„Ist hier der Grund zu suchen, wieso sich die Psychoanalytiker so lange nicht in die Karten blicken lassen wollten und sich im Gegensatz zu Verhaltenstherapeuten strikt gegen eine wissenschaftliche Überprüfbarkeit der eigenen Therapie-Ergebnisse aussprachen?“
Der gute Gerald Hüther wird wie Freud an vielen Stellen recht haben, nämlich daß die meisten formenden Einflüsse auf den Menschen vor allem im ersten aber auch den beiden Folgejahren stattfinden. Da gibt es allerdings kein denkendes Bewußtsein, keine Begrifflichkeit. Und dann gibt es einen winzigen Haken. Man kommt nicht dran, übrigens selbst dann nicht, wenn man sich erinnern könnte.
Mit seinen frühkindlichen Festlegungen wird man sein Leben lang konfrontiert. Etwa wenn man überlegt, warum man eine bestimmte Überzeugung hat, wozu allerdings ein Anlaß bestehen muß, also ein Widerspruch. Dann kann man sehr langsam diesen Widerspruch auflösen, was zuweilen Jahre dauert. Aber selbst in achtzig Jahren wird man nur kleine Teile dieses ungeheuren Wustes abarbeiten können.
Ein simpler Erklärungsansatz. Die meisten Sinneswahrnehmungen sind unbewußt, sie dringen erst gar nicht ins Bewußtsein, allein schon wegen ihrer ungeheuren Fülle. Sie sind also auch nicht dingfest zu machen. Wenn ich eine oder mehrere Besprechungen an einem Tag habe, bin ich abends abgefüllt mit Eindrücken, die ich längst nicht sortiert habe, von Einzelfällen abgesehen, die man wegen ihrer Vordringlichkeit mit dem Verstand und der Sprache so abgehandelt hat, daß sie erledigt abgeheftet werden können. Es bleiben aber zahlreiche Nebenbemerkungen, auf die man nicht eingegangen ist, die man abgebügelt hat, oder merkwürdige Minen, die man erst gar nicht dechiffrieren konnte. All das verunsichert, bereitet Einem Unbehagen. Was wird da gespielt, was hat der vor, läuft da im Hintergrund ein Spiel, das Einem verborgen bleibt ? Die eine oder andere Unklarheit läßt sich mit Denken auflösen, wobei Erfahrung außerordentlich hilfreich ist. Aber der unermeßliche Rest wandert ins Fach des Vergessens, auch wenn der eine oder andere Einzelpunkt bei einer Wiederholung wieder ins Bewußtsein drängt. Ein Interesse erwacht.
Das Experiment läßt sich aber dauernd und überall wiederholen. Bei einem Gang durch die Stadt braucht man sich nur zu erinnern, was von den abermillionen Eindrücken haften geblieben ist. Es ist eine hübsche Vase, originelle Ohrringe, ein lebendiges Gesicht, die stolze aufrechte Haltung eines Menschen.
Ein Analytiker kann in einem ungemein langwierigen Verfahren lediglich einzelne Punkte herauszuarbeiten versuchen, aber er wird nie die Fülle der unbewußten ansatzweise ermessen können, vor allem wird er nie belegen können, daß seine Ergründungen oder Zuordnungen relevant sind. Er interpretiert sie so hin, daß sie mit seinem Gedankengebäude übereinstimmen. Sie werden passend gemacht.
Der Glaube versetzt Berge.

Antworten / Zitieren

