Der Arzt als grosser Wunscherfüller, ob Brustvergrösserung, Bauch weg oder mängelfreien Nachwuchs, immer stellt sich die Frage warum nicht machen lassen wenn es doch geht.
    Das mit dem Auto ist ein wunderbarer Vergleich, besonders im Hinblick auf die Garantiezeit. Die beträgt bei Menschen/Kindern lebenslänglich. Genau das sehe ich auch bei Schwangerschaftsberatungen, der Zeitraum liegt nämlich nicht im Bereich der menschlichen Erwartung.

    Mein Bruder starb mit 71 Jahren und war ca 66 Jahre auf Pflege und Fürsorge angewiesen. Es gibt nur wenige Menschen, die eine Vorstellung von so einem langen Zeitraum haben. Mein Bruder hatte den vollen Zeitraum durchlebt. Da er nicht so krank war, dass er seine Situation nicht erkannt hätte, verzichtete er, ohne sich anders entscheiden zu können, auf alles, was ich ganz normal erlebte.

    Ich hatte alles, was er nicht hatte. Eine unbeschwerte Jugend, selbstbestimmtes Leben, Freiheit, quasi das Gegenteil seines Lebens. Ich hätte ihm gewünscht, dass ihm dieses Leben erspart worden wäre, durch eine PID. Ich weiss natürlich nicht ob es ihn unter diesen Umständen gegeben hätte, aber ich hätte mich auch über einen anderen, gesunden Bruder gefreut. Wäre genau mein Bruder in einem anderen Körper geboren worden, hätten wir es nie erfahren. Wäre das wirklich so schlimm geworden?

    MfG. Rainer








TOP



TOP