Etwas Ähnliches beschreibt der Psychiater Oliver Sacks in einem seiner Bücher anhand einer Anekdote: Er ließ 2 Gruppen von Patienten eine Rede Ronald Reagans im Fernsehen anschauen:
Die erste Gruppe bestand aus Personen, die mit dem Verstehen gesprochener Information Schwierigkeiten hatten. Ihr Verständnis der Rede beschränkte sich deshalb auf emotionale Inhalte und Körpersprache. Das einhellige Urteil dieser Gruppe lautete:
Der Mann lügt!
Bei der 2. Gruppe verhielt es sich umgekehrt: Sie verstanden zwar Wort für Wort den Inhalt der Rede, ihnen fehlte jedoch jeder Bezug zu Körpersprache und Emotionalität.
Ihr Urteil: Was redet der Mann für einen haltlosen Unsinn.
Sacks gesteht dann, dass weder ihm noch seinen Mitarbeitern während der Ansprache die (bei abgeschaltetem Ton offensichtlichen) Anzeichen einer wissentlich vorgetragenen Lüge aufgefallen wären.
Mehr noch: Erst nachdem sie bei der Analyse das Bild weggeschaltet hätten bzw. das Transkript der Rede gelesen hätten, hätten sie den zusammenhanglosen Unsinn im Vortrag wirklich erfaßt.
Das mag für den kurzen Moment reichen, den sich ein wahlkämpfender Politiker für den Kontakt mit dem Wähler Zeit nimmt.
Es dürfte aber schon für das Intensitätsniveau von Gesprächen in einem Ortsverband nicht mehr ausreichen.
Das gilt um so mehr, wenn die Gesprächspartner ihr Gegenüber emotional fordern.
Deshalb wären echte Interviews ohne schnittechnische Tricks im TV oder solche im weitgehend originalen Wortlaut in Zeitschriften auch so interessant.
Bedauerlicherweise dokumentieren die meisten dieser Beiträge aber nur einen Kniefall vor der Macht.
Das gehört zu jeder Schauspielausbildung.
Wie schwierig das ist, demonstrieren selbst erstklassige Darsteller in vielen ihrer Filme mit schwachen Szenen.
Und bei denen sorgte die Regie dafür, dass allzu misslungene Einstellungen korrigiert wurden.
Um wieviel schwerer ist es, diese Leistung gewissermassen aus dem Stegreif heraus zu schaffen?
Ich bin deshalb davon überzeugt, dass wir alle intuitiv wahrnehmen, wenn wir belogen werden. Bedauerlicherweise erfolgt diese Wahrnehmung auf einem zwischenmenschlichen Niveau, das wir gelernt haben aktiv zu ignorieren.
Stattdessen ordnen wir uns reflexartig der übergeordneten Autorität des verwendeten Mediums oder der hierarchischen Position des Sprechenden unter.
Anstatt auf das rhethorische Instrument der Lüge sofort auch mit rhethorischen Mitteln adäquat zu anworten, wird uns eingetrichtert, dass wir uns selbst gegen vorsätzliche, taktische Lügen mit Sachargumenten zur Wehr setzen sollen.
Was in der grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit Inhalten oder Ideologien richtig und allein zielführend ist, kann in Präsentations- und Gesprächssituationen selbstmörderisch sein.
Robert Boehm

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