Nachdem die steile These, es gebe keine Geschlechtsunterschiede in Fähigkeiten, bereits in der ZEIT zu finden war, wird sie jetzt auf SPIEGEL wiederholt. Aber Wiederholung macht eine falsche Aussage nicht richtiger. Zur Klarstellung: allein schon aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist die Aussage, es gebe keine Unterschiede, nicht haltbar. Null-Hypothesen werden früher oder später immer widerlegt. Denn wie wahrscheinlich ist es schon, dass z.B. zwischen Männern und Frauen exakt KEIN Unterschied in der Empathiefähigkeit oder Aggression besteht?
Zweitens: der Verweis darauf, dass man Geschlechtsunterschiede durch entsprechende experimentelle Manipulationen in die eine oder andere Richtung "primen" kann, heisst noch lange nicht, dass es gleichzeitig keine biologisch verankerten Unterschiede gibt oder geben kann. Wie jeder Wissenschaftler weiß, kann es zwei unabhängige Haupteffekte nebeneinander geben (also einer des Primings, einer der Biologie, und natürlich auch noch viele andere), und der Verweis auf den einen macht den anderen in keiner Weise ungültig. Schlimmer noch: es könnte sich hinter dem Priming-Effekt ja ein Interaktionseffekt zwischen Priming und biologischen Dispositionen verbergen, und zwar dergestalt, dass das geschlechtskonforme Priming ja vor allem bei den Männern und Frauen gut funktioniert, die sehr ausgeprägte geschlechtstypische Dispositionen haben, nicht aber bei anderen. All das sieht man einem einfachen Haupteffekt des Primings aber nicht an!
Drittens: es gibt mittlerweile ausreichend Meta-Analysen, die Geschlechtsunterschiede in Fähigkeiten wie mentaler Rotation oder verbaler Kompetenzen, aber auch beim Sozialverhalten, wie z.B. in den Bereichen Impulsivität und Aggression, klar nachweisen. Ob's einem ins ideologische Weltbild passt oder nicht -- die Unterschiede existieren. Allerdings nicht in schwarz-weiß, ja-nein, Frau-Mann, sondern in diffusen, mehr oder weniger überlappenden Verteilungen. Diese zeigen, dass es natürlich auch Männer gibt, die in bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften eher einer durchschnittlichen Frau ähneln, und vice versa.
Die Argumentation scheint nach dem Motto zu laufen: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Für manche Egalitisten scheint es unerträglich zu sein, wenn man tatsächlich mal Unterschiede zwischen Menschengruppen findet. Gemäß der oben skizzierten Probleme mit der Nullhypothesentestung ist die Findung solcher Unterschiede aber letztlich unausweichlich. Das weist auf die viel wichtigere Frage hin: wie gehen wir mit den beobachteten Unterschieden um? Was können wir wertschätzen, was sehen wir als modifikationsbedürftig an, auch im Sinne der Schaffung besserer soziokultureller Bedingungen, die Eigenschaften und Fähigkeiten sozialverträglich verändern? DAS wären Themen, deren Diskussion Sinn machen würde! Nicht die pauschale Negierung von Unterschieden, die nicht ins Weltbild passen.
Oliver C. Schultheiss
Erlangen, Bayern



