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Festival für politisches Theater: In schlechter Verfassung
Die deutschen Bühnen wären so gerne politisch, gerade in diesen Krisenzeiten. Aber wie? Und mit welchem Ziel? Das Grundgesetz des Gegenwartstheaters scheint zu sein, dass die Zeiten realpolitischen Einflusses vorbei sind. Ein Festival in Dresden sucht nach neuen Wegen.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...793965,00.html
- #1 26.10.2011 07:52 von
- #2 26.10.2011 08:35 von Arion's Voice
1-7
1. Das Theater ist schon lange nicht mehr das Institut nationaler Identitätsbildung.
Mag sein. Aber auch dank der Medien, wie SPIEGEL, die stiefmütterlich berichten. Amateurtheater kommt in den Medien überhaupt nicht vor.
2. Das Theater schafft es nur noch höchst selten, große Politskandale zu initiieren, es kann also nicht mehr als Katalysator politischer Diskussionen dienen.
Siehe 1
3. Das Theater als Apparat ist zu langsam, um auf aktuelle politische Ereignisse reagieren zu können.
Bei Produktionszeiten von wenigen Wochen? Wohl kaum.
4. Das Theater als Ort ist ungeeignet für eindeutige Botschaften, weil es traditionell der Ort erfundener Geschichten ist. An ihm werden Gewissheiten aufs Spiel gesetzt, nicht erzeugt.
Wieso sollten erfundene Geschichten keine eindeutigen Botschaften haben? Das erscheint mir ein bisschen absurd. Gerade erfundene Geschichten kann ich eindeutig gestalten.
5. Das politische Theater im Stil der siebziger Jahre erreicht immer nur die, die sowieso schon bekehrt und Teil der Community sind.
Ja. Aber auch dank (siehe 1)
6. Das politische Theater im Stil der siebziger Jahre neigt dazu, seine Themen auf einen dramatischen Konflikt zu reduzieren. Das verzerrt aktuelle politische Probleme: Es gibt nicht mehr eindeutig Freund und Feind, und wenn, dann sind es keine Personen.
Und was ist mit modernem politischen Theater à la Stemann? Wieso wird hier dauernd das Theater aus den 70ern herangezogen? Die 70er sind vorbei. Es gibt jede Menge (gerade deutschsprachige) hervorragende Theatermenschen.
7. Das Theater ist unglaubwürdig, wenn es gegen kapitalistische Ausbeutung agitiert, weil es oft in selbstausbeuterischen Arbeitsverhältnissen entsteht, die kritisierten Verhältnisse also in seiner eigenen Arbeit reproduziert
Kann man auch benutzen. Muss kein Hindernis sein. - #3 26.10.2011 08:39 von
"unter die Leute bringen"
Mal ganz ehrlich: es freut mich ja, das ehemalige Studenten der Theaterwissenschaften in Giessen mit ihren Projekten so erfolgreich sind ("She She Pop" und "Gob Squad" waren z.B. auch beide gerade beim Theatre Festival in Dublin...dazu spaeter aber mehr). Aber waehrend der Studienzeit und -arbeit sind es gerade die Produktionen der Theaterwissenschaftler, die die "Leute" aus dem Theater treiben. Es ist ein sehr kleiner, sehr elitaerer Kreis, der sich ueberhaupt damit beschaeftigt...also, was nutzt die beste Botschaft, wenn kein Publikum da ist, "keine Leute, unter die man es bringen kann".
Und diese Experimentierfreudigkeit, die das Publikum komplett aussen vor laesst, statt es abzuholen und mitzunehmen, hat ueber Jahre auch allgemein die Leute aus den Schauspielhaeusern getrieben, nur die "Elite" blieb, und die anderen wollen nur mehr, wenn sie denn mal hingehen, die pure Unterhaltung und Ablenkung. So wie beim Fernsehen (das ja noch zusaetzlich zu der Lage beigetragen hat).
Also sollte man doch versuchen, einen Weg dazwischen zu finden. Das das moeglich ist hat z.B. gerade das Dublin Theatre Festival (das ich persoenlich fuer eines der besten der Welt halte, wie auch irisches Theater allgemein) wieder gezeigt, mit einem ausgewogenen Programm zwischen Anspruch und Unterhaltung. Und das nicht auf zwei unterschiedlichen Schienen, sondern miteinander verwoben. Theater fuer "die Leute", nicht nur die kleine Elite.
Erstaunlicherweise schaffen das in Deutschland voellig unabhaengige Gruppierungen, die noch nicht mal den theaterwissenschaftlichen Hintergrund haben, oftmals noch am ehesten - weniger verkopft und ueber-emotional, sondern mit den Fuessen noch fest im Boden verankert. - #4 26.10.2011 10:11 von Arion's Voice
Beides muss sein.
Ist richtig, es gibt zwei Wege: erstens die Kunstform Theater weiterzuentwickeln, zweitens Theater für die Bevölkerungsmehrheit zu machen.
Der erste Punkt ist tatsächlich interessanter für alle, die sich öfter Stücke anschauen oder sich mit der Materie befassen. Ganz ehrlich: ich WEISS mittlerweile, worum es in den meisten Klassikern geht, weswegen ich es ziemlich öde finde, wenn einfach nur die Geschichte nacherzählt wird - ich möchte dann eine Interpretation sehen. Außerdem schöpfen sich aus diesen Weiterentwicklungen auch Ideen, die in den Mainstream einfließen können.
Modernes Theater muss deshalb sein, weil reproduzierendes Theater tot ist - es schafft nichts selbst. Und wie bei allen Kunstformen gibt es abstrahierende Umsetzungen, die sich einem unter Umständen nicht sofort erschließen. Bei der Malerei und bei der Musik gibt es eine solche Abstraktion schon länger, als im Theater.
Geschichten kann man nicht nur über die Handlung, sondern auch über die Form erzählen. Und manchmal sogar besser. In Berlin-Alexanderplatz, beispielsweise, ist auch die Form entscheidend. In Gemälden von Picasso auch. In verschiedenen Situationen (z.B. während des Ersten Weltkriegs) kann es sogar notwendig sein, neue Formen zu erfinden, weil man sich über die vorhandenen einfach nicht mehr ausdrücken kann.
Trotzdem stimme ich mit Ihnen völlig überein, dass man auch jederzeit Theater für diejenigen Zuschauer anbieten muss, die Theater nicht "vorher studiert" müssen. Der Kontakt zur "Basis" darf nicht verloren gehen. Das machen aber auch moderne Regisseure wie Volker Lösch.
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