Diagnose Depression: "Jüngere Menschen sind verwundbarer geworden"

CorbisDieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt.

http://www.spiegel.de/gesundheit/dia...838843,00.html
  1. #110

    Tja, woran mag das nur liegen?

    "In keiner anderen Altersgruppe der DEGS, die das Robert Koch-Institut am Donnerstag in Berlin vorgestellt hat, ist die Wahrscheinlichkeit, unter einer Depression zu leiden, so hoch wie bei den 18- bis 29-Jährigen."

    Die Bandagen am Arbeitsmarkt werden stetig härter, der Konkurrenzdruck an Schulen und Universitäten steigt ebenso wie die Jugendarbeitslosigkeit - so gern letzteres auch vertuscht wird. Wer nicht gleich ganz und gar durchs Raster fällt und mit 28 erwerbslos noch oder wieder bei den Eltern einzieht, lebt im Prekariat: Praktikum. Projekt. Freiberuflichkeit. Zeitarbeit. Schöne, neue, vollflexible Jobwelt! Eigene Lebensgestaltung? Fehlanzeige. Familiengründung? Guter Witz. Freie Berufswahl, Freizügigkeit? Auch nur so lange, wie man nicht in den Fängen eines Amtes landet, das einen irgendwo hinstellt.

    Anstatt nun aber zu erkennen, dass diese Lebensbedingungen krank machen MÜSSEN, macht sich die Psychologie zum willigen Vollstrecker eines ungerechten Systems: In einer Gesellschaft, in der dem Einzelnen die Schuld für sein "Scheitern" stets selbst zugeschoben wird, ist es nur konsequent, normale Reaktionen auf krankmachende Umfelder zu "therapieren". Wer an der ständig wachsenden Fremdbestimmung zerbricht, ist "depressiv", wer den unmenschlichen Druck nicht mehr aushällt "ausgebrannt", wer vor Existenzangst und Hoffnungslosigkeit kein Auge mehr zubekommt, leidet an einer "generalisierten Angststörung".

    Wie willig meine Generation das alles mit sich geschehen lässt, entsetzt mich immer wieder aufs Neue. Wir brauchen keine Antidepressiva - wir brauchen klare Ansagen an eine Finanzelite und ihre unheiligen Verbündeten in der Politik, die einen erbarmungslosen ökonomischen Vernichtungskrieg gegen die Generation der eigenen Kinder führt. Politisches Engagement statt Psychotherapie, den Machthabern Grenzen setzen für das, was man tatenlos mit sich geschehen lässt - das ist für mich die wahre Antwort auf die Problematik. Stattdessen lassen wir uns erst entmachten, gängeln und jeglicher Teilhabe berauben, verkriechen uns dann vor Schreck mit angelegten Ohren im Sessel und lassen uns zu guter Letzt für krank erklären.

    Ich bin mit 30 der genannten Altersgruppe zwar schon um ein Jahr entwachsen, kann das Gefühl, nicht mehr im Cockpit des eigenen Lebens zu sitzen, das m. E. ursächlich für die zahlreichen Depressionsfälle unter jungen Leuten ist, sehr gut nachvollziehen. Mein größter Wunsch im Leben war eine eigene Familie. Zwei jeweils fünfjährige Partnerschaften scheiterten an der Unmöglichkeit, am gleichen Ort eine existenzsichernde Arbeit zu finden - einer meiner Expartner wurde ebenfalls schwer depressiv und mit Mitte 30 nach zahlreichen Klinikaufenthalten frühverrentet. Er gibt seine jahrelange Arbeitssuche explizit als Grund für seine Krankheit an. Ich selber habe vor einer Woche meine "freiberufliche" Tätigkeit gekündigt, nachdem ich von meinem Arbeitgeber fast drei Jahre lang mit dem immer wieder gebrochenen Versprechen auf einen Arbeitsvertrag für ein geringes Honorar in der Scheinselbständigkeit gehalten wurde. Am Ende ist der Zwang zur erneuten Suche nach einer echten Perspektive leichter auszuhalten als das tägliche Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Von Menschen, denen es um ihre unternehmerischen Ziele geht und die sich keinen Deut mehr darum scheren, dass auch ihre Mitarbeiter ein Recht auf so etwas wie eine Lebensgestaltung haben!

    An Familiengründung ist aus dieser Existenzunsicherheit kaum zu denken und wird es wohl auch in den noch verbleibenden Jahren nicht sein. Über Eltern- und Betreuungsgeld kann ich nur lachen. Ich brauche keine Almosen für ein Jahr oder zwei, ich brauche eine Chance, dauerhaft mein Auskommen und das meiner Familie auf Basis meiner Erwerbstätigkeit zu sichern.

    Mit zerbrochenen Lebensplänen mag sich jeder abfinden müssen, das allein macht sicher nicht depressiv. Wohl aber das Gefühl des vollkommenen Kontrollverlusts über die eigenen Lebensgestaltung. Wenn all das, was zwischen 18 und 29 passieren soll (berufliche Etablierung, Partnerschaft, Heirat, Familiengründung) nicht mehr passieren kann, weil die Rahmenbedingungen es nicht zulassen, dann kann das sehr wohl krank machen!

    Und wenn ich dann irgendwann nach zehn Jahren Prekariat, in denen mir alles fehlte, was zu einer aktiven Lebensgestaltung gehört - ein stabiles berufliches Umfeld, eine Familie, ein Mindestmaß an Planbarkeit - die Diagnose "Depression" bekomme (nicht unwahrscheinlich, da schon mein Vater daran zerbrach), wird mir irgendein Verhaltenspsychologe erklären, dass ich nur lernen muss "anders mit Belastungen umzugehen". Fazit: Wieder selber schuld.

    Wacht endlich auf und ändert die Gesellschaft, anstatt sie zu therapieren. Rettet junge Arbeitnehmer statt Banken, Konzerne und Anleger. Und kehrt zurück zu der funktionierenden Mittelstandsgesellschaft, die wir einmal hatten - da waren nämlich auch die Depressionsraten niedriger.
  2. #111

    Diagnose Depression?

    Zitat von kalumeth Beitrag anzeigen
    Tja, dann müssen Sie als Rentner ja wohl selbst noch halbtags weiterarbeiten..

    Ach wissen Sie, damit habe ich mich schon vor zehn Jahren abgefunden. Der Unterschied: ich kann damit leben. Ob das auch die heute 20-jährigen, die noch immer im Hotel Mama leben und auf Papis Kosten auf dicke Hose machen, ebenfalls können? ich möchte das bezweifeln. Da fängt die Krise doch schon an, wenn Mutti mal nicht den Lieblingspudding eingekauft hat.
  3. #112

    Mich überrascht dies kein bisschen...

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Dieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt.

    Gesundheitsreport DEGS: Jugendliche leiden häufiger unter Depressionen - SPIEGEL ONLINE
    ..so langsam haben wir in Deutschland Verhältnisse wie in Japan, und da gibt es mehr Suizide als anderswo, gerade da von jungen Leuten Leistung, Leistung, Leistung verlangt wird und das hier wahrscheinlich ähnlich ist. Zugleich sehen diese Jungen Leute, die Welt um sie herum, und merken wie desolat sie ist, und fragen sich, ob sie wirklich ein Teil davon sein wollen. Überall nur Probleme, sie wissen nicht ob sie nach ihrem Studium überhaupt eine Zukunft haben und jeder Trichtert ihnen ein:"Ohne Leistung bist du nichts !"

    Außerdem ist mir aufgefallen, das Junge Leute hier in Deutschland mehr und mehr dazu neigen, über andere zu reden und sich mit herablassenden Kommentaren von anderen abzuheben. Das zeigt das sie kein starkes Selbstwertgefühl haben und sich, im neoliberalen Stil, durch Differenzierungen aufwerten wollen. In einer Welt, wo Leute nur durch Geld aufgewertet werden, sind die anderen Werte, die uns zum Menschen machen, eben nicht mehr vorhanden.
  4. #113

    So einfach ist das nicht

    Zitat von micheldeutsch Beitrag anzeigen
    Vielleicht liegt es auch an den Traumata die im 30jährigen Krieg verursacht wurden.

    Was soll diese Suche nach Begründungen. Wir haben nach dem Krieg vorwärts gesehen, sonst wäre es der Generation der heute bis 50jährigen nicht so gut ergangen, wie es jetzt ist.
    geht es Denen denn wirklich so "gut" oder sind da nicht doch massive Verlustängste???
  5. #114

    nichts neues

    Zitat von thepunisher75 Beitrag anzeigen
    ..so langsam haben wir in Deutschland Verhältnisse wie in Japan, und da gibt es mehr Suizide als anderswo, gerade da von jungen Leuten Leistung, Leistung, Leistung verlangt wird und das hier wahrscheinlich ähnlich ist. Zugleich sehen diese Jungen Leute, die Welt um sie herum, und merken wie desolat sie ist, und fragen sich, ob sie wirklich ein Teil davon sein wollen. Überall nur Probleme, sie wissen nicht ob sie nach ihrem Studium überhaupt eine Zukunft haben und jeder Trichtert ihnen ein:"Ohne Leistung bist du nichts !"

    Außerdem ist mir aufgefallen, das Junge Leute hier in Deutschland mehr und mehr dazu neigen, über andere zu reden und sich mit herablassenden Kommentaren von anderen abzuheben. Das zeigt das sie kein starkes Selbstwertgefühl haben und sich, im neoliberalen Stil, durch Differenzierungen aufwerten wollen. In einer Welt, wo Leute nur durch Geld aufgewertet werden, sind die anderen Werte, die uns zum Menschen machen, eben nicht mehr vorhanden.
    och, das war in der 70ern und 80ern auch schon so... (zumindest in Niedersachsen)
  6. #115

    keiner

    Zitat von Medizinfrau Beitrag anzeigen
    Depression (ICD-10 F32) ist nicht das Gleiche wie Burnout (ICD-10 Z73.0 „Ausgebranntsein: Burn-out, Zustand der totalen Erschöpfung“). Die Depression geht weit über den Zustand des Burnout hinaus. Vielleicht wird die Diagnose heute häufiger gestellt als 1998, weil sie von der Gesellschaft inzwischen besser (noch bei weitem nicht genug) akzeptiert wird und die Menschen sich inzwischen eher einem Arzt öffnen, was das anbetrifft?
    Eine tropfende Nase ist auch nicht das gleiche wie ein Schnupfen.
    Es hängt aber trotzdem irgendwie zusammen!
  7. #116

    Zitat von Jacques Mesrine Beitrag anzeigen
    einfach zum islam übertreten und schon ist die depression weg, weil man endlich eine richtung hat, statt an iphone, das dicke auto, papiergeld und andere illusionen zu glauben und sie zu vergöttern...ganz einfach.
    Auch wenn es so platt natürlich Unsinn ist: Religiösität, ganz egal welcher Religion man sich zugehörig fühlt, kann zumindest dazu beitragen, mit depressiven Schüben leichter klar zu kommen. Ich erlebe das so in der Verwandschaft. Allein das Gefühl, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist, sondern auf einen Gott vertrauen darf, kann durchaus helfen. Ein Allheilmittel ist es aber nicht. In den ganz schwarzen Phasen ist es eher so, dass der an und für sich starke Glaube in die Knie geht und das Patient nicht mal mehr die mentale Kraft für ein Gebet aufbringt. Ist auch logisch, denn Glaube setzt das Vorhandensein persönlicher Überzeugung voraus - und die erfordert ein gewisses Maß an Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit, im weitesten Sinne also Selbstvertrauen. Das widerum ist genau das, was einem Depressiven in den meisten Fällen völlig fehlt.
  8. #117

    Wartezeiten

    die langen Wartezeiten auf eine geeignete Therapie sind eine Katastrophe. Da will ich etwas für die Gesundheit tun - bei Depression bzw Burnout gehört dazu eh schon viel Motivation - und dann heißt es "Warten Sie mal". Frustrierend!
  9. #118

    Schöne neue Welt

    Viele Kommentare hier sind alle richtig, aber man muss endlich lernen was das Metaproblem ist. Der Mensch wird mit seiner künstlichen Evolution und Emanzipation von der Natur zunehmend degeneriert. Die unnatürlichen Maschinen und Computer wurden nie hinterfragt und zeigen das Ausmaß besonders an den jungen Menschen. Der MEsnc funktioniert nur noch programmatisch und verliert seine Freiheit. Burnout und Depressionen sind Krankheiten der Unterdrückung. Payback von Schirrmacher lesen.
  10. #119

    Neues aus der Anstalt !?

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Dieser Befund verblüfft: In keiner Altersgruppe sind Depressionen in Deutschland so weit verbreitet wie unter den 18- bis 29-Jährigen - das hat eine groß angelegte Patientenbefragung des Robert Koch-Instituts ergeben. Nicht einmal die Hälfte der Kranken wird überhaupt behandelt.

    Gesundheitsreport DEGS: Jugendliche leiden häufiger unter Depressionen - SPIEGEL ONLINE
    Verblüfft ?Wenn ich Patienten befrage lamentieren Sie natürlich über ihre Krankheiten.Bei einer Leistungsgesellschaft fallen immer welche hinten runter.Überfluß macht krank-man staunt ,wie fröhlich so mancher in der dritten Welt ist.Ich bekomme auch immer Depressionen ,wenn der Nachbar ein größeres Auto fährt und gebe meinen Eltern die Schuld.