Die Bundeskanzlerin wollte beim letzten Mal mit Wulff einen parteiinternen Konkurrenten wegkomplimentieren. Nachdem sich dieser als ungeeignet fürs Bundespräsidentenamt herausgestellt hat, konnte sie jetzt Gauck nicht unterstützen, da dies in der Öffentlichkeit wie von den Medien als politische Niederlage ausgelegt worden wäre (wie dies nun ja auch gewertet wird). Die FDP war sich zwar bewusst, warum Frau Merkel jetzt nicht Herrn Gauck als Kandidaten aufstellen wollte, ignorierte dies aber gestern aus eigenem Profilierungsinteresse, um a) zu signalisieren, dass sie sich auch mal gegen die Bundeskanzlerin durchsetzen kann, und b) mit dem in der Öffentlichkeit favorisierten Herrn Gauck Beliebtheitspunkte zu sammeln. Dass Herr Gauck zudem hervorragend zur Ausrichtung der FDP passt, dokumentiert das im spon-Artikel wiedergegebene Zitat von Herrn Zastrow (FDP Sachsen).
Frau Merkel, die ich für eine ausgewiesene Machtpolitikerin halte, wird m.E. die FDP bei Zeiten -spätestens im Verlauf des Bundestagswahlkampfes- "abstrafen" und als mögliche Koalitionspartner auf SPD oder Bündnis90/Die Grünen zugehen. Die FDP dürfte für see nach dem gestrigen Sonntag endgülig aus ihren politischen Erwägungen für die nächste Bundestagswahl ausgeschieden sein.
Ob SPD und Bündnis90/Die Grünen mit dem kommenden BP Gauck viel Freude haben werden, bleibt abzuwarten. Seine Äußerungen zur Sozialpolitik, über die Kritiker der Finanzmärkte, über den angeblichen "Mut" des Herrn Sarrazin etc., aber auch die Eloge des Herrn Zastrow, der alles andere als den "mitfühlenden Liberalismus" des ehemaligen FDP-Generalsekretärs Lindner vertritt, weisen da eher in eine andere Richtung.
Auch die Bürger, die eine strikte Trennung von Staat und Religion befürworten, werden die Wahl eines ehemaligen Pastors zum Bundespräsidenten eher skeptisch sehen und sich fragen, ob nicht zuletzt der Einfluss verschiedenster Religionen auf Politik und Gesellschaft mehr Schaden als Nutzen hervorruft.
Es bleibt zu hoffen, dass der zukünftige BP Gauck in seinem zukünftigen Wirken seine Grundthemen Freiheit und Verantwortung vor dem Hintergrund der weltweiten Finanz-und Wirtschaftskrise in einer Weise definiert, in der die Freiheit aller Bürger (nicht nur der mehr oder weniger Privilegierten) und die Verantwortung aller (auch der mehr oder weniger Privilegierten) differenzierter als bisher dargestellt werden.
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