Fehlende Uni-Streitkultur: Bitte, lasst die Fetzen fliegen

CorbisDer wissenschaftliche Streit gilt als Keimzelle im Erkenntnisprozess. Er trennt die Spreu vom Weizen, schärft den Geist und ohne den Disput wäre die Wissenschaft wohl verloren. Das Hochschulmagazin "duz" fragt, ob Forscher heute wirklich noch so diskutieren, wie sie sollten.

http://www.spiegel.de/unispiegel/job...830143,00.html
  1. #1

    Freiheit für Forschung und Lehre!

    Warum streiten Forscher nicht mehr richtig... Vielleicht auch, weil sie sich berechtigtermaßen nicht trauen. Wer auf Drittmittel oder die Verlängerung einer befristeten Stelle angewiesen ist, kann es sich eben nicht leisten, steile Thesen aufzustellen - auch wenn das oft die Sache wesentlich weiter bringen würde. Freiheit in der Forschung kann es nur geben, wenn eine gewagte oder auch eine gelegentliche irrtümliche Behauptung keine existenzielle Bedrohung ist - Irrtümer gehören notwendigerweise zum Erkenntnisprozess dazu!
    - Und wozu die Angst vor dem Internet? Kein Mensch wird gezwungen, täglich auf Twitter Verbaldiarrhoe abzugeben. Man kann sich seine Meinung fürs Internet genauso überlegen wie fürs Gedruckte - nur kommt sie besser an, wenn man sie dort unterbringt!
  2. #2

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Der wissenschaftliche Streit gilt als Keimzelle im Erkenntnisprozess. Er trennt die Spreu vom Weizen, schärft den Geist und ohne den Disput wäre die Wissenschaft wohl verloren. Das Hochschulmagazin "duz" fragt, ob Forscher heute wirklich noch so diskutieren, wie sie sollten.

    Streitkultur an Universitäten: Forscher haben das diskutieren verlernt - SPIEGEL ONLINE
    Was wir brauchen ist eine Diskussionskultur, keine Streitkultur. Die haben wir.

    Es mangelt uns am zuhören, nicht am reden.

    Wissenschaftliche Arbeit ist heute zu großen Teilen ideologisch besetzt ist. Gerade die im Artikel genannten Felder Klimawandel, Tierversuche, Atomkraft und Gentechnik gehören dazu. Diese Themen sind hochgradig emotional aufgeladen.

    Da ist schon vor Beginn einer Diskussion klar, wer Gut und wer Böse ist. Da findet doch kein Austausch von Argumenten statt und zugehört wird da erst recht nicht, wenn schon von vorne herein klar ist, dass es um moralische Fragen geht.

    Die Naturwissenschaftler müssen sich wieder von der Politik und ihren ideologischen Denkverboten lösen, sonst ist kein freier Diskurs möglich.

    Wissenschaftler dürfen sich nicht durch die Moralvorstellungen ihrer Zeit fesseln lassen. Das wäre eine Charles Darwin nicht würdig. Es geht darum die Welt so zu erkennen wie sie ist und nicht wie sei nach Meinung der gesellschaftlichen Mehrheit sein sollte.
  3. #3

    optional

    Ich kann ein abebben der Streitkultur nicht nachvollziehen. Bestenfalls eine Verlagerung.
    Siehe auch der Flamewar zwischen Tanenbaum und Torvalds über den richtigen Umfang von Betrietssystemkerneln in den 90ern.
    Desweiteren: srsly, muss diese Registrierungspflicht für Kommentare sein? Ein Captcha sollte es auch tun gegen Spam.
  4. #4

    Streit ist eine Form der Diskussion

    Zitat von Olaf Beitrag anzeigen
    Was wir brauchen ist eine Diskussionskultur, keine Streitkultur. Die haben wir.
    Es mangelt uns am zuhören, nicht am reden.
    Wissenschaftliche Arbeit ist heute zu großen Teilen ideologisch besetzt ist. Gerade die im Artikel genannten Felder Klimawandel, Tierversuche, Atomkraft und Gentechnik gehören dazu. Diese Themen sind hochgradig emotional aufgeladen.
    Eigentlich beschreiben Sie doch genau das, was die Autoren auch sagen: es wird diskutiert, aber der Kontroverse aus dem Weg gegangen - weil man Angst hat, den Kürzeren zu ziehen, denn die aktuelle Form des Wettbewerbs in der Wissenschaft begünstigt Opportunismus in allen Varianten. Viele wollen einfach nur irgendwie ihr Auskommen retten, und um die Sache geht es nur noch am Rande. Um manches müsste man gar nicht emotional werden, wenn nicht die Karriere dran hängen würde!
    Und, ganz ehrlich, ich glaube, die meisten hören durchaus zu, aber sie trauen sich nicht, sich mit dem Gehörten wirklich kritisch auseinanderzusetzen und schon gar nicht, eine Antwort zu geben.
    Streit ist eine notwendige Form der Diskussion, wenn diese vorwärts führen soll. - Man kann auch sehr zivilisiert und mit viel Spaß streiten.
  5. #5

    Problemorientierung

    Günter Stock: "Problemorientierte Debatten bedürfen menschlicher Nähe - das ist meine feste Überzeugung."

    Meine ist es nicht, und Überzeugungen anderer sind es auch nicht vorrangig, die mich interessieren, wenn ein Problem diskutiert werden soll. Ich will nicht von der Meinung eines anderen überzeugt werden, sondern mir eine eigene bilden.
    Wenn ein Problem diskutiert werden soll, dann ist es mitunter aus bestimmten Perspektiven sehr hilfreich, wenn man die Person des Gegenübers nicht kennt, sondern nur das, was er äußert.
    Wenn ich den Namen Günter Stock lese, muss ich zum einen voraussetzen, dass er bei Mitdiskutierenden bekannt ist, die dann vermutlich auf mich einhämmern werden, wenn ich es wage, seine Meinung zu kritisieren. (Andererseits weiß ich aber auch, dass er kein unscheinbares Wesen war. Er hätte schon lange auf die Streitkultur achten können.)
    Ein Student wird anders mit einem Professor reden als ein Professor mit einem Studenten. Ein Abhängiger redet anders mit seinem Herrn als ein Herr mit seinem Abhängigen. Ein Mann redet anders mit einer Frau als eine Frau mit einem Mann. Ein Mann redet anders mit seiner Frau als eine Frau mit ihrem Mann. Eine Frau redet anders mit Männern als Männer mit dieser Frau. ...
    Vorurteile. Einstein war wirklich ein Genie.
  6. #6

    Erkenntnis und Evolution

    In der Evolutionstheorie werden Anpassungsoptima oft als "Gipfel" beschrieben, zwischen denen Täler weniger guter Anpassung liegen. Wenn man den Erkenntnissprozess als eine Form geistiger Evolution (Annäherung an so etwas wie Wahrheit) sieht, bedeutet das, dass man auf dem Weg von einer Erkenntnis zur nächstbesseren zwangsläufig irren muss. - Und - viele Augen sehen mehr als zwei und werden die Irrtümer leichter entlarven. Deswegen sollte man gemeinsam schneller von einem Gipfel zum nächsten kommen. Wer sich nicht mehr nach vorn wagt und dem Streit und dem Irrtum aus dem Weg geht, kann den nächsten Gipfel nie erreichen.
  7. #7

    Wieso soll denn noch diskutiert werden wenn man ohnehin nur mit Gemauschel weiterkommt? Diese Erkenntnis hat sich schon längst durchgesetzt, selbst einige Erstsemester blicken da schon durch.
    Aus langjähriger Erfahrung im universitären Umfeld kann ich zudem bestätigen, dass Schleimer, Dauer-Nicker und Doktorvater-Schoßhocker bei Berufungen eindeutig im Vorteil sind.
    Dies gilt sogar in den mutmaßlich "harten" Fächern wie z.Bsp. Physik oder vielen anderen Naturwissenschaften. Entgegen den landläufigen Vorstellungen bestimmen auch dort nicht etwa Fakten oder gar neue wissenschaftliche Erkenntnisse den Aufstieg, sondern viel öfter und ausgeprägter die persönlichen Beziehungen, neudeutsch "networking", zu den anderen Schulterklopfern.

    Sogar ganz neue, wissenschaftlich oft fragwürdige bis überflüssige, Professuren werden regelmäßig spezifisch für solche Kandidaten ausgeschrieben. In Berufungskommissionen werden Zöglinge in manipulativer Weise auf die ersten Ränge geschoben, ohne dass dies aufgrund wissenschaftlicher Leistungen oder wissenschaftlicher Ambitionen irgendwie nachvollziehbar ist. Um Wissenschaft geht es dabei schon lange nicht mehr.

    Aber was will man auch noch erwarten in einem Land, in dem selbst einige Bundes-Minister getürkte Doktorarbeiten abliefern.

    Wie der Herr so's Gecherr.
  8. #8

    saubere Arbeit

    Was die Physik anbelangt, gibt es in schwammigen Bereichen wie der Stringtheorie oder dem "Standardmodell" der Kosmologie teils heftige Reaktionen, etwa, dass bestimmte Theorien nicht falsifizierbar seien, oder Modelle so viele freie Parameter hätten, dass man damit fast alles approximieren könne. Gott sei Dank wird in den meisten Bereichen der Wissenschaft sauberer gearbeitet, so dass heftige Reaktionen üblicherweise ausbleiben.
  9. #9

    Vielleicht ist das der Grund:

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Zitat:

    "Die "Grenzen des Wachstums" vom Club of Rome wurden gar 1972 publiziert. Die Debatten etwa zu den Ursachen des Waldsterbens oder über die Chancen und Risiken der Atomkraft fanden und finden kaum noch ein vergleichbares Echo."

    Streitkultur an Universitäten: Forscher haben das diskutieren verlernt - SPIEGEL ONLINE
    ...dass nämlich heutzutage jeder sich als "Umweltforscher", "Klimaforscher", "Friedensforscher" benennen kann, ohne über wissenschaftliche Reputation zu verfügen...

    Die Aussagen Einsteins stehen immer noch, ebenso die Aussagen der Quantenphysik...

    Die Aussagen des Club of Rome wurden schon lange, lange falsifiziert...