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EU-Wachstumsrhetorik: Der Mogelpakt

AFPMerkel hat ihren Fiskalpakt, nun soll Hollande seinen Wachstumspakt bekommen: Der EU-Gipfel wird diese Woche Investitionen von 130 Milliarden Euro beschließen. Doch die Zahl ist reine Augenwischerei, für die Wirtschaft in den Krisenländern bringt die Vereinbarung nichts.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soz...841040,00.html
  1. #70

    Ganz einfach...

    Zitat von qoderrat Beitrag anzeigen
    Was mich bei diesem Artikel etwas irritiert ist, dass aus 2012 noch Geld im Topf der Regionalförderungen übrig geblieben sein soll. Wenn das stimmt wäre es doch einmal sinnvoll zu hinterfragen, warum das so ist?
    Das kann ich Ihnen anhand von Beispielen erklären:
    Die EU-Förderprogramme versickern einerseits häufig in darauf spezialisierten "ambienti", also Küngel von öffentlichen Ämtern und aufs Abgreifen spezialisierten Firmen.
    Andererseits haben Unternehmen oder Initiativen, für die sie eigentlich gedacht und geeignet wären, nicht die entfernteste Ahnung darüber, wie sie so einen Förderantrag stellen müssen, wenn sie überhaupt von den Programmen erfahren haben.
    Hier in Südtirol/Italien z.B. sind wir hochspezialisiert auf Förderprogramme aus der EU. Habe selbst mit angesehen, wie zum Beispiel aus Anlass von millionenschweren EU-Förderprogrammen für die Cluster-Bildung einzelne "spezialisierte" Unternehmer kurzerhand 2-3 Firmen gründeten, um die Voraussetzung des Zusammenschlusses von mindestens 3 Firmen aus unterschiedlichen Branchen zu erfüllen. Daraus entstand dann ein Cluster von 4 Firmen, die 2 Leuten gehörten und die auf Jahre hinaus mit EU-Mitteln versorgt waren...
    Ideal auch, wenn dann noch persönliche Beziehungen in die genehmigenden und kontrollierenden Ämter hinein bestehen...

    Andererseits kenne ich Fälle, wo vor allem der Süden von Italien die für die Region vorgesehenen Fördergelder in zig-Millionenhöhe nie genutzt hat, weil dort einfach keiner eine Ahnung von den Programmen hatte und wie sie anzuzapfen waren. Dort hat man aus bekannten historischen Gründen einfach seine Schwierigkeiten damit, Zahlenmaterial auf Papier zu bringen... ;)
    Wirklich förderwürdige Unternehmen haben oft gar nicht die Struktur bzw. die Mitarbeiter und die Zeit, sich mit Anträgen und Projekten zu beschäftigen und sind oft in "bürokratiefernen" Branchen aktiv.
    Die ganzen Förderprogramme sind häufig so kompliziert, dass nur "spezialisierte" Unternehmen die Fähigkeit haben, sie abzugreifen.
  2. #71

    Ideologische Scheuklappen

    Zitat von vandenplas Beitrag anzeigen
    Es stellt sich also die Frage nach der zukünftigen Rolle der Banken und nach der zukünftigen Ordnung des Geldsystems. Darin liegt der Hund begraben. Solange die Politiker das nicht begreifen, werden wir treffsicher auf den nächsten Reset, also die nächste (Humane) Katastrophe, zusteuern.
    Alles so weit richtig, was Sie schreiben – Ihre Ausführungen schließen aber auch ein, dass es ohne Zins nicht geht. Es kommt entscheidend darauf an, wie eine Gesellschaft die Verzinsbarkeit von staatlich geschöpftem Geld und seine Menge regelt: Die Zinshöhe muss begrenzt werden, die Zinseszins-Funktion muss auf ausdrücklich aufgeführte Kreditvergabe-Geschäfte beschränkt sein, sie darf nicht gemäß den mathematisch gegebenen Gesetzlichkeiten unbegrenzt praktiziert werden, sondern sie muss nach zwei oder drei Schritten zwangsweise enden. Auch das Prinzip der Giralgeldschöpfung muss gebrochen werden, indem man das Gesamtkapital regelmäßig um diesen Effekt nach unten korrigiert, eine Aufgabe der Bundesbank. Trotzdem bliebe die Steigerung des Kapitalvolumens durch die multiplizierende Wirkung vieler Kredite – doch sie würde nach den Beschneidungen bei Zins und Zineszins deutlich geringer ausfallen, außerdem wäre es auch hier möglich, das Volumen nachträglich nach einem festzulegenden Modus wieder zu reduzieren.

    Der Staat kreiert Geld und gibt es für einen Zins von ein oder zwei Prozent an die Banken weiter – die Banken verleihen es an die Wirtschaftsteilnehmer für mindestens 4 oder 5 Prozent: Das ist die Rumpfmarge. Ohne diese Rumpfmarge gäbe es nicht die Glaspaläste und Hochäuser der Banken. Aber diese Marge bezahlt das Volk, und das ist überhaupt nicht einzusehen, ein fundamentaler Strukturfehler des Geldsystems.

    Es gibt eine Reihe praktikabler Möglichkeiten, das Geldsystem des Kapitalismus mit Augenmaß so neu ordnen, dass gefährliche Auswüchse begrenzt werden – das wäre weder eine Absage an den Kapitalismus noch würde es das marktwirtschaftliche Prinzip gefährden. Leider ist die Politik mit ihren ideologischen Scheuklappen noch weit davon entfernt, einen gesundgeschrumpften und menschengerechteren Kapitalismus anzustreben.
  3. #72

    Zitat von Ylex Beitrag anzeigen
    Alles so weit richtig, was Sie schreiben – Ihre Ausführungen schließen aber auch ein, dass es ohne Zins nicht geht. Es kommt entscheidend darauf an, wie eine Gesellschaft die Verzinsbarkeit von staatlich geschöpftem Geld und seine Menge regelt: Die Zinshöhe muss begrenzt werden, die Zinseszins-Funktion muss auf ausdrücklich aufgeführte Kreditvergabe-Geschäfte beschränkt sein, sie darf nicht gemäß den mathematisch gegebenen Gesetzlichkeiten unbegrenzt praktiziert werden, sondern sie muss nach zwei ......
    Ich bin mit Ihren vorherigen Ausführungen sehr einverstanden, nicht aber mit dem hier zitierten Text (lasse mich aber gerne belehren). Bei jeder Form von Zins bleibt immer noch das Problem bestehen, dass das Geld für den Zins bei der Kreditvergabe nicht mitgeschöpft wird, das heisst in der vorhandenen Geldmenge fehlt. Zinseszins der nach drei oder vier Kreditvergabe-Iterationen angehalten wird, bleibt immer noch Zinseszins. Alleine das exponentielle (Zinsschuld-)Wachstum flacht ab - bleibt aber exponentiell. Beim Festhalten am Fractional Reserve Banking wird die Geldmenge, verursacht durch primär die Geschäfts- und nicht die Nationalbanken, weiterhin wuchern.

    Zitat von Kenneth Edwart Boulding
    Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann unendlich lange andauern in einer endlichen Welt ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.
    Es ist Zeit über eine neue Geld- und Wirtschaftsordnung nachzudenken. Eine Ordnung welche die endlichen Ressourcen unseres Planeten in die Planung mit einbezieht. Eine Ordnung die auch bei Stagnation oder negativem Wachstum stabil bleiben kann. Es ist Zeit dem Bürger seine Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugeben. Und es ist Zeit dafür zu sorgen, dass das unterste Drittel der Welbevölkerung endlich mit den benötigten Gütern versorgt wird. Der Real-Kommunismus hat versagt, genauso wie der Real-Kapitalismus. Genauso versagt haben das Fractional Reserve Banking und das inhumane, durch schleichende Enteignung der Masse auf die Aggregation von Vermögen zielende Zinssystem. Aber es gibt ja eine Menge, zugegebenermassen für viele Mitmenschen noch wenig bekannte, Alternativen.
  4. #73

    Auch diese Aktion zeigt in erster Linie Hilflosigkeit.

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Merkel hat ihren Fiskalpakt, nun soll Hollande seinen Wachstumspakt bekommen: Der EU-Gipfel wird diese Woche Investitionen von 130 Milliarden Euro beschließen. Doch die Zahl ist reine Augenwischerei, für die Wirtschaft in den Krisenländern bringt die Vereinbarung nichts.

    EU-Wachstumspakt von Merkel und Hollande ist eine Mogelpackung - SPIEGEL ONLINE
    Einmal mehr Pallitativrezepte anstatt Systemkorrektur.
    Was soll es bringen, mittel- oder langfristig, und zwar so, dass irgendwas WAHRNEHMBAR besser wird?
    Was es auf jeden Fall kostet: Milliarden, die wir gar nicht haben.
    Und eine weitere Aufblähung der Verwaltung, die den Großteil eines Nutzens, so es den geben sollte, wieder in den Taschen der Beamten und Administratoren verschwinden läßt.
    Aber gut: Wenn Monsieur Hollande das für seine Profilierung braucht, soll er das halt haben und als "grand succes" in die Zeitungen schreiben lassen.
    Nach all dem unnützen Geldverschwenden, das die EU-Bürokratie seit Jahrzehnten praktiziert, kommt es auf diese 130 Milliarden (na ja, bald wird es wahrscheinlich 200 Mrd. heißen) vielleicht auch nicht mehr an. Denn mehr als tot kann das moribunde System ja nicht mehr werden...
  5. #74

    Freundliche Visionen

    Zitat von vandenplas Beitrag anzeigen
    Bei jeder Form von Zins bleibt immer noch das Problem bestehen, dass das Geld für den Zins bei der Kreditvergabe nicht mitgeschöpft wird, das heisst in der vorhandenen Geldmenge fehlt. Zinseszins der nach drei oder vier Kreditvergabe-Iterationen angehalten wird, bleibt immer noch Zinseszins. Alleine das exponentielle (Zinsschuld-)Wachstum flacht ab - bleibt aber exponentiell. Beim Festhalten am Fractional Reserve Banking wird die Geldmenge, verursacht durch primär die Geschäfts- und nicht die Nationalbanken, weiterhin wuchern.
    Ja, das gesamte Zinsaufkommen bewirkt selbstverständlich ein Anwachsen der Gesamt-Geldmenge – aber statische Geldmengen sind undenkbar in modernen Volkswirtschaften. Die Mehrwertleistung drückt sich nicht nur in einem Mehr an Dingen und Produkten aus, sondern rückgekoppelt in einem größeren Kapitalvolumen, entsprechend der höheren Bilanzsumme in einem Unternehmen. Das geht auch nicht anders, denn sonst müsste auch die Wirtschaftsleistung statisch sein, und nicht dynamisch, wobei zu bedenken ist, dass Dynamik auch abwärts verlaufen kann. Prinzipiell soll die Entwicklung des Kapitalvolumens die Entwicklung einer nationalen Volkswirtschaft in etwa abbilden – doch wir haben eine globale Situation, in der das Gesamt-Kapitalvolumen den zahlenmäßigen Leistungsumfang aller Ökonomien auf der Erde um ein Vielfaches übersteigt. Dieser enorme Überhang erzeugt einen krankhaft übersteigerten Rendite-Druck, weil Unmengen von „leerem“ Kapital nach Anlagemöglichkeiten suchen.
    Zitat von vandenplas Beitrag anzeigen
    Es ist Zeit über eine neue Geld- und Wirtschaftsordnung nachzudenken. Eine Ordnung welche die endlichen Ressourcen unseres Planeten in die Planung mit einbezieht. Eine Ordnung die auch bei Stagnation oder negativem Wachstum stabil bleiben kann. Es ist Zeit dem Bürger seine Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugeben. Und es ist Zeit dafür zu sorgen, dass das unterste Drittel der Welbevölkerung endlich mit den benötigten Gütern versorgt wird. Der Real-Kommunismus hat versagt, genauso wie der Real-Kapitalismus. Genauso versagt haben das Fractional Reserve Banking und das inhumane, durch schleichende Enteignung der Masse auf die Aggregation von Vermögen zielende Zinssystem. Aber es gibt ja eine Menge, zugegebenermassen für viele Mitmenschen noch wenig bekannte, Alternativen.
    Das sind freundliche Visionen, die auch mir ähnlich im Kopf herumgehen – man greift, glaube ich, mit ihnen zu weit vor und überholt in seinen Gedanken das Machbare. Rio hat gezeigt, wie vertrackt die Lage ist, doch auch angesichts dieser deprimierenden Veranstaltung bleibt nur der Pragmatismus, der Versuch, in kleineren Schritten voranzukommen. Zum Beispiel hat die quantitativ eher nachrangige Finanzsteuer auf Börsengeschäfte für mich eine vorrangige symbolische Bedeutung – die Bereitschaft einiger wichtiger Politiker, sie einzuführen, beweist mir, dass sich ihr Denken grundsätzlich zu verändern beginnt, sie können noch nicht aus ihren Zwängen heraus, aber ihre Zweifel wachsen, ein Prozess ist in Gang gesetzt. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Welt eine zweite Aufklärung braucht.


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