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Erinnerung: Warum wir die ersten Lebensjahre vergessen

DPADie ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher. Warum ist das so?

http://www.spiegel.de/gesundheit/psy...-a-874181.html
  1. #100

    Individuelle Erfahrung und Verallgemeinerung

    Zitat von inci2 Beitrag anzeigen
    Auch wenn hier viele 1-jährige über spannende Erlebnisse berichten - ich persönlich halte das nicht für sehr glaubhaft.

    In der Regel setzen Erinnerungen so ab dem 3. Lebensjahr ein. ...
    Wie statistische Angaben sind wissenschaftliche All(gemein)aussagen auch in der Psychologie "Mittelungen" (...erst recht natürlich, wenn sie auf statistischen Daten beruhen). Mehr oder weniger große Abweichungen davon werden dadurch nicht mehr erkennbar, kommen aber selbstverständlich vor.

    Wie bei der Körpergröße sind "natürlich" (schon im Sinne von "von Natur aus"!) auch individuelle Gedächtnisleistungen bei verschiedenen Personen mehr oder weniger unterschiedlich - bis hin zu Extremfällen wie Mozart, der (mindestens für Musik, also akustisch) eine Art "absolutes" Gedächtnis gehabt haben muss.

    Visuelle Gedächtnishochleister sind bekannter; ihnen attestiert man umgangssprachlich bekanntlich ein "photographisches Gedächtnis", während sie fachterminologisch "Eidetiker" genannt werden (abgeleitet von dem griechischen Wort 'eidós' für "Bild", von dem unser Begriff der "Idee" stammt; zum hochkomplexen Verhältnis von Sprachelementen und den dazu nötigen geistigen Leistungen s. <a href=http://www.gehirn-und-geist.de/alias/dachzeile/sprache-und-gehirn/870370#comment-1011334>"Worauf es bei Sprache ankommt"</a>).

    Einzelzeugnisse hier im Forum widersprechen deswegen nirgendwo der empirischen Gedächtnisforschung, sondern sind lediglich weitere Beispiele dafür, wie extrem unterschiedlich Gedächtnisleistungen bei verschiedenen Menschen sein können - übigens auch im ganz persönlichen Leben, wie ebenfalls schon mehrfach anklang!

    Wenn ich die bisherigen Beiträge richtig erfasst habe, hat aber noch niemand hier die sicherlich auch allgemeine Erfahrung angesprochen, dass wir zu viel mehr Wiedererkennungsleistungen fähig sind als zu typischen Erinnerungsleistungen - obwohl beides Gedächtnisleistungen sind. (In meinem Beitrag #65 habe ich auf sie und den wesentlichen Unterschied zwischen ihnen hingewiesen.)
  2. #101

    Schon niedlich, wie die Autorin aus dem
    Hypocampus ein "Feld für Pferde" (hippo) macht...
  3. #102

    Zitat von wohlmein Beitrag anzeigen
    Ich bezweifle, daß Erinnerungs- und Sprachvermögen in Zusammenhang stehen.
    Da gibt es nichts zu bezweifeln. Zwar gibt es Erinnerung selbstverständlich auch ohne Sprache, aber Sprache ermöglicht ein sehr viel besseres Erinnerungsvermögen, weil Begriffe die Information auf das Wesentliche reduzieren und mit anderen Erinnerungen verglichen und verknüpft werden können. Man muss sich nicht an Bilder erinnern, sondern an einfache Sätze, die eine Bedeutung ausdrücken. Das Erleben ist unwillkürlich schon mit Sprache verknüpft!
    Meine - bis dato gottseidank einzige - lebensbedrohende Situation erlebte ich mit ca. anderthalb.
    Es ist bekannt und ganz normal, dass emotional aufgeladene Erlebnisse sehr viel stärker erinnert werden als alltägliche Erlebnisse. Daher rühren die Phobien und Traumata, z.B. von Angst- und Kriegserlebnissen. Man muss deutlich unterscheiden zwischen bewussten und unbewussten Erinnerungen.

    Der Artikel ist leider nur sehr oberflächlich und stümperhaft.
  4. #103

    Wichtigtuer

    Letztendlich bestätigen alle, die sich hier so sehr über die Aussagen des Beitrages aufregen, genau diesen angeblich schlechten Beitrag. Angeblich im Forum beschriebene Erinnerungen im Lebensalter von teilweise unter einem Jahr sind schlichtweg peinlich – und weniger Glaubwürdig als Erfahrungsberichte von Entführungen durch Außerirdische. Wenn man einem Kleinkind immer wieder die gleiche Geschichte erzählt, in der es selber vorkommt, so wird es nach der x-ten Erzählung irgendwann selber weiter erzählen und felsenfest davon überzeugt sein, dass es bei der dieser Geschichte dabei war (auch an in diesem Forum beschriebene Farben und Gerüche wird es sich irgendwann erinnern). Das Gleiche Prinzip funktioniert bei den allermeisten Erwachsenen: in der „Zeugen- und Aussagenpsychologie“ sind zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen „Zeugen“ nach einem Öffentlichkeitsaufruf der Polizei einen bereits vermuteten Tathergang mit felsenfester Überzeugung bestätigen – später ergibt sich nachweisbar die Erkenntnis, dass das ganze Geschehen völlig anders abgelaufen ist – die Zeugen haben nicht in böser Absicht gehandelt, sondern waren tatsächlich davon überzeugt, das Ganze erlebt zu haben.
  5. #104

    War ja klar..

    ..daß hier mal wieder die Hälfte der Leute widerspricht. Zumal niemand behauptet hat, daß sämtliche Erinnerungen verschwinden, da steht lediglich :"Trotzdem erinnert sich niemand ZUVERLÄSSIG an die ersten zwei Jahre seines Lebens."
    Wer hier unbedingt rummeckern muss, sollte sich evtl. vorher den Text noch einmal sorgfältig durchlesen.
  6. #105

    Zitat von wohlmein Beitrag anzeigen
    Ich bezweifle, daß Erinnerungs- und Sprachvermögen in Zusammenhang stehen.
    Es gibt aber seriöse Studien, die genau das belegen. Z.B. anhand verschiedener Sprachen und Schriften. Dabei konnte klar herausgearbeitet werden, dass je komplizierter die Sprache desto später setzte das abrufbare Erinnerungsvermögen ein. Das differierte zwischen ein und zwei Jahren.
  7. #106

    Zitat von wifredo Beitrag anzeigen
    Schon niedlich, wie die Autorin aus dem
    Hypocampus ein "Feld für Pferde" (hippo) macht...
    tut mir leid, aber im Gegensatz zur Hypophyse oder zur Hypothyreose wird der Hippocampus tatsächlich mit "hippo" geschrieben :) Das kommt von seiner Form, die einem Seepferd ähnelt (mit etwas Phantasie)
  8. #107

    Kann sein

    Zitat von ericdbl Beitrag anzeigen
    Ich erinnere mich sehr genau an zwei Szenen vom Hausbau meiner Eltern. Früher dachte ich, da wäre ich ungefähr drei Jahre alt gewesen. Dann sagten meine Eltern mir, das Haus wäre bereits fertig gewesen, als ich zwei Jahre alt war. Sie zeigten mir auch alte, datierte Fotos. Wir sollten Forschung vielleicht nicht immer ernst nehmen...
    Sie haben aber auch nicht überlesen, dass die Forscher Ihr Argument dadurch entkräften, weil sie behaupten, dass Erzählungen der Eltern sehr wohl (objektiv) nicht erinnerbare Erlebnisse dennoch zu einem Teil Ihrer (subjektiv) erinnerten Biografie machen können.
    Nur zur Info: Ich meine mich auch an allerfrüheste Episoden erinnern zu können. Bin aber gar nicht sicher, ob diese Bilder nicht doch induziert wurden durch Erinnerungen meiner Eltern. (So meine ich etwa mit einem halben Jahr - im Körbchen liegend - das Gesicht meines Vaters gesehen zu haben, der mir die Zunge herausstreckte und sich göttlich freute, dass ich ihm antwortete - mit einem Herausstrecken meiner Zunge. Ist es wahr?) Weiß ich nicht. Es ist eine hübsche Erinnerung. Sie kann durchaus geprägt sein durch die Erzählungen meiner Eltern.
  9. #108

    eventuell und wahrscheinlich

    nur weil es wissenschaftlich nicht belegbar ist soll es unmöglich sein.
    Da spricht die Wissenschaft mit uberheblicher Arroganz über ihre eigenen Grenzen.
  10. #109

    ...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Die ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher.

    Warum ist das so?
    Kann mich nicht erinnern, allzuviel darüber im Artikel gelesen zu haben. Hier mal kurz die wikipedia dazu:

    Infantile Amnesie bezeichnet in der Psychologie das Phänomen, dass die meisten Erwachsenen sich nicht an Ereignisse erinnern können, die sich vor dem dritten Lebensjahr abgespielt haben.

    Es gibt je nach zugrunde gelegter Theorie verschiedene Annahmen für dieses Phänomen:

    * Psychoanalyse:

    Sigmund Freud brachte diesen Vorgang in Zusammenhang mit Verdrängung. Dieser Annahme widerspricht jedoch, dass nicht nur negative Erinnerungen, sondern alle Erinnerungen vergessen werden.

    * Hirnreifung:

    Die für bewusste Erinnerung notwendigen Hirnstrukturen sind bei Geburt noch nicht vollständig entwickelt (Schachter, Moscovitch, 1984). Hierzu gehören subkortikale limbisch-dienzephalische Strukturen, die erst im Alter von 2 bis 3 Jahren voll ausgereift sind (umstritten) und neokortikale Areale (z.B. im inferotemporalen Kortex) (McKeeund, Squire, 1993)

    * Enkodierung:

    Frühe Erinnerungen werden nur als Handlungen oder Empfindungen enkodiert. Sie sind später nicht mehr abrufbar, da sie in einem anderen Format als spätere Erinnerungen (vorwiegend sprachlich) gespeichert wurden (Howe, Courage, 1993)

    * Persönlichkeitsentwicklung:

    Etwa ab dem 2. Lebensjahr entwickelt das Kleinkind eine eigenständige Persönlichkeit (es erkennt sich selbst im Spiegel). Seine Erfahrungen werden ab diesem Zeitpunkt als persönliche ICH-Erlebnisse abgespeichert (Ich, meine Hand, meine Mama,...). Wenn das Ich-Bewusstsein voll ausgeprägt ist, erinnert man sich nicht mehr bewusst an frühere Erlebnisse, die nicht ICH-kodiert sind (da diese ohne ICH-Code im Gedächtnis abgespeichert sind). (Kinseher, 2008)

    * Entwicklungsstand der Wissensstrukturen (Fivush, Hammond, 1990):

    Infantile Amnesie beruht nach dieser Annahme auf dem Fehlen distinktiver Abrufreize und auf der Tatsache, dass kleine Kinder erst noch Rahmenstrukturen erwerben müssen, um Ereignisse nachzuerzählen und in ihr Gedächtnis aufzunehmen. So konzentrieren kleine Kinder sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Ereignissen, dies ist jedoch schlecht dazu geeignet, das Abrufen später zu erleichtern. Außerdem verfügen sie noch nicht über eigene Rahmenstrukturen um Erinnerungen zu konstruieren. Aus diesem Grund sind diese frühen Erinnerungen fragmentiert, was das spätere Abrufen erschwert. Infantile Amnesie ist somit auf das Bemühen um die Bildung von Skripts und das Vergessen von aus dem Rahmen fallenden Ereignissen zurückzuführen.


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