Forum


 

Gegen die Uni-Reformeritis: Muss der Präsident zum Manager mutieren?

Erst reformieren sie links, und dann wieder rechts herum. Seit den Sechzigern werden deutschen Hochschulen immer wieder radikal umgekrempelt. Genau das ist der Fehler, sagt Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, im Hochschulmagazin "duz" und plädiert für deutlich mehr Geduld.

http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...720596,00.html
  1. #1

    Unternehmensform

    … und im Gegensatz zu GmbH, AG etc. sind Hochschulen nichtmal bundeseinheitlich strukturiert.
  2. #2

    Danke!

    Danke, Herr Markschies, für diesen wunderbaren, ehrlichen Artikel aus der Mitte des (Hochschul-)Lebens! Schade nur, dass er in den zuständigen politischen Kreisen nicht gehört werden wird, weil mit bedächtiger und achtsamer Hochschulpolitik eben keine öffentlichen Lorbeeren ernten kann. Da wird eben doch lieber die nächste radikale Reform-Sau durchs Dorf getrieben, die in der Presse (vermeintlich) schlagwortartig gut rüberkommt - die Details wird schon keiner verstehen, scheitern wird's eh, und dann schiebt man es eben den Hochschulen selbst in die Schuhe.

    Herrlich und leider so treffend auch die Beschreibung der "Diktatur des Mittelmaßes", zu der die Gruppenuniversität führt. Diejenigen, die sich im Forschungs- und Lehrbetrieb voll einbringen, haben daneben eben nicht so viel Zeit, sich auf nervtötende Fakultätssitzungen auch noch vorzubereiten und sich gar im Senat oder einem anderen der gefühlten 250 Gremien einzubringen. Akademische Selbstverwaltung ist ein Fluch in sich, der zwangsläufig in solche Strukturen führt, wenn nicht ausnahmsweise der Glücksfall einer Mehrheit höchst begabter und motivierter Fakultätsmitglieder besteht. Wie ich hier an einer (ehemals) sehr renommierten Fakultät erlebe, kann sich abr selbst ein solches Glücks-Blatt in wenigen Jahren wenden, wenn sich das Mittelmaß einmal so weit verfestigt hat, dass es nur noch seinesgleichen beruft, um im eigenen Haus fachlich nicht unter Druck zu geraten...

    Nochmal vielen Dank!

    muctr
  3. #3

    Professorale Kopfschmerzen ... müsste man haben

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Erst reformieren sie links, und dann wieder rechts herum. Seit den Sechzigern werden deutschen Hochschulen immer wieder radikal umgekrempelt. Genau das ist der Fehler, sagt Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, im Hochschulmagazin "duz" und plädiert für deutlich mehr Geduld.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...720596,00.html
    Solche Sorgen möcht' ich haben, möchte man dem Verfasser zurufen.
    Dann liest der Leser
    ... als ich Professor in Heidelberg war ...
    -... als mein Papa noch Professor war ....
    Jetzt wird der altehrwürdige Rektor zum Vorstandsvorsitzenden.
    Wieder ein Bedrohung des Abendlandes?
    Nein. Denn es ist völlig gleichgültig, was an der polierten Messingplatte vor dem Büro steht. Entscheidend ist, wer drinnen sitzt und was dort passiert.
    Selbstverständlich ist ein Hochschulrektor ein Manager - oder sollte es sein. Das gilt genauso für einen Institutsdirektor oder Seminarleiter. Dies gilt sogar schon für einen Forschungsgruppenleiter.
    Leider nur ist "management" kein Ausbildungsgegenstand für irgendwelche akademischen Führungskräfte. Das Versagen der Mehrzahl dieser Herrschaften in ihren aufstieglichen Endpositionen wird nicht wahrgenommen. Es bleibt folgenlos, weil man unkündbar ist. Im mittleren Management eines Wirtschaftsunternehmens würde die Hälfte der mehr als selbstbewussten deutschen Professorateska keine drei Monate alt.
    Mein Doktorvater war auch entschieden der Meinung, dass es für die Leitung einer 30-köpfigen Gruppe reicht, wenn er in seinem Ledersessel thront und emsig die Fachliteratur liest.
    Um die Verträge und die Bezahlung seiner Mitarbeiter (Untergebenen) hat er sicht nicht geschert. Mag die scheren, wer will!

    Es täte not, daß auch die Professoralität im 21. Jahrhundert ankäme. Wenn aber "reformiert" wird, hört man immer nur von "Studienreform". Der Student an sich ist eine weiche Masse, die knetbar ist und die wenig Widerstand leistet. Also reformiert man ihn und sein Studium. Notfalls bis zur Unkenntlichkeit. Die Praxis zeigt, was dabei herauskommt.
    In den höheren Rängen wird aber eisern Besitzstandswahrung betrieben und die professorale Beamtenseligkeit verteidigt. Daran zu denken, sie anzukratzen, schon ein Hochverrat.

    Der Professor muss nicht mutieren, er muss nur einmal zur Kenntnis nehmen, worin schon lange die Aufgaben des jobs bestehen. Bezeichnungen wie "geschäftsführender Direktor" sprechen doch für sich.
  4. #4

    Unis sind schon strukturell keine Unternehmen

    Ich bin dem Verfasser für seinen Artikel dankbar. Klare Worte, die vielleicht mit etwas schärferen Beispielen (gibt es zuhauf) unterlegt hätten werden können.
    Die Unis leiden unter drei Krankheiten

    * fast willkürliche, periodische Eingriffe seitens der Politik
    * jeder akademische Angestellte arbeitet (naturgemäss) im eigenen Namen. Ein Gefühl einer "Betriebszugehörigkeit" stellt sich schwerlich ein.

    Die Professoren als leitende Angestellten befinden sich in einem permanenten Bewerbungskarussell und untereinander in
    einer oft lähmenden Konkurrenz um Resourcen. Dies öffnet
    Flanken fürs "Hineinregieren", und sowas ermöglicht Fehler wie sie beim Bolognaprozess entstanden sind.
    Fast alle anderen akademischen Angestellten und selbstverständlich die Studenten sind nur auf sehr begrenzte Zeit Teil der Universität und kämpfen primär um ihre eigene Zukunft nicht um die der Uni. Wenn eine Firma so aufgebaut wäre, wäre nach vier Jahren Schluss. Die Verwaltung sitzt auf festen Dauerstellen was die Schieflage noch mehr verstärkt.
    Also eine Firma ist eine Uni nicht solange sie strukturell so aufgebaut ist. Sie ist vielmehr ein Zusammenschluss kleinster individueller Einheiten (Lehrstühle, Fachbereiche, Fakultäten).

    clausfse, Professor
  5. #5

    unbedingt ein Manager

    Die erste Pflicht einer Hochschule ist es Lehre und Forschung aufrecht zu erhalten. Dazu ist der effiziente und effektive Einsatz von Ressourcen unbedingt notwendig.

    Obwohl es ein geschickter Schachzug ist, die "alten" Verhältnisse zu kritisieren, um sich als "moderner" darzustellen, fehlt doch eines.
    Wie kann die ausreichende Versorgung von Universitäten mit Ressourcen sichergestellt werden. Darauf hat der bisherige Typus des Präsidenten auch keine ausreichende Antwort gegeben.
    Eine Reform abzulehnen, weil die früheren zu radikal waren ist geschickt formuliert, ändert aber nichts an der Tatsache, dass es im universitären Betrieb immer noch jede Menge Pfründe und Besitzstandswahrer gibt.
  6. #6

    Satire oder Drogenrausch?

    Zitat von clausfse Beitrag anzeigen
    Die Professoren als leitende Angestellten befinden sich in einem permanenten Bewerbungskarussell und untereinander in
    einer oft lähmenden Konkurrenz um Resourcen.
    Professoren sind keine Angestellten, sondern Beamte.
    Das ist ein bedeutender Unterschied.
    Unfähige Angestellte werden gefeuert (gern auch von vorgesetzten Professoren), Professoren sind "unsterblich".
    Ein "permanentes Bewerbungskarussell"? Was soll das sein?

    Professoren konkurrieren untereinander um noch besser dotierte Posten (C3 will C4 werden), also um noch mehr Geld, noch mehr Einfluss, noch mehr Prestige, noch mehr Pension, um Preise und Plaketten. Darum geht's!

    Zitat von clausfse Beitrag anzeigen

    Fast alle anderen akademischen Angestellten und selbstverständlich die Studenten sind nur auf sehr begrenzte Zeit Teil der Universität und kämpfen primär um ihre eigene Zukunft nicht um die der Uni.
    Warum sind die nur "auf sehr begrenzte Zeit Teil der Universität"?
    Ja, diese Leute müssen UMS ÜBERLEBEN kämpfen. Sie haben keine Beamtenseligkeit.

    Ob Ihr Beitrag ironisch gemeint war oder unter dem Einfluß "bewußtseinsverändernder Substanzen" entstanden ist, kann vom Leser nicht beurteilt werden.
  7. #7

    Nun bleiben Sie mal locker,

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Erst reformieren sie links, und dann wieder rechts herum. Seit den Sechzigern werden deutschen Hochschulen immer wieder radikal umgekrempelt. Genau das ist der Fehler, sagt Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, im Hochschulmagazin "duz" und plädiert für deutlich mehr Geduld.

    http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...720596,00.html
    das möchte man den Foristen zurufen, denn die Debatte entwickelt sich zunehmend typisch deutsch und weniger akademisch. Reduziert auf die wesentlichen Inhalte kommt es meines Erachtens darauf an, wofür die Deutschen Universitäten –durchaus in Konkurrenz zu den anderen in Europa und der Welt- eigentlich stehen. Wenn Forschung als Ware verstanden wird, deren Ergebnisse verhökert werden müssen, dann macht man in der Tat am besten eine GmbH & Co KG aus ihnen, denn Aktiengesellschaften haften ja noch wenigstens gelegentlich. Dann kann man aber auch gleich alle Geisteswissenschaften auslagern (naturwissenschaftliche Unis mit geisteswissenschaftlichen An-Instituten), denn sie bringen kaum Profit und sind auf dem Sektor der Drittmittelfinanzierung ein Negativposten im Budget.
    Andererseits ist es durchaus vernünftig, konsequentes Wirtschaftlichkeitsbewusstsein in den Unis zu implementieren; - von den Studierenden bis zur Professorenschaft. Auch und gerade die berühmten DiMiDo-Kräfte sollten sich um ihrer eigenen Reputation willen um deutliche Transparenz ihrer Tätigkeit kümmern. Riten und Gewohnheiten sind ebenso zu hinterfragen, wie der Nutzen für die Allgemeinheit infolge des (partei-)politischen Einflusses.
    Wenn man aber Kriterien des Managements auf die Unis anwenden will, dann sollte man dem alten Lehrsatz folgen, demgemäß Verlierer in Strukturen und Gewinner in Menschen investieren.
  8. #8

    Gute Analyse - eher noch zu vorsichtig

    Herr Markschies formuliert zurückhaltend und mit der Erfahrung eines Politikers. Wenn er so etwas in die Öffentlichkeit trägt, sollte man davon ausgehen, daß das Problem aus seiner Sicht drängend ist.

    Ein wesentlicher Teil der Probleme rührt daher, daß man bei den Uni-Reformen der letzten 20 Jahren immer die Wirtschaft mit Bonuszahlungen etc. als funktionierendes Modell vor Augen hatten. Der Ausdruck Bonusmittel (leistungsorientierte Mittelvergabe) an Universitäten ist kein Zufall. In der Wirtschaft gibt es aber sehr harte Kriterien für den Erfolg einer Politik: Die große Wirtschafts- und Finanzkrise hat gezeigt, daß das alte Modell große Schwächen hatte. An den Unis gibt es die Möglichkeit einer derart fundamentalen Krise nicht wirklich, weshalb ein Versagen des Systems nicht oder nur sehr spät merklich wird. Aus meiner Sicht war die Hochschulpolitik der letzten Jahre sehr stark an Vorbildern aus der Wirtschaft orientiert und sie war im übertragenen Sinne genau so erfolgreich wie die Wirtschaftspolitik, die die Finanzkrise ausgelöst hat.
  9. #9

    Dekadente Professorateska

    Zitat von Riff Beitrag anzeigen
    Warum sind die nur "auf sehr begrenzte Zeit Teil der Universität"?
    Ja, diese Leute müssen UMS ÜBERLEBEN kämpfen. Sie haben keine Beamtenseligkeit.
    Sie haben so recht!!!11!!
    Schon die Studenten hier bekommen viel zu viel für ihre Aushilfsarbeit: 11€ in der Stunde! Bei solchen Löhnen nimmt sich spätrömische Dekadenz ja geradezu als Hungerleiden aus!

    Die promovierten nicht-Beamten hingegen, die arbeiten immerhin 80h bei 2k€ netto. Und da bleibt noch dicke übrig, denn wenn die nicht im Labor sind, hat eh' kein Geschäft mehr offen! Die kämen eigentlich auch mit 1k€ netto zurecht, wenn Modafinil nicht so teuer wäre.
    In meiner Zeit als Postdoc in USA, da gab es ganze 11 Tage Urlaub im Jahr, die hat nie einer genutzt: in der Zeit würde man ja keine Daten sammeln und am Ende kriegt der Konkurrent die Stelle.
    Die Statistik zeigt es auch: Akademiker mit Kindern sind eine Seltenheit. Kein Wunder, Wissenschafts-Zöllibat ist das einzige, was denen auch nur die leiseste Chance bietet, vielleicht mit 40 nicht in der Dönerbude zu stehen oder Taxi zu fahren.

    Nein, nein, ich stimme Ihnen völlig zu: das geht alles viel zu lasch ab, bei der dekadenten Professorateska! Die ganze Zeit in der Weltgeschichte herumreisen (Economy-Flug auch noch, statt umweltfreundlich mit Bahn und Schiff!) und sich bei den Kollegen über die Faulheit der Mitarbeiter beschweren.

    Bei genau diesen Mitarbeitern wird wenigstens noch mit harten Bandagen gekämpft! Da wird den Kollegen nicht nur unter der Woche, sondern sogar am Wochenende die Arbeit sabotiert, damit man selbst nicht so schlecht da steht!

    http://www.nature.com/news/2010/1009...l/467516a.html

    Das ist mal echter Konkurrenzdruck, nicht einfach nur Professoren die untereinander um noch besser dotierte Posten (C3 will C4 werden) konkurrieren, also um noch mehr Geld, noch mehr Einfluss, noch mehr Prestige, noch mehr Pension, um Preise und Plaketten. Nein, bei den nicht-Beamten, da herrschen noch die Arbeitszustände, wie man sich das wünscht! Ein Fehler und man ist auf Hartz IV, denn Stipendien kommen ohne Versicherungen! Wenn alle so arbeiten würden, hätten wir jede Menge Durchbrüche in der Forschung, jede Woche würde ein anderer Krebs geheilt!

    Zitat von Riff Beitrag anzeigen
    Im mittleren Management eines Wirtschaftsunternehmens würde die Hälfte der mehr als selbstbewussten deutschen Professorateska keine drei Monate alt.
    Ich habe noch nie in der Wirtschaft gearbeitet, aber so wie Sie es beschreiben, arbeiten die sicherlich keine läppischen 80h in der Woche und bekommen dafür volle 2 Riesen ausgezahlt, wie diese gemästeten Akademiker! Können Sie mir sagen, ob da permanent Ehen in die Brüche gehen, die Kinder auf Drogen sind, weil die Eltern ständig streiten, wenn sie überhaupt mal beide gleichzeitig zu Hause sind? Sicher sind dort auch die Selbstmordraten irre hoch! Meinen Sie, dass da vielleicht sogar die Leute auch oft einfach so sterben, bevor sie überhaupt einen Pensionsanspruch haben? Mann, nach Ihrer Beschreibung würde ich echt gerne da arbeiten, dass wäre wirklich genau mein Ding! In meinem Uni-Job hier habe ich nur das Problem Essen zu besorgen, weil die Supermärkte so kurze Öffnungszeiten haben. Reinstes Luxusproblem! Wenn ich doch nur einmal spüren dürfte, wie das ist richtig unter Druck zu stehen, so wie sie das so herrlich implizieren!








TOP



TOP