dapd"Völliger Blödsinn", "unnötige Aufwertung", "absurd": Sogar Politiker und Intellektuelle, die Günter Grass' Gedicht scharf kritisieren, verurteilen Israels Einreiseverbot für den Schriftsteller. Manche wie der Publizist Ralph Giordano äußern aber auch Verständnis für die Reaktion des Landes.
Reaktionen auf das Einreiseverbot nach Israel für Günter Grass - SPIEGEL ONLINE
Mal ehrlich: Wer von uns kann denn wirklich die Lage im Nahen Osten vollends einschätzen? Es spricht einiges dafür, dass die antisemitische Vernichtungsrhetorik der Iraner stärker ist als ihre realen Pläne. Wahrscheinlich ist, dass Ahmadinedschad mit diesen Äußerungen innenpolitisch, vor allem aber auch außenpolitisch punkten will: Er nutzt die internationale Lage insbesondere nach Ausschaltung des Irak dazu, die Rolle des schiitischen Iran im vorwiegend sunnitisch geprägten Umfeld zu stärken, er spielt sich als Sprachrohr der Interessen der islamischen Länder der Region und insbesondere der Palästinenser auf. Ernsthaft zu glauben, die Iraner würden Israel mit einer Atombombe von der Landkarte tilgen wollen, ist absurd, denn das wäre Selbstmord. Aber auch Israel wird sich einen atomaren Erstschlag zweimal überlegen. Insofern hat Grass übertrieben. Dass Israel jedoch das Recht für sich in Anspruch nimmt, einen Präventivkrieg zu führen und geradezu auf einen Angriff hinarbeitet, kann nicht bestritten werden. Und ein Angriff mit konventionellen Waffen birgt durchaus die Gefahr, dass dieser Konflikt eskaliert, so dass auch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Auf jeden Fall würde dadurch die ganze Region weiter destabilisiert. Ich denke, man tut Grass unrecht, wenn man sein Gedicht auf die Frage des atomaren Erstschlags reduziert. Meiner Meinung nach hat er vor allem die deutschen Waffenlieferungen an die momentane aggressiv Kriegspolitik betreibende Regierung Israels kritisieren wollen. Dabei war er einseitig – aber das sind diejenigen, die allein Iran oder die arabische Welt als Bedrohung Israels geißeln und niemals auch Israels Beitrag an der Eskalation der Beziehungen beschreiben, auch. So lange Israel nicht ernsthaft wieder in den Friedensprozess einsteigt, wird die ungerechte Behandlung der Palästinenser immer ein Stachel im arabischen Fleisch sein – und ein willkommenes Argument für Agitatoren wie Ahmadinedschad, die damit in der Region eine Menge Anhänger hinter sich scharen können.
Die Antisemitismuskeule ist deswegen so effektiv, weil
a) der Ruch des Massenmordes mitschwingt und derjenige damit aus der Debatte ausgeschlossen und gesellschaftlich isoliert wird ("Anti-Arabismus" würde nur Schulterzucken auslösen)
b) man sich praktisch nicht dagegen wehren kann. Egal was man tut, man bestätigt immer nur ein Klischee (jüdische Freunde etc.)
Als Psychologiestudent sollte Ihnen klar sein, dass die Debatte nur groteske Züge annehmen kann:
Auf der einen Seite: Wir mit unserem Trauma des totalen Versagens 1945 - und entsprechenden Minderwertigkeitskomplexen.
Auf der anderen Seite die Israelis mit ihrem Traum von der totalen Vernichtung - und entsprechenden Phobien.
Schließlich die arabischen und persischen Muslime, die sich seit 1948 von Israel unterdrückt und gedehmütigt fühlen.
Wenns nicht so ernst wäre, wärs echt zum Lachen.
In diesem Zusammenhang ist auch die Reaktion von Frau Künast (Die Grünen) interessant. Sie blies ja ins selbe Horn, wie alle anderen Parteien (wenn man von den Linken absieht) und steht damit auch im Gegensatz eines Teils der eigenen Wählerschaft, nämlich zur Friedensbewegung, die sich bekanntlich auf die Seite von Grass gestellt hat. Zum Problem mit der Piraten-Dampfwalze gesellt sich nun noch ein eigenes Glaubwürdigkeitsproblem. Die aktuellen Umfragen sehen die Grünen bei nur noch 11%.
1. Wer hat nochmal lange vor irgendwelchen israelischen Präventivkriegideen angekündigt Israel vom Erdboden gleich zu machen? Achso, ja, der Iran...
2. um die Palästina-Frage geht es bei Grass gar nicht, falls es Ihnen aufgefallen ist. Natürlich ist der Umgang mit den Palästinensern kritikwürdig und schadet dem Frieden, aber hier geht es um das Thema Israel vs Iran. Außerdem ist die andere Seite auch nicht gerade das, was man sich unter humanistischen fairen Verhandlungspartnern vorstellt.
3. Warum hat Israel Atomwaffen? Achso, vielleicht weil vor 70 Jahren Millionen Juden systematisch umgebracht worden sind und der von den Überlebenden gegründete Staat auf dem Gebiet ihrer Vorfahren sich wehren können wollte? Zumal sie schon direkt nach ihrer Gründung 1948 von den Nachbarn angegriffen wurden und 1967 noch einmal.
4. Warum darf der Iran keine Atomenergie nutzen? Siehe Punkt 1, wiederholte Androhung der Vernichtung Israels, da würden Atomwaffen ganz gut passen oder nicht?
Man kann es natürlich leugnen, aber eine Vielzahl von Personen werden als Antisemit beschimpft, wenn man die Politik des Landes kritisiert. Ich würde es fast als paranoiden Realitätsverlust bezeichnen, wenn man das noch nicht mitbekommen hat.
Grass Gedicht ist vom Inhalt an sich total harmlos. Es greift niemanden persönlich an oder deformiert Personengruppen oder Völker. Gerade die Rückendeckung von Organisationen die sich für Frieden einsetzen zeigt, dass seine Theorien nicht so unwahr zu sein scheinen und auf keinen Fall diskriminierend oder antisemitisch sind. Was aus seiner politischen Kritik gemacht wird, zeigt eindeutig, dass man in Deutschland Israel nicht kritisieren darf ohne nachher persönlich beschimpft und deformiert zu werden. Willkommen in der Realität.
Einerseits verstehe ich nun wirklich nicht, was es - inhaltlich - an dem 'Gedicht' von G.Grass zu kritisieren gäbe.
OK, er hat es als 'Gedicht' bezeichnet. Hätte er es als 'Roman' oder 'Späte Einsichten' bezeichnen sollen ? Das ist doch sowas von Banane.
Auf den Inhalt kommt es an.
.
Dann kam der Shitstorm der Medien - und ich sage ausdrücklich Medien. Unsere Spitzen-Elite (aka Politiker) ist ja in Volldeckung gegangen und tut es noch. Daß sich die FAZ nicht zu schade war, auch noch den hinterletzten Blogger aus den USA als Beleg heranzuziehen, verdeutlicht das Verhalten.
.
Und daß sich SpOn erdreistete, massenhaft Widerspruch zu den eigenen Journaille-Meinungen zu unterdrücken, macht mich wütend.
.
Andererseits habe ich seit Donnerstag mit Hinz und Kunz (aka Bekanntenkreis) über dieses Thema gesprochen. Die Feiertage incl Osterfeuer boten ja reichlich Gelegenheit.
Alle, und wirklich ALLE, bestätigten die immanenten Vorbehalte, wenn sich Israel - mal wieder - daneben benommen hatte.
Israel kritisiert MAN nicht - und wenn, dann nur mit der geballten Faust in der Tasche. Weil, es gehört sich so.
.
Unter der Decke brodelt es gewaltig. Und wahrlich, die meisten meiner Bekannten sind eher wertkonservative Wähler - ich bin eh der tolerierte bunte Vogel.
.
Was will ich damit sagen ?
Die Polit-Elite im Verein mit der Journaille-Elite sollte mal wieder dem Volk auf's Maul schauen und vielleicht auch einmal zuhören - auch wenn es schwerfällt. Ansonsten gibt es ein ganz, ganz böses Erwachen.
Und das garantiert nicht mit Hilfe der NPD - nur um das klarzustellen.