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Diagnose Burnout: Zu viel Job, zu wenig Seele

CorbisGestresst, genervt, dauererschöpft: Selbst bei deutlichen Burnout-Signalen ignorieren viele Arbeitnehmer ihre Leiden - sie laufen im Job wie im Privatleben auf zu hoher Drehzahl. Was treibt Menschen in die Überforderung? Vier Fallgeschichten aus dem Arbeitsleben.

Diagnose Burnout: Gelbe Karte für den Körper - SPIEGEL ONLINE
  1. #1

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Gestresst, genervt, dauererschöpft: Selbst bei deutlichen Burnout-Signalen ignorieren viele Arbeitnehmer ihre Leiden - sie laufen im Job wie im Privatleben auf zu hoher Drehzahl. Was treibt Menschen in die Überforderung? Vier Fallgeschichten aus dem Arbeitsleben.

    Diagnose Burnout: Gelbe Karte für den Körper - SPIEGEL ONLINE
    Alle Betroffenen hatten hohe Ansprüche an sich selbst.

    Dazu kommt, dass zu der heutigen Arbeitsphilosophie gehört, einfach mal auszuprobieren, wie lange es nicht doch gut geht, die Anforderungen hoch- und Personal und Sachmittel herunterzuschrauben.

    Das gilt für den öffentlichen Dienst wie für die freie Wirtschaft. Ebenso das Misstrauen der Vorgesetzten ihren eigenen Mitarbeitern gegenüber. Da kann man Jahrzehntelang gute Arbeit ohne Murren geleistet haben, in dem Moment wo gesagt wird: "Das ist zu viel!", wird gemauert und abgewiegelt.
  2. #2

    Nicht nur die Arbeitsbedingungen. Wir müssen auch mit der neuen Transparenz leben und zudem immer mehr schlechten Nachrichten in immer kürzeren Zeitabständen verdauen. Die Journalisten publizieren ja lieber ein Unglück als eine gute Nachricht, die wahrscheinlich auch von zu wenigen Lesern angeklickt würde. Bezüglich der Transparenz meine ich die vielen Skandale, die man dank Internet und abhören von elektronischen Briefverkehr heraufbeschworen hat. Zu Recht, aber man gewinnt den Eindruck dass alle anderen "Lumpen" sind und dass man keinem mehr Vertrauen darf. Und aus diesem Grund muss man alles selbst wissen. Das aber geht nicht, und deswegen sind heute die echten Freunde noch genausowichtig wie schon immer!

    Es scheint ein sehr Vielschichtiger Ansatz gefunden werden zu müssen, der wirklich alle Umwelteinflüsse einfließen lässt. Aber wenn man alle "Stressfaktoren" berücksichtigen würde, dann wären wir ja alle krank. Dies wiederum hätte wenigstens Vorteile für die Pharmaindustrie, die jedem sein Pillchen verkaufen kann.

    Dennoch möchte ich diese Krankheit auch nicht abtun. Es liegt nun daran die Umweltbedingungen zu Verbessern. Da aber ist nicht nur der Staat, der Arbeitnehmer und sowieso nur andere in der Verantwortung. Man muss auch selbst die Initiative ergreifen und -wenn nötig- seinem Trott entkommen. Da helfen schon reinigende Gewitter mit echten Freunden, die einem auch mal die Meinung sagen (und das auch dürfen, ohne dass man sich eingeschnappt für immer trennt).
  3. #3

    Unehrlichkeit ...

    Zitat von Olaf Beitrag anzeigen
    Alle Betroffenen hatten hohe Ansprüche an sich selbst.

    Dazu kommt, dass zu der heutigen Arbeitsphilosophie gehört, einfach mal auszuprobieren, wie lange es nicht doch gut geht, die Anforderungen hoch- und Personal und Sachmittel herunterzuschrauben.

    Das gilt für den öffentlichen Dienst wie für die freie Wirtschaft. Ebenso das Misstrauen der Vorgesetzten ihren eigenen Mitarbeitern gegenüber. Da kann man Jahrzehntelang gute Arbeit ohne Murren geleistet haben, in dem Moment wo gesagt wird: "Das ist zu viel!", wird gemauert und abgewiegelt.
    Schon richtig - das Problem ist aber tiefgehend. Allein der Begriff "Burnout" als Euphemismus im Sprachgebrauch für Depression ist bezeichnend.
    Es fehlt den Menschen einfach die nötige persönliche Hygiene (also psychologisch gemeint) - man ist völlig fremdbestimmt, was sich in einer niedrigen Toleranz an Kritikfähigkeit und in einer fehlenden Selbstreflexion äußert. "In aurea mediocritas" - das habe ich aus meinem großen Latinum als Maxime für das persönliche Glück mitgenommen. Man ist sich bewusst, dass man es niemanden unbedingt Recht machen kann und das man evtl. auch persönlich limitiert ist. Letzteres ist eben ganz menschlich und wird leider heute als schlimmste Schwäche verteufelt, obgleich es eben so ist und wir dann einfach kaum etwas daran ändern können.

    Jemand, der jeden Tag von seinen unerledigten Aufgaben bei der Arbeit träumt, wird eben niemals den Karriereweg des "Senior Managers" gesundheitlich unbeschadet erreichen. Diese Lebenslüge und Unehrlichkeit ist doch schon wirklich bezeichnend und vor allem bei Akademikern zu finden.
    Es wird einfach zu viel von den Menschen heute erwartet und das überträgt sich doch auch auf persönliche Umfeld. Wie hat man zu sein?

    Dazu trägt ja der Begriff "Burnout" schon selber bei. Statt Depression als Begrifflichkeit zu verwenden, assoziiert man mit Burnout eine Person, die fleißig, pflichtbewusst ist, die entweder infolge der Undankbarkeit für die geleistete Arbeit im beruflichen und privaten Umfeld "gemobbt" wurde oder selber an seinen ehrgeizigen Zielen "unglücklich" gescheitert ist. Kein Wort von einer gewissen Lebens- und Berufsunfähigkeit - beschönigend eben, unwahr. Schon allein da setzt die Ursache dieser "Mode"-Krankheit an, nebst den teilweise abstrusen Prozessen unserer heutigen Arbeitswelt. Wer natürlich mit sich nicht im Reinen ist und fremdbestimmt sein will, was er nicht ist, wird eben psychisch krank. Das sollte jeder eigentlich schon als Heranwachsender begriffen haben, aber anscheinend kommt das vielen ab.
  4. #4

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Gestresst, genervt, dauererschöpft: Selbst bei deutlichen Burnout-Signalen ignorieren viele Arbeitnehmer ihre Leiden - sie laufen im Job wie im Privatleben auf zu hoher Drehzahl. Was treibt Menschen in die Überforderung? Vier Fallgeschichten aus dem Arbeitsleben.

    Diagnose Burnout: Gelbe Karte für den Körper - SPIEGEL ONLINE
    Die Deutschen arbeiten immer noch so viel wie in der Nachkriegszeit, in der alles aufgebaut werden musste.
    40 Stunden die Woche ist der reine Wahnsinn hinsichtlich dessen, dass wir längst eine technische Revolution hatten und alles in diesem
    Land aufgebaut ist und für die wichtigsten Arbeiten ohnehin die Maschinen eingesetzt werden.
    Was nützt dies allerdings, wenn die Arbeitsstunden dennoch nicht reduziert werden können, weil die Superreichen einfach nicht satt zu bekommen sind.
    Schade, denn Arbeit sollte nur Mittel zum Zweck sein, um danach seine Füße auszustrecken und den Tag zu genießen. Davon sind die Deutschen jedoch meilenweit entfernt. Deren Lebensinhalt besteht nur aus Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit, anstatt sich endlich mal ein bisschen mehr um sich selbst zu kümmern.
    Machbar wäre es, doch wer will schon so viel Ruhe um über sein Leben auch wirklich nachdenken zu können. Die Wenigsten.
  5. #5

    Ich bin Pfleger auf einer Intensivstation. Auch wenn es jetzt stinkt, denke ich, ich bin ein sehr guter Pfleger, weil hochbegabt und mit langjähriger Praxiserfahrung. Hab schon paar Leben gerettet, weil ich das Problem beim Patienten fand, weswegen er kurz vorm Sterben war, wo Oberärzte rumrätselten.
    Aber ich hab eine Grenze gezogen, bin auf 75% Stelle runter, gebe keine Handynummer mehr auf Arbeit ab, und ich ignoriere z.B. seit gestern die Anrufe der Station (ca. 12 Anrufversuche seit gestern morgen um 9, nur die Anrufe gezählt die ich mitbekommen habe, weil ich zuhause war).
    Ich hab frei, bin nicht erreichbar und das genieße ich. Wenn ich wieder auf Arbeit auftauche, dann bin ich im Gegenzug hochmotiviert.

    Die meisten Kollegen können nicht nein sagen, arbeiten 10Tage am Stück durch, wildeste Schichtwechsel (3Nachtdienste, der Tag nach dem Nachtdienst/Ausschlaftag frei, und dann Frühdienst am nächsten Tag, dann zwei Spätdienste und wieder Nächte, und nur solche Dinger) und sind dann, völlig verständlich, irgendwann so breit, dass sie wochen- und monatelange krank ausfallen. Ich frag mich oft, oft die Chefs keine Führungskräfteschulungen machen müssen, dass sie nicht merken, dass so ein Umgang mit Mitarbeitern viel mehr Geld kostet, als wenn sie mal paar Betten sperren und die nicht mit Patienten belegen, so dass eine kleinere Schichtbesetzung noch ausreicht.

    Ganz ehrlich, wenn im Moment die Station gerade explodiert und nur noch junge unerfahrene Kollegen an den Patienten rumprobieren, und dabei jemand zu Schaden kommt, dann ist mir das mittlerweile völlig egal. Die Verantwortung liegt nicht bei mir (der trotzdem noch eine geringe Anzahl Überstunden zum Ende des Quartals hat). Ich hab in erster Linie die Verantwortung für meine eigene Gesundheit. Wie es im Rettungsdienst heisst: zuerst an die Eigensicherung denken.

    Krankenpflege ist der Burn-Out-Beruf Nr.1. Bei vier freien Tagen in diesem Monat, wurde ich an 3 Tagen mehrfach versucht anzurufen. Es wurden sogar schon Kollegen versucht über Facebook zu kontaktieren, weil sie ihre Telefonnummer nicht angegeben haben (kein Scherz). Personalmangel führt zu Schichten die nur mit Mindestbesetzung gefahren werden, das bei ständig höherem Patientendurchlauf (>>10% Steigerung teils von einem Jahr zum anderen), was zu völlig überarbeiteten Mitarbeitern führt, weil man 8h nur auf 100% arbeitet, nur rumrennt, und selbst so seine Arbeit nicht schafft, und die Pause halb ausfallen lässt. Das führt wieder zu mehr Krankenstand und mehr Personalmangel. Teufelskreis.

    MMn gehören in solchen Situationen erstmal eine Handvoll Zeitarbeiter auf Station um die Festangestellten zu entlasten, solange man nicht genügend Bewerber für die Stellen finden kann. Aber dagegen wehrt sich der Betriebsrat. Die sind mMn auch oft völlig fernab der Realität.
  6. #6

    Und die Moral von der Geschichte?

    Zitat von sysop Beitrag anzeigen
    Gestresst, genervt, dauererschöpft: Selbst bei deutlichen Burnout-Signalen ignorieren viele Arbeitnehmer ihre Leiden - sie laufen im Job wie im Privatleben auf zu hoher Drehzahl. Was treibt Menschen in die Überforderung? Vier Fallgeschichten aus dem Arbeitsleben.

    Diagnose Burnout: Gelbe Karte für den Körper - SPIEGEL ONLINE
    Arbeit sollte nur Zweck sein, um das Leben zu finanzieren, nicht der Lebenszweck. Jeder muss die richtige Balance aus Arbeit und Freizeit für sich finden; der menschliche Körper ist nunmal nicht in der Lage, ewig auf Höchstlast zu fahren. Das geht mal ein paar Wochen gut, vielleicht auch mal einen Monat oder zwei, aber dann braucht's einfach eine Regenerationsphase.
    Jahrelang an der Grenze fahren und dann noch über Gebühr arbeiten, wenn noch zum normalen Pensum Extralast gefahren wird, funktioniert einfach nicht.

    Auch wenn's doof klingt: statt dauerhaft 100% fahren und damit keinen Regenerationsspielraum haben, lieber nur 80%. Immerhin wird auch kein Motor dauerhaft im roten Bereich betreiben, sondern bei deutlich geringeren Werten - auf die Weise lebt der Motor länger. Ähnliches eben auch mit dem Menschen: dauerhaft volle Leistung bringen oder gar deutlich drüber liegen macht kaputt. Lieber ein bisschen kürzer treten, das schafft zum einen Reserven, zum anderen auch Regenerationsspielräume.
  7. #7

    Selber schuld.

    Arbeitsplätze statt Burnout!
    Die Arbeit, die unser Besserverdiener im ersten Fall macht oder gemacht hat, hätte er bei gleichem Ergebnis auch auf viele Schultern verteilen können; ergo Leute einstellen. Wer am eigenen Ego zu Grunde geht, für den hält sich mein Mitgefühl ehrlich gesagt in Grenzen. Solche Leute verdienen soviel Geld, dass sie mühelos mehrmals im Jahr Urlaub machen könnten und was tun sie stattdessen? Weitermachen, damit der Kropf schön gefüllt ist und das kleine Selbstbewusstsein schön durch Pseudo-Anerkennung und materiellem Status getätschelt wird.
    Danke an Amerika für unser calvinistisches Verhältnis zur Arbeit!
  8. #8

    Zitat von Petra Raab Beitrag anzeigen
    Die Deutschen arbeiten immer noch so viel wie in der Nachkriegszeit, in der alles aufgebaut werden musste.
    40 Stunden die Woche ist der reine Wahnsinn hinsichtlich dessen, dass wir längst eine technische Revolution hatten und alles in diesem
    Land aufgebaut ist und für die wichtigsten Arbeiten ohnehin die Maschinen eingesetzt werden.
    Anders lässt sich ein Lebenstandard in einem westlichen Industrieland der ersten Welt nicht halten.

    Schauen Sie einfach wo all die Lebenskünstler des Club-Med im Moment stehen.

    Damals arbeiten die Deutschen so viel um alles aufzubauen, heute um den Vorsprung vor den aufstrebenden zu halten die das jetzt alles endlich auch für sich selbst haben wollen und fleißig daran arbeiten es den dekadenten Westlern zu nehmen.

    Unsere Vorgängergeneration haben uns im Wettrennen (Staffellauf) um den Wohlstand einen feinen Vorsprung rausgerannt. Aber deswegen können wir jetzt nicht einfach erst mal neben er Strecke relaxen, denn die Chinesen und Co. rennen wie die Teufel um den Rückstand aufzuholen und die Führung zu übernemen.
  9. #9

    Aw:

    Zitat von 01099 Beitrag anzeigen
    Danke an Amerika für unser calvinistisches Verhältnis zur Arbeit!
    Calvin war Franzose.








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