CorbisAlle reden vom "war for talents". Für Arbeitgeber heißt das: Sie müssen gute Leute nicht nur gewinnen, auch halten. Darum schaffen sie neue Freiräume. Bezahltes Studium, Auszeit für eine Weltreise, pure Vertrauensarbeitszeit - inzwischen geben sich selbst Wirtschaftsgiganten erstaunlich wendig.
http://www.spiegel.de/karriere/beruf...815578,00.html
Wer seine Mitarbeiter auf Weltreise schickt, der braucht diesen Mitarbeiter eigendlich nicht. Meine guten Leute müsse arbeiten, sonst habe ich keinen Gewinn davon. Politiker und Journalisten haben schon manchmal ein sehr verzerrtes Weltbild.
"gehätschelt" so ein Unsinn. Human-Kapital muß eine Redite erbringen und ist nicht mehr oder weniger als ein IT-Produktionsmittel. In meiner Firma weren für Projekte Meilensteine und Zwischenabnahmen gesetzt. Für Erreichen werden Pluspunkte und für Verfehlen Minuspunkte vergeben. Danach werden dann die befristeten Verträge Verlängert oder aufgelöst. Ein Alter über 45 Lebensjahren ergibt zusätzlich Maluspunkte, Mitarbeiter über 50 gibt es bei uns nicht mehr. Als zusätzliches Motivationsmittel dient ein Zeugnis und die persönliche Auskunft der Gruppen- oder Abteilungsleiter gegenüber dem folgenden Arbeitsgeber. Das Modell ist sehr effektiv und steigert die positiven Ergebnisse.
Der einzige vernünftige Kommentar zu diesem ganzen Gesülz in diesem seltsamen PR-Artikel. Wir hatten auch mal so einen Fall von einem Weltreisenden, der hat sich gebärdet wie verrückt, um ein Sabbatical zu bekommen. Der hat übrigens nachher nie mehr richtig einen Fuß auf den Boden bekommen. Man verschwindet nicht auf den Malediven oder auf Bali mit Frau und Kind, wenn man in seiner Firma als anerkannter Fachmann gilt. Schon aus Selbstachtung nicht. Aber Journalisten haben in der Tat wenig Ahnung, wie es in den Unternehmen wirklich aussieht. Das unternehmerische Gutmenschtum, das sie von anderen fordern, findet in den Verlagen nämlich auch nicht statt.
Man kann durchaus bezweifeln, dass auch nur irgendetwas aus dem Artikel der Realität entspricht oder zumindest von einem unabhängigen Journalisten stammt. Hier haben ein paar Arbeitgeber-Verbände sich mal wieder einen Propaganda-Artikel schreiben lassen. Die meisten Foristen haben das auch schon erkannt.
Es gibt auch noch eine große, weite Welt zwischen REFA-Zeitnahme und "Vertrauensarbeitszeit"... ;-)
Wer in Projekten arbeitet, hat in der Tat andere Sorgen als tägliche Arbeitszeiten. Sofern im unternehmen dann der normalzustand ist, dass man nach 6 Wochen mit 50-70 Stunden auch einfach mal so ohne Umschweife 3 Tage frei macht, wenn das Projekt erledigt und das neue noch nicht voll angelaufen ist, passt ja alles. in der Realität sieht es leider nicht unbedingt so aus.
Es arbeiten aber längst nicht alle in der Industrie an Projekten; das ist eine einseitig IT/ingenieurbezogene bzw. mehr auf F&E konzentrierte Sichtweise. Alle in die laufende Produktion eines industriebetriebs einbezogenen MA (also alle die, die zur Generierung von Mehrwert direkt beitragen; Produktion, Qualitätswesen, Einkauf, Vertrieb...) haben mehr oder weniger kontinuierliche Aufgaben zu bewältigen, die mal mehr und mal weniger "zeitintensiv" sind. Da ist es schon, nach einer knüppeldick vollen Woche auch mal ruhigen Gewissens 1-2 etwas ruhigere Tage einzulegen, und das geht mit Stundenkonto viel besser, weil man sich vor niemandem rechtfertigen muss. Für solche Funktionen muss es passende Modelle geben.
Was allerdings, um zum eigentlichen Thema des Artikels zu kommen, heute an der angeblichen "Wertschätzung" so toll sein soll, ist mir nicht ganz klar, wenn man sich Realitäten anschaut. Vielleicht gibt es ein paar gehätschelte Überflieger, aber in großen Konzernen ist die breite Masse des "Fußvolks" eigentlich nur Verfügungsmasse der Global Directors und Vice Presidents, die selber nicht viel zum Firmengewinn beitragen, nur Geld kosten, zum teil aufgrund mangelnder Detailkenntnis mit absurden Zielvorstellungen und Lösungsvorschlägen glänzen und gerade in US-Unternehmen an der Schaffung einer Bürokratie beteiligt sind, gegen die die DDR-Verwaltung ein "schlanker Staat" gewesen sein muss... ;-) Das trägt übrigens auch zur mangelnden Motivation bei. Würde hier angesetzt werden (d.h. wenn nicht "untere" Ebenen mit ihren in der Sache richtigen Ideen und Vorschlägen nicht immer wieder an "Glasdecken" vermeintlicher finanzieller Zwänge stoßen würden, die oft nur kurzfristiger Denke entspringen), wäre schon viel mehr zufriedenheit erzielbar.
In so einer Firma habe ich auch mal gearbeitet. Das war schon ziemlich genial, die Arbeit war tatsächlich in 40h pro Woche (inklusive Pausen, u.a. auch wöchentlich ein Mittagessen, das auf Firmenkosten direkt in die Abteilung gebracht wurde, gelegentliche gemeinsame Freizeitaktivitäten in der Arbeitszeit, die nicht nachgearbeitet werden mussten u.ä.) zu erledigen - wer mehr arbeitete, wurde immer wieder mal vom direkten Vorgesetzten aufgefordert, doch heute mal ein bisschen früher nach Hause zu gehen. Trotzdem herrschte dort eine Produktivität, die ich später bei keiner anderen Firma mehr erlebt habe, und das schien tatsächlich daran zu liegen, dass praktisch alle begeistert bei der Sache waren und sowohl wussten, dass Leistung gewürdigt wird, als auch merkten, dass gute neue Ideen tatsächlich umgesetzt werden und nicht irgendwo in Bürokratie oder im Mülleimer eines inkompetenten Vorgesetzten verschwinden.
Leider gibt es solche Firmen anscheinend nur im Ausland. Die Firma gibt es heute noch, allerdings hat sie stark darunter gelitten, dass sie sich auf eine Fusion mit einer französischen Firma eingelassen hat, die all das pflegt, was auch dt. Firmen so demotivierend und leistungsfeindlich machen: Zähes (und kurzsichtiges!) Vorwegplanen von Kosten und Nutzen - ohne aber wichtige langfristige und/oder "weiche" Effekte wie Mitarbeitermotivation oder Zeitverschwendung durch Überbürokratisierung einzurechnen, oder z.B. die Wahrscheinlichkeite revolutionärer Neuentwicklungen, die fette Gewinne einfahren, aber nur in einem gewissen Arbeitsklima möglich sind. Ausquetschen von Resourcen bis zum Letzten, anstatt einfach mal hin und wieder ein bisschen Extra-Geld bzw. -Arbeitszeit aufs Spiel zu setzen, um richtig bahnbrechenden Entwicklungen eine Chance zu geben (was natürlich auch schief gehen kann, aber oft bringt eine geniale Neuentwicklung mehr als man durch schmerzhafte Kürzungen an 10 Stellen sparen kann). Der Effekt: Während beim alten Firmenteil Gewinnspannen von weit über 30% keine Seltenheit waren (aber auch gelegentliche Verluste bei Projekten, bei denen solche Experimente fehl schlugen o.ä., die aber durch die Gewinne locker und dreimal wettgemacht wurden), krebst man beim französischen Teil in gutdeutscher (bzw. hier französischer) Manie zwischen 3% und 5% rum, und wer ein halbes Prozent weniger schafft, dem wird der Bonus gestrichen. Mitarbeiter, wenn sie denn tatsächlich konzentriert arbeiten statt unmotiviert die Zeit totzuschlagen, kämpfen mit IT-Problemen (denn die IT-Abteilung ist ebenso unmotiviert wie der Rest), Bürokratie, langen Entscheidungswegen und ständiger Angst vor Fehlern...
Ich hatte das Glück (oder Pech), beide Teilfirmen kennen zu lernen - was mich schließlich (im Bewusstsein, dass der französische Teil sowohl größer als auch deutlich weniger kompromissbereit war) dazu trieb, mir eine neue Firma zu suchen. Seitdem bin ich wieder in D, wo ich (in abgemildertem oder ähnlich starkem Ausmaß) immer wieder das "französische Modell" antreffe, wo die Kurzsichtigkeit und Engstirnigkeit überhaupt nicht zulässt, revolutionärere Modelle wie bewusst freie Arbeitszeit (sowohl zum freien Ideenentwickeln oder auch für Freizeitaktivitäten mit Kollegen - und damit meine ich nicht kollektives Besäufnis auf dem Betriebsausflug) ernsthaft zu diskutieren... Und solange man immer nur im täglichen Projektgeschäft seinen 3-5% hinterherhechelt, wird sich auch nichts ändern.
Es gab vor einigen Wochen mal einen Artikel (im gedruckten Spiegel glaub ich, oder im Stern ... weiß ich nicht mehr genau). Dort wurden (ich glaube im Rahmen einer Diplom- oder Doktorarbeit) Tausende alte Leute befragt, die absehbar und erwartbar kurz vor ihrem Tod standen, was sie an ihrem Leben, könnten sie es noch einmal leben, nochmal genauso machen würden und was sie anders machen würden. An oberster Stelle aller Befragten kam fast immer die Antwort, dass sie weniger und stressfreier arbeiten und mehr Zeit mit Familie und Freunden verbringen würden. An zweiter Stelle kam dann schon, dass sie mehr reisen würden und dafür etwas weniger Klimbims kaufen würden, den sich die meisten Menschen unbedacht so alles anschaffen, obwohl sie vieles davon gar nicht brauchen.
Vielleicht hat der Mitarbeiter, den Sie da beschreiben, das schon zu Lebzeiten erkannt und nicht erst drei Tage vorm Abnippeln wie die meisten anderen, auch wenn er dafür ein paar Nachteile im Job hinnehmen musste. Aber am Ende wird er wahrscheinlich ein glücklicheres Leben gelebt haben als diejenigen, die ihr Leben lang 6 Tage die Woche 10 Stunden am Tag gearbeitet haben, den ersten Schritt und das erste Wort ihrer Kinder verpasst haben, deren Ehefrau sich's von 'nem anderen besorgen lässt, weil der Ehemann nie da ist oder die gar nicht erst zu einer Familiengründung gekommen sind und dann im Alter alt und einsam in einer kleinen oder etwas größeren Wohnung oder im Altersheim jahrelang allein vor sich hin vegitieren.
Wie bitte? "Gehätschelte Mitarbeiter?" - "Nie waren sie so wertvoll wie heute?"
Das ist der größte Blödsinn aller Zeiten!
Am Personal sparen, bis der Rücken bricht, ohne Rücksicht auf Verluste - DAS ist die Realität!
Und bevor du "Danke!" sagen kannst, wirst du ausgesondert, um einem Jüngeren, Billigeren Platz zu machen!
Ich war mal Ressortleiter und sogar Chefredakteur bei Fachzeitschriften und Online-Medien. Ich hatte Etat- und Personalverantwortung in Millionenhöhe. Ich habe erfolgreich neue Objekte entwickelt und auf den Markt gebracht und mich krumm gelegt für meine Arbeitgeber. Dabei ist auch meine Ehe zerbrochen.
Aber plötzlich saß ich auf der Straße und habe keine Stelle mehr bekommen. Meine Sünde? Mit 44 war ich plötzlich zu alt = zu teuer!
Heute bin ich 50 und muss "dankbar" sein, in einem Callcenter arbeiten zu "dürfen": Vier Jahre Studium, zwei Jahre Volontariat, 20 Jahre Berufserfahrung - und Englischkenntnisse, die mich in einem englischen Hotel meinen deutschen Pass vorzuweisen gezwungen haben, weil der Clerk mir nicht glauben wollte, dass ich der Deutsche bin, der bei ihm ein Zimmer gebucht hatte - qualifizieren mich heute dazu, den Kunden eines Telekommunikationsanbieters telefonisch bei der Installation ihres Internet-Routers behilflich zu sein.
Heute verdiene ich in einem Monat nicht einmal mehr das, was ich früher in einer Woche verdient habe. Urlaubsgeld? Weihnachtsgeld? Lachhaft! Die Urlaubszeit wird einem noch vom Lohn abgezogen.
Also erzählt mir nichts von einer neuen Unternehmenskultur und Menschen als "Human Capital". Wir sind genau so "Human Capital" wie die Rudersklaven auf römischen Galeeren "Human Capital" waren - mit einem Unterschied: Sklaven hatten einen Wert, weil sie verkauft werden konnten. Darum wurden sie gepflegt.
Aber heute hast du als Mitarbeiter für einen Arbeitgeber nicht mehr Wert als ein Vierfarbdrucker. Wenn deine "Betriebskosten" zu hoch werden, weil du zu alt bist und in eine zu hohe gehaltsklasse rutschst, wirst du ausgesondert und abgeschrieben. Und dann übernimmt deinen Job ein neueres, billigeres Modell...