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Fichtners Tellergericht: Oh Gott in Frankreich

Ach, Frankreich! Im Land der kulinarischen Weltmeister ist Verfall im Verzug: Käsemacher geben auf, Bauernhöfe werden still gelegt, in den Supermärkten herrscht der Fertigfraß. Und wer hat Schuld an der Misere? Wir selbst, die Amerikaner und die "Desperate Housewives".

http://www.spiegel.de/kultur/gesells...500386,00.html
  1. #1

    Gourmet, Gourmand

    Das Thema Essen in Frankreich verdient eine Diskussion. Wird doch im Land der guten Küche und der dafür besten Produkte die Bevölkerung eifrig verdummt. Schon die Schulkantine zeigt: die "Köche" sind gerade mal in der Lage, Kartoffelpüree aus der Tüte zu bereiten oder gefrorene Fritten ins Öl zu schütten. Wollten sie etwas anderes servieren, gäbe es Aufstand; denn die Kinder und Jugendlichen essen zu Hause nur noch Fertiggerichte und sind geschockt beim Anblick einer Artischocke.
    Fettleibigkeit ist im Kommen. Fritten, zuckriges Rülpswasser, Pizzen schmecken besser. Selbst die Eltern wissen nicht mehr, wie man kocht. Das ist keine Karikatur. Arme Leute kaufen in europaweit verbreiteten Discount-Supermärkten einen Mist, den nicht einmal ein hungriger Hund fressen will (Namen sind jedem bekannt). Nur in bestimmten "Kreisen" wird noch auf gesunde Ernährung geachtet.
    Die Folgen sind katastrophal. Santé ! Na ja, jeder sollte vor seiner Tür fegen.
  2. #2

    Letzteres Sysop!

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Ach, Und wer hat Schuld an der Misere? Wir selbst, die Amerikaner und die "Desperate Housewives".
    Ach war das doch schön, als die Mamas noch am Herd standen, als für die Gattinnen noch die Liebe über den Magen des abgearbeiteten und müden Gatten zu aktivieren war!
    Ein Anflug reaktionärer Nostalgie Alice, ich weiß!
    rosebud
  3. #3

    Nichts gegen Picard!

    Ich selbst verbringe jedes Jahr einige Monate in Frankreich. Größtenteils hat der Autor recht, speziell in den "grand-surfaces" kann man einen regelrechten Konsumwahn beobachten. Wer schon einmal Samstags in einem Carrefour mit 72 Kassen (alle geöffnet) war, wird wissen was ich meine.

    Die Kritik an Picard kann man so allerdings nicht unkommentiert stehen lassen. Von Picard angebotene Produkte sind fast immer von sehr hoher Qualität und oftmals mit frisch zubereiteten Produkten durchaus vergleichbar. Mit "Billigfraß" hat das allerdings nichts zu tun, eine Tiefkühlpizza kostet da schon einmal 7 Euro, schmeckt aber auch fast wie im Restaurant. Kein Vergleich zu dem tiefgekühlten Abfall in Deutschland.
  4. #4

    Zeit!

    Schon vor über 20 Jahren hat man im Herzen von Paris genau so viele Schnellfressläden vorgefunden wie in New York.
    Nehmen der konzertierten Aktion der Ernährungsmultis, die ganze Welt zu streamlinen, ist meiner Ansicht Zeitmangel der Grund für den Niedergang der Cuisine.

    Eine "Germanisierung" ist das nicht, was in Frankreich stattfindet, denn es gibt einen wesentlichen Unterschied: In F gibt es keine Tradition für die schnelle Alltagsküche. Kochen wurde immer zelebriert, war immer mit z.T. erheblichem Aufwand verbunden. Heutzutage muss vieles aufgrunde der Sachzwänge einfach schnell gehen. Und da ist einfach nichts, so dass dann der Griff nach McDoof, plats cuisinés, etc. die Alternative ist.

    In D gibt es - noch - einfache Gasthöfe, wo man solide Hausmannskost wie Gulaschsuppe, ein paar Würstchen mit Kartoffelsalat, Maultaschen in der Brühe oder Reibekuchen bekommt (bis der Wirt aufhört und sein Laden als Pizzeria neu wiederaufersteht). Dieser Unterbau fehlt in F. Und klassisch kochen kostet Zeit, irgendwer muss hinterher spülen, da ist es doch viel einfacher, man greift zu irgendwas, was nur in die Mikrowelle muss und man zweckmäßigerweise gleich aus dem Napf essen kann. Es schmeckt ja, und es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Dass damit schleichend Basiskenntnisse verloren gehen, sehen die großen Lebensmittelkonzerne genau so gern wie der kleine Traiteur.

    Witzig ist auch, dass weltweit die Kochkunst umso armseliger wird, je besser die Küchenausstattung ist. Ein Bekannter, der Nobelküchen verkauft, gab mir Recht: "Hör mal, wenn du 20.000 Euro für deine Küche ausgibst, wirst du die doch nicht im Ernst einsauen wollen!"

    Und natürlich: Je besser die Fertiggerichte schmecken, desto weniger wird die Mühe der Hausfrau geschätzt. Bin selber Köchin aus Leidenschaft und in nicht unerheblichem Maße frustriert. Da ernte ich meine Früchte, putze sie, schnippel sie und koche sie liebevoll ein, um dann eine Marmelade herzustellen, von der alle sagen, sie würde so hausgemacht schmecken, aber ganz ehrlich: der Kram aus dem Supermarkt ist auch nicht schlecht.

    Und die Jugend von heute ...
    Gelegentlich versteige ich mich dazu, Rohmilchcamembert mit Walnüssen zu machen. Allein die Beschaffung der Rohstoffe steht in keinem Verhältnis zum Ertrag. Und Sohnemann findet Kraft-Käse besser. Na ja, immerhin weiß ich, wie's geht, und wenn je ein Supermarkt-Generalstreik stattfindet und man beim Bauern einkaufen muss, habe ich meine große Stunde.
  5. #5

    Fertigfutter

    Das Angebot an erstklassigen Lebensmitteln ist in Frankreich immer noch sehr hoch, und es finden sich zumindest vor Festtagen immer noch genügend Käufer. Aber die Anzahl der Abnehmer für Fertigfutter ist schon seit Jahrzehnten sehr hoch, denn alles das was Traitteure so an Fisch und Fleisch in abscheulicher Soße zum aufwärmen, Salate mit gewaltigen Mengen an billiger Mayonaise, angetrocknete Lachsscheiben hübsch oder altbacken garniert zu horrenden Preisen anbieten ist nichts weiter als das, was man industriell produziert auch bei Discountern kaufen kann.

    Viele Franzosen haben sehr wohl eine Vorliebe für gutes Essen und teure Restaurantbesuche, nur sind französische Restaurants im allgemeinen nicht so gut wie ihr Ruf. Steak-Frittes in Restaurants der unteren Preisklasse ist nicht unbedingt einem Hamburger vorzuziehen. Eine gute Küche, die man in Deutschland ( zumindest im Südwesten ) gelegentlich schon Bistros antreffen kann, findet man in Frankreich oft nur in Michelin-besternten Häusern. Allerdings vergibt Michelin in Frankreich seine Sterne deutlich großzügiger als in Deutschland, so daß ein quantitativer Vergleich nicht möglich ist.

    Ob, wie der Autor schreibt, sich alles so grundlegend verändern wird, wage ich zu bezweifeln. Es mag Verschiebungen hin zum schnellen Essen geben, aber gleichzeitig ist, wie auch in Deutschland, die Zuwendung zu einer anspruchsvollen Küche zu beobachten. Vielleicht hält der Trend an.
  6. #6

    iss doch ganz einfach

    den guide routard kaufen, und dann auf der rechten seite die loire runter, blos nicht auf die autobahn, so zuckelt man prima uber tour, poitier ev noch ueber cognac bis bordeaux da gibts dann auch wieder nen McDo.
    ha funzt danke
  7. #7

    wo ist hhilscher?

    ja ich bin auch sehr traurig über den allgemeinen Verfall der Esskultur
  8. #8

    -

    Zitat von Schneeeule Beitrag anzeigen
    Eine "Germanisierung" ist das nicht, was in Frankreich stattfindet, denn es gibt einen wesentlichen Unterschied: In F gibt es keine Tradition für die schnelle Alltagsküche. Kochen wurde immer zelebriert, war immer mit z.T. erheblichem Aufwand verbunden. Heutzutage muss vieles aufgrunde der Sachzwänge einfach schnell gehen. Und da ist einfach nichts, so dass dann der Griff nach McDoof, plats cuisinés, etc. die Alternative ist.
    Ich geniesse mittags immer noch die 2-3 Gaenge und versuche ebenfalls moeglichst oft Abends essen zu gehen. I.d.R. gute traditionelle franzoesische Kueche (keine nouvelle Cuisine - die mag ich ueberhaupt nicht). Ich verzichte dabei, wie das Gross meiner Kollegen lieber auf ein Auto und die Zigarretten, als dass ich mein Essen in Restaurants einschraenke. Da ich fuer das Abendessen reservieren muss, gibt es anscheinend noch genug gleichgesinnter, die sich diesen (leider immer teurer werdenen) Genuss goennen.

    Es gibt hier uebrigens genug Brasserien die ein ordentliches Essen in einem Gang anbieten. Eigendlich tun dies hier alle. Fuer den Mittagstisch wird man auch in den Restaurants ein gutes Essen essen finden, welches nicht zuviel Zeit erfordert. Und die Qualitaet ist dabei gut.

    Das einzige, dass ich hier schmerzlich vermisse ist das unvergleichlich bessere Brot aus Deutschland. Ansonsten gibt es hier alles und noch mehr...
  9. #9

    Massentierhaltung wird eben auch beim Menschen angewandt!

    Auch wenn viele immer Jammern wie Hart die Leute früher gearbeitet haben, liegt der Niedergang der Esskultur doch eindeutig in unserer heute verbreiteten Arbeitsphilosophie. Man arbeitet, sowohl als männlein als auch als weiblein, stressige 8-10 Stunden am Tag, kommt ausgelaugt Heim und wird dann von der Unterhaltungsindustrie dazu verleitet das meist intellektuell wenig fordernde Angebot zu nutzen, um sich die Zeit zu vertreiben.

    Da bleibt einfach nicht genug Raum oder Energie, um sich mal 2 Stunden mit dem Einkaufen Kochen zu beschäftigen, vor allem wenn ein Abend voller zombiefreundlicher Dauerberieselung lockt. Mit der technisierung und modernisierung der Arbeit und Freizeit wird also auch die Esskultur in unseren Arbeitsalltag gezwängt. Da die heutige Arbeitsmoral weder etwas romantisches, noch etwas Ursprüngliches aufzuweisen hat, muss man sich nicht wundern, wenn es mit der Esskultur ähnlich läuft. Schließlich besteht der Alltag der meisten arbeitenden Deutschen nur noch aus Aufstehen, Arbeiten, Unterhalten werden, Schlafen. Das natürlich in tausendfacher Ausführung bis zum Tod. Das heutige Leben erinnert mich deswegen ziemlich stark an die Massentierhaltung, nur das es uns natürlich alles etwas angenehmer gemacht wird. Das Prinzip bleibt aber das gleiche. Wie man sieht inzwischen selbst beim Essen, denn wo die Kühe ihr Trockenkreaftfutter bekommen, ist es bei uns die wohlportionierte TK-Kost. ;)

    Dazu kommt aber auch nicht selten der Preis. Klar schmeckt die selbstgemachte Lasagne ein stück besser, als die aus der Tiefkühltruhe. Aber geh mal los und kauf dir die Zutaten selbst zusammen. Man zahlt locker das 3-4 Fache für die Zutaten. Die Creme Fraiche oder der Käse oben drüber kosten ja oft schon soviel wie eine Aldi-Tiefkühllasagne.

    Da wundert mich der beschriebene Verfall der Esskultur sowohl in Frankreich als auch in Deutschland eigentlich wenig. Vielleicht sollte mal der Staat entsprechende Schritte unternehmen und das Essen als wirkliches und zu erhaltenes Kulturgut anerkennen, dass nicht nur geduldet, sondern auch gefördert werden muss. Das sollte sich natürlich schlussendlich so auswirken, dass die Zutaten eines TK-Produkts endlich wieder billiger werden, als das vergleichbare TK-Produkt selbst. Am Ende würde wahrscheinlich sogar gespart werden, weil die Menschen sich gesünder ernähren würden. ;)


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