Fachkräftemangel: Wer hat Angst vor der Killerstatistik?
Werden im Jahr 2025 wirklich 7 Millionen Fachkräfte fehlen?*Sicher nicht.*Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff, Autoren des Buches "Lügen mit Zahlen", warnen vor Horrorstatistiken, mit denen Politik gemacht wird. Schon die Annahmen sind oft*hanebüchen: Dann gibt es plötzlich keine Zuwanderung und keine Rente mit 67.
Ich bin Personalberaterin (keine Zeitarbeit) und besetze zur Zeit sehr viele Positionen in verschiedenen Bereichen (Ingenieurwesen, Vertrieb, Produktion uvm.). Zusammen mit meinen Kollegen besetze ich nicht nur Vorstands-Positionen, sondern auch Positionen ohne Mitarbeiterverantwortung wie z.B. Ingenieure für Lötvorgänge oder Absolventen.
Warum besetzen wir nun solche Positionen? Weil die Unternehmen (renommierte und auf dem Markt gut aufgestellte Unternehmen) von alleine keine finden.
Nun besetzen wir auch niedrig dotierte Positionen, keine Ingenieursfachkräfte, sondern einfache Verkäufer. Da bietet sich ja auch die Ansprache über das Arbeitsamt oder die Anzeigenschaltung gut an. Weit gefehlt: Für eine unbefristete, verhältnismäßig zu der Branche gut bezahlte Position mit kaum fachlichen Anforderungen an den Bewerber, war keiner der rund 40 angesprochenen arbeitslosgemeldeten Persönlichkeiten dazu zu motivieren sich zu bewerben. Im ersten Telefongespräch jammern die Kandidaten von Rückenschmerzen und dass ihnen eine Position von 10 km Entfernung nicht passen würde. 4 schalten ihr Handy aus und melden sich nie wieder, weitere 2 behaupten nehmen keinen der Termine wahr, und weitere 14 reagieren erst gar nicht auf die Ansprache (Ansprache im Umkreis von 10 km, kein "Unter-Wert-Verkauf" der Person).
In den allerseltensten Fällen wurden bislang Positionen aus einem Pool von Arbeitsamtkandidaten besetzt, was nicht an deren Qualifikationen lag, sondern weil sie auf gut deutsch gesagt, einfach keinen Bock hatten. Von 30-jährigen Kandidaten, die keinerlei Ausbildung haben, sehr große Lücken im Lebenslauf aufweisen und Wechsel immer in Ein-Jahres-Zyklen vollziehen, zu hören, dass ihnen 50.000 € zu wenig sind, grenzt an purem Abzockerverhalten.
Warum nun also Kandidaten abwerben statt auf einen Pool von arbeitslosen Kandidaten, die sich über einen Job freuen, zugreifen? Genau deswegen, weil diese im Durchschnitt weder verbindlich noch interessiert an einer Festanstellung sind.
Und zum Thema 50-jährige Kandidaten sind nicht mehr vermittelbar. Dies ist ein ganz großer Schwachsinn. Auf dem Arbeitsmarkt kommt es eben stark drauf an, wie man sich verkauft. Verkaufe ich mich als dynamischen 50-Jährigen, wird das Unternehmen dies auch wahrnehmen und positiv beurteilen. Verkaufe ich mich als rückenleidender und träger 50-Jähriger, dann kommt das auch beim Arbeitgeber so an. Es gab schon Kandidaten, die vermittelt wurden, die 62 waren, aber einen so fitten Eindruck auf Kunden hinterlassen haben, dass sie diese direkt eingestellt haben. Es ist also alles eine Sache des Sich-Verkaufens. Das beginnt schon bei aktuellen und optimierten Bewerbungsunterlagen, geht weiter über die Kleidung und die Körperhaltung und hört auf bei der Vertragsverhandlung. Das einzige Problem, was 50-Jährige haben, ist, dass sie oft zu teuer sind. Wenn eine Position als z.B. Ingenieur in der Versorgungstechnik ausgeschrieben wird und darin etwas steht von 3-5 Jahren Berufserfahrung, dann hat das seine Gründe warum das da steht. Weil man meistens nur einen Kandidaten von 3-5 Jahren Berufserfahrung bezahlen kann. Wenn sich dort nun ein 50-jähriger mit 20 Jahren Berufserfahrung und weiteren Topqualifikationen bewirbt, dann ist das toll für das Unternehmen, nur leider ist er nicht bezahlbar. Jede Personalabteilung hat ein gewisses Budget, und dieses um das Doppelte zu sprengen, ist selbst bei sehr rennomierten Unternehmen ein seltener Akt.