Zur Beantwortung der Schuldfrage in der Kontroverse um Doping im Radsport ist es meines Erachtens äusserst kurzsichtig, sich vordergründig auf die Protagonisten, also die Sportler, zu konzentrieren, und ihnen den schwarzen Peter zuzuschieben (Individualethik).
Gemäß des Modells des Homo Oeconomicus versucht ein professioneller Radsportler ganz einfach, seinen Nutzen zu maximieren. Alles andere wäre mit Rücksicht auf die immensen Investitionen, die ein Radsportler getätigt hat, um beispielsweise im grossen Tour de France-Zirkus mitzuwirken, schlichtweg irrational. Auf die Orientierung an hohen Moralvorstellung seitens der Radfahrer, welche lediglich in Selbstschädigung münden würde, darf daher nicht zuviel Hoffnung gesetzt werden. Nicht zu selten sehen sich die Profis mit der entscheidenden Frage auseindergesetzt: "(Mehr) Doping oder Karriereende?".
Vielmehr müsste die Lösung des Problems in einer Änderung der den Profisport bestimmenden Rahmenbedingungen gesucht werden (Instutionenethik). Beispielsweise durch härtere Sanktionierung von Dopingsündern.
Leider greift auch dieser Lösungsansatz zu kurz, da sich das Modell des homo oeconomicus auch auf die Radsportverbände sowie die Tour-Organisation übertragen lässt, welche in Konkurrenz zu anderen Sportverbänden und großen Sportveranstaltungen stehen, und daher ebenfalls versuchen, ihren Nutzen zu maximieren. Letzteres lässt sich durch gesteigerte Attraktivität ihrer Sportart erreichen. Wenn Contador nun im Affenzahn die Alpen hochrast, dann ist das eben medienwirksam und daher gut für die Tour und die Attraktivität des Radsports.
Wer hat also Schuld? Der internationale Sportsgerichtshof, der nicht eingreift? Der Fernsehzuschauer, der nicht abschaltet, (und der daher offensichtlich Doping gar nicht so schlimm findet, und für den das Problem daher auch gar nicht existiert)?
Keine Ahnung.



