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Filmvermarktung*online: Verhungern im Long Tail

Deutschlands*Dokumentarfilmer nutzen die Berlinale, um einmal mehr auf ihre Nöte hinzuweisen: Sendeplätze brechen weg, der Druck zu Format, Boulevard und Trivialisierung wächst, im Kino zieht nur, was groß oder 3D ist. Doch auch die Selbstvermarktung per Internet ist schwerer als gedacht.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0...745031,00.html
  1. #1

    Internetvermarktung ist total einfach

    Jedenfalls, wenn man es macht wie Monty Python. Die haben einfach ihre Werke selbst auf Youtube eingestellt, und dadurch ihre Verkäufe um den Faktor 230 gesteigert (in Prozent liest sich das noch besser: 23000%).

    http://www.slashfilm.com/free-monty-...sale-increase/

    Wir reden hier um einen Verkaufsrang 2 bei Amazon, nicht um irgendwelche Pille-Palle-Verkaufssteigerungen. Wir reden hier davon, dass man die Konkurrenz komplett wegfegen kann, wenn man dem Kunden liefert, was er haben will: Umsonst-Videos zum Download. Wenn ihm das gefällt, kauft er sogar - lange nicht jeder, aber genügend. Oh Wunder. Das kostenlose Anfüttern war schon immer eine erfolgreiche Marketingstrategie. Und das kostenlose Anfüttern ist heute tatsächlich kostenlos, sprich, mehr Kosten als das bisschen Aufwand, das Video bei Youtube upzuloaden entstehen nicht.
  2. #2

    Discoverisiert

    Diese Art und Weise, Dokumentarfilme dem Couch-Potato schmackhaft zu machen, bringt mich des öfteren mal genervt zum Abschalten. Wenn Zoom In - Zoom Out Sounds und irgendwelches Kameragewackele und -gespiele zur Verdaulichkeitsmachung eines Themas strapaziert werden, soll man das doch bitte den Privaten überlassen. Das ÖR schielt mit dieser Taktik auf Zuschauerquoten, die da eh nicht erreicht werden. Es gibt schon genug wissenschaftlich verbrämte Quiz- und "Wissens"-Sendungen, die man besser im Sack lassen würde.
  3. #3

    Am Markt vorbei

    Man kann nicht am Markt vorbei produzieren und sich dann wundern, dass sich der Markt dafür nicht interessiert.
    Wenn ich mir z.B. den in der Bildstrecke genannten Doku-Streifen über den bosnischen Flüchtling in Deutschland anschaue - ich bin weder Bosnier noch Flüchtling. So tragisch die Geschichte auch sein mag, warum sollte mich das deprimierende Schicksal eines mir fremden Menschen so interessieren, dass ich dafür Geld ausgebe?

    Viele Menschen in Deutschland arbeiten den ganzen Tag über. Wenn sie abends erschöpft in den Fernsehsessel oder auf die Couch fallen, dann möchten sie nicht noch weitere Probleme wälzen. Sie möchten unterhalten werden. Sie möchten träumen, von einer besseren, idealisierten Welt. Das liefern Herz-Schmerz-Serien, seichte Krimis, Kochshows, Wohnungssuche-Schwänke, TV-Galas...
    Wenn Menschen Dokumentationen gucken, dann aus drei Gründen:
    - Sie versprechen sich einen Informationsvorsprung, den sie im eigenen Alltag zu ihrem Vorteil ausnutzen können.
    - Sie möchten unterhalten werden, lachen, staunen, Rekorde und Sensationen erleben.
    - Es geht um Fußball, den Weltuntergang oder Ufos (auch so ein Thema, das im Internet der absolute Hit ist und von den öffentlichen Medien völlig ignoriert wird).

    Es ist schön, dass sich Dokumentarier für Nischenthemen per se interessieren, aber das ist die Minderheit. Die Mehrheit guckt "Hilfe ich bin ein Star, holt mich hier raus" (bei dieser Show darf man übrigens nicht mitmachen, wenn man ein Star ist...), "Das perfekte Dinner", die neueste total lustige und völlig unvorhersehbare Liebeskomödie mit Hugh Grant bzw. Till Schweiger oder den absolut realistischen und nicht übertriebenen Hollywood-Blockbuster. Diese unbequeme Realität wird von Filmemachern gerne ignoriert. Es bleibt aber Realität.
  4. #4

    Kosten

    nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
  5. #5

    Kosten

    nur um in diesen sehr guten Artikel noch ein wenig mehr Grund hineinzubringen: Ein preiswerter Dokumentarfilm von 30 Minuten kostet bei einer Drehzeit von acht Tagen - vorausgesetzt Kameramann/frau, Tonmann/frau und weitere Leute wie Regisseur, Cutter, Studio und Equipmentverleiher bekommen ihre Mindestgagen und Mindestmieten (also keine krassen Dumpingpreise) - circa 30.000 Euro. Das wäre in irgendeiner Form einzuspielen. Bei allem, was darunter liegt, zahlt irgendwer drauf. In Wirklichkeit können die realen Kosten (Themen die mehr Drehtage oder zusätzlich Reisen erfordern) jedoch auch schnell bei 40 bis 50 Tausend Euro liegen. Wenn dabei nun eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt mit einem für sie günstigen Betrag einsteigt (was durch Umstrukturierungen der Programme immer seltener geschieht), werden oft sämtliche Rechte sowohl an dem Film als auch an dem Rohmaterial verlangt, was jegliche (oft eigentlich notwendige kostendeckende) Weiterverwertung verhindert.
  6. #6

    ...

    Zitat von Bernd Paysan Beitrag anzeigen
    Jedenfalls, wenn man es macht wie Monty Python. Die haben einfach ihre Werke selbst auf Youtube eingestellt, und dadurch ihre Verkäufe um den Faktor 230 gesteigert (in Prozent liest sich das noch besser: 23000%).

    Wir reden hier um einen Verkaufsrang 2 bei Amazon, nicht um irgendwelche Pille-Palle-Verkaufssteigerungen...
    Es geht hier aber nicht um Unterhaltung, sondern um Dokumentarfilme. Darüber hinaus handelt es sich bei Monty Python um eine international seit Jahrzehnten bekannte und äußerst beliebte 'Marke'. Der Ursprung dieser Beliebtheit und des resultierenden Erfolgs liegt im Übrigen im Fernsehen: Hier gab man der Gruppe den Auftrag und die Chance, eine Show zu entwickeln.

    Zitat von einszweidrei Beitrag anzeigen
    Man kann nicht am Markt vorbei produzieren und sich dann wundern, dass sich der Markt dafür nicht interessiert.
    Wenn ich mir z.B. den in der Bildstrecke genannten Doku-Streifen über den bosnischen Flüchtling in Deutschland anschaue - ich bin weder Bosnier noch Flüchtling. So tragisch die Geschichte auch sein mag, warum sollte mich das deprimierende Schicksal eines mir fremden Menschen so interessieren, dass ich dafür Geld ausgebe?

    Viele Menschen in Deutschland arbeiten den ganzen Tag über. Wenn sie abends erschöpft in den Fernsehsessel oder auf die Couch fallen, dann möchten sie nicht noch weitere Probleme wälzen. Sie möchten unterhalten werden...
    In was für einer Welt würden wir leben, wenn nur für 'den' (vermeintlichen) 'Markt' produziert würde? Zum Glück gibt es auch noch links und rechts des großen, grauen Einheitsbreis Angebote für Menschen, die sich eben doch für mehr interessieren als nur für sich selbst. Es ehrt Sie, dass Sie sich selbst offen zu Ihrer Haltung bekennen, aber schließen Sie nicht von sich auf andere. Und verschließen Sie nicht die Augen vor den möglichen Folgen einer weiteren Entwicklung wie die von Ihnen beschriebene - für das Angebot im Fernsehen ebenso wie für das Zusammenleben von Menschen in der Welt.

    Kein Dokumentarfilmer erwartet einen Erfolg, vergleichbar mit dem eines Hollywoodfilmes (und auch hier hat nur ein Bruchteil der jährlich produzierten Spielfilme überhaupt Erfolg, im Sinne eines wirtschaftlichen).

    Worum es im Kern geht, ist einerseits die bisherigen Erfahrungen mit neuen, alternativen Vertriebsformen zu schildern, welche eine Alternative zu den bisherigen, etablierten Vertriebswegen darstellen, welche schon immer nur für einige Wenige offen standen und auch nur vielleicht Erfolg versprachen, die aber vor allem seit Jahren einem deutlichen Wandel unterliegen. Das Szenario betrifft im Übrigen ja die komplette Film- und Musiklandschaft.

    Andererseits geht es aber eben auch um die seit Jahren immer schlechter werdenden Rahmenbedingungen gerade (aber nicht nur) für Dokumentarfilme im Fernsehen. Vergessen Sie nicht: Zumindest das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat einen Auftrag allen Bürgern und nicht nur einer erschöpften, vermeintlichen Mehrheit gegenüber; und dieser Auftrag heißt eben auch nicht ausschließlich: Unterhaltung.

    Noch heute entstehen die mit erfolgreichsten Dokumentarfilme - wie auch Fiction-Serien - unter der Federführung der BBC, also des Fernsehens. In Deutschland aber wird im Zweifel lieber auf den Import genau dieser Erfloge gesetzt, anstatt diese selbst zu ermöglichen.








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