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Debatte: Der verletzte Stolz
Über die Ausschaltung der Bürger in Demokratien
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,727904,00.html
- #420 16.11.2010 12:50 von
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Lieber autopoieses,
Palaver ist natürlich eine schon recht flapsige Einordnung - eigentlich ungehörig! Indes ich schreibe hier im SPON Forum und konnte ja nicht ahnen, dass sie das lesen würden (scleim, haha), Palaver lässt Pulver assoziieren und passte so auch zur Verdeutlichung der Idee. Auch herrschte ja wirklich ein „ungeordnetes Durcheinander“ vor und von einer autopoietischen Öffentlichkeit konnte damals nicht die Rede sein. Wie sie wissen, berichteten Zeitzeugen, dass „etwas in Luft lag“ (Zeitgeist) und alle auf den grossen Knall geradezu gespannt warteten (Viele waren 1914 doch etwas erstaunt, dass es doch noch losging, da die Jahre1911/1912 als Höhepunkt der Spannungen empfunden wurden). Ich gebe ihnen Recht, wenn sie sagen, dass es eine Verkürzung ist, den Krieg als Konsequenz des so reichhaltigeren politischen und kulturellen Lebens darzustellen. Auch liegt darin eine Diffamierung ebendessen, die mir jetzt unbehaglich ist. Diese arge Verkürzung führt viel zu leicht zu dem tumben Schluss:“ Das hat zum Krieg gefuhrt? also lassen wir dies tunlichst, denn „Nie Wieder Krieg!!“ Dennoch komme ich nicht umhin auf die „Notwendigkeit“ dieses Zunders zum JahrhundertKnall hinzuweisen. Es waren die vielen überhitzten und voneinander isolierten KommunikationsInseln (Stammtisch, vaterländischer Verein, WandervogelJugend etc.) in ganz Europa, die es erst richtig rummsen liessen. Dabei ist ja nicht nur der Ausbruch des Krieges von Bedeutung, Zeitzeugen berichten von der ungeheuren Verbissenheit, mit der die Soldaten bei der Sache waren. Dann kam die DolchstoßLegende und dann 2.WK..
Formel: stark politisierte, aktive Bevolkerung + isolierte KommunikationsInseln → Sehnsucht der Entladung und Vereinigung und Befriedung
Ich denke gerade die Sehnsucht nach „Ruhe“, einer Befriedung hat letztlich unweigerlich zum Krieg geführt, so paradox dies auch klingen mag.
Dies ist natürlich ein grosses Thema und wir könnten da noch sehr lange diskutieren, Indes das Thema war ja eigentlich die „psychopolitische Ruhigstellung des Gemeinwesens“ und der 1.WK diente eigentlich nur als Beispiel für eine Welt ohne elektronische Medien. Diese, insbesondere das Fernsehen, haben zu dieser beiten Entpolitisierung geführt, indem sie mit dem Bildschirm nciht nur eine Projektionsfläche für mich bieten, sondern mich geradezu packen, gefangen nehmen und most important! meine Meinungen, Ansichten und Vorstellugen vertreten. Sie werden bei Anne Will immer auch Repräsentanten für den anderen Standpunkt finden und diese finden auch immer gerechtes Gehör.
Aber was die elek. Medien so alles Schönes „anrichten“ ist ein grosses Thema (immer diese Platitüden, hehe).“.
Schliessen möchte ich nicht enden, ohne auf das Aufbrechen dieser Passivierung der breiten Massen hinzuweisen. Dieses hat in den technologische Schüben (und deren Hintergründen) begründet ist. Die Glotze hat - hoffentlich - in spätestens 20 Jahren komplett ausgedient und die Leutchen werden dann wieder hitzig palavern. Warum eigentlich auch immer Friede-Freude-EIerkuchen, indes ich bin froh, dass das noch etwas auf sich warten lassen wird, - #421 16.11.2010 14:46 von
...
@ Flowerpower
Ich habe das Wort auch eher im Sinne eines ungeordneten Gesprächs verstanden.
Worum es mir jetzt ging: man kann bereits in ganz konkreten, zeitgenössischen und somit untersuchbaren und untersuchten Einzelfällen nur äußerst selten den tatsächlichen Einfluss der Medien auf das Handeln der Menschen belegen. Man kann meistens lediglich aufzeigen, wie sich ein Handeln in Medien und deren Konsum spiegelt – nicht wie diese es evozieren: Was war zuerst da – die ‚Anlange‘ zur Handlung oder das Medium?
Wenn Sie nun von Stammtischen etc. reden, dann sind das für mich Medien, von denen ich auch denke, dass sie gerade vor dem 1. WK eine wichtige Rolle spielten. Nur wird es eben schwer, den tatsächlichen Einfluss zu belegen. Es lässt sich lediglich aufzeigen, wie die Medien dieser Zeit bestimmte Informationsbedürfnisse bedienten – ob sie diese hervorgerufen haben, das wissen wir nicht! Wir können lediglich Wechselwirkungen aus Informationsbedürfnissen und Informationsgenerierung konstatieren – also eine Aussage über den Zeitgeist treffen, darüber, was die Leute beschäftigte, was sie wissen wollten und aufgrund der Medien, welche diese Bedürfnisse, gerade vor dem 1.WK extrem plural und zahlreich, bedienten und möglicherweise verstärkten, wissen konnten. Man kann das tatsächlich sehr gut wie ein geschlossenes System betrachten, weil die deutsche Medienlandschaft zu jener Zeit, viel mehr als heute, eine durch Staatsgrenzen demarkierte war.
Interessant wäre vor diesem Hintergrund zum Beispiel die Rolle der aufkommenden Fotographie, weil sie zu dieser Zeit noch den Status der Dokumentation inne hatte (ich hoffe doch, dass das heute nicht mehr so ist…) und somit im Zuge des 1.WK in einem Maße als Propagandainstrumentarium missbraucht werden konnte, wie es heute gar nicht mehr möglich wäre. Hier ließe sich übrigens auch anhand von Einzelbeispielen aufzeigen, wie der Mangel an korrekter Information Einfluss ausübte. Aber auch dann ist es schwer möglich, konkretes Handeln lediglich darauf zurückzuführen. Diese Kriegssituation, die einen gezielten Missbrauch der Medien bewirkte, lässt sich zudem nicht einfach auf die Vorkriegssituation übertragen...
Warum es mir also vor dem Hintergrund des Essays geht: wer „Brot und Spiele“ ernsthaft in den Raum wirft, der müsste nicht nur die Strippenzieher im Hintergrund belegen, sondern auch den konkreten Einfluss beweisen. Selbst wenn man annehmen würde – was ja nicht abwegig ist - Medien haben Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen, kann man nicht einfach die konkrete Richtung des Denkens und Handelns unterstellen. Letzteres zeigt sich bereits daran, wie vielschichtig der betreffenden Essay hier diskutiert wird: eine Pluralität der Rezeption.
Warum Sie annehmen, „gerade die Sehnsucht nach „Ruhe“, einer Befriedung hat letztlich unweigerlich zum Krieg geführt“, würde ich gerne genauer verstehen. - #422 16.11.2010 15:17 von rosiweissnix
In der Tat, ein weites Feld, der Mensch, Kognition und Emotion
Konsens suchen ... nicht aus dem Weg gehen ... mit einplanen ... Und nicht nach dem Motto verfahren: "Augen zu und durch, wundern können wir uns noch später." Oder kurz: "Tatsachen setzen vor Kommunikation und Konsens, weil kein Bock, zu anstrengend."
Und das ist m.E. das Problem, nicht der Zug hinter meinem Haus, sondern die gesetzten Tatsachen, die auch darauf hinweisen: "Finde dich damit ab und halte die Klappe". Das möchte m.E. Sloterdijk auch in seinem Artikel durchblicken lassen. Wer von uns hat noch niemals ärgerlich gedacht: "Da bin ich doch gar nicht erst gefragt worden?" Das dulden wir selten in unserem Vorfeld, zumindest nicht, wenn es sich als Regel einschleift. Wenn das also in der Interaktion zweier Institutionen (Wähler, Regierung) häufiger passiert, kommt es zwangsläufig zu Spannungen. Und wir empfinden das nicht nur als häufiger, sondern mittlerweile als regelmäßig und dazu taktet es auch noch schneller. Und man hat beileibe nicht das Gefühl, die Erklärung: "Zu Eurem Besten", träfe den Nagel auf den Kopf. Also suche rund um nicht herum, sowie in den diversen Statistiken, vor lauter zu unserem Besten, die Verbesserungen. Auf breiter Flur keine zu sehen. Nur als klitzekleines Beispiel, wenn man sich die Schulen und Universitäten in der Schweiz ansieht, Zustand Gebäude, Ausstattung der Räume und der Bibliotheken, technisches Equipment, dann bekommt man glatt einen Kulturschock und fragt sich automatisch, wer denn wohl zumindest auf dem Bildungssektor die Bananenrepublik sei. Gleiches gilt wohl für die skandinavischen Bildungshäuser, nebst Kindergärten.
Wenn man jedoch etwas mit entschieden hat, also gefragt wurde, selbst wenn andere Meinungen überlagerten, dann fehlt zumindest schon einmal das Gefühl, vor Tatsachen gestellt worden zu sein. Und das müsste es erleichtern, auch Entscheidungen mitzutragen, bei denen man überstimmt wurde.
Das kann man im "kleinen Feldversuch" innerhalb der Familie nachspielen. Es kommt ja schon mal in solchen Familien vor, stellen wir uns eine 4-köpfige vor, dass z.B. die Wochenendveranstaltung demokratisch entschieden wird. Sicherlich sind nicht alle einer Meinung und sicherlich zieht bestimmt jemand eine Flappe ;-). Trotz alledem geht das zumeist, wenn auch hektisch diskutiert, recht friedlich ab und nach einer solchen Abstimmung ist vorherrschend eine gewisse Ruhe.
Geht ein Elternteil jedoch hin und diktieren einfach das Ziel, ohne nach Wünschen zu fragen, ohne Widerrede in Form von Basta, gibt es automatisch mehr als nur eine Flappe. Selbst wenn unter dem Geschwisterpaar sich eines mit dem Ziel angefreundet hätte, können Sie davon ausgehen, die beiden werden eine Front des Widerstandes aufbauen. Wenn der "Diktator" Pech hat, wird das zweite Elternteil direkt damit einbezogen, zumindest um Hilfestellung gebeten. Und ab dann spätestens hat man vermutlich rischtisch Spaß in der Bude.
Anders funktioniert das in größeren Gemeinschaften auch nicht, von der Familie, über die Nachbarschaftsgemeinde, den Verein, bis letztlich zur kompletten Gesellschaft. Gut, bin mir bewusst darüber, es sind auch immer welche dazwischen, denen ist das alles egal. Trotzdem, an dem Familienbeispiel sollte doch anschaulich sein, mit welchem Konfliktpotential man so spielt. - #423 16.11.2010 15:39 von rosiweissnix
Standard Argumentationsgrundlage haben wir nicht
Eine ausführliche Stellungnahme zu Ihrem Beitrag ist der Zensur zum Opfer gefallen.
Wir haben keine Argumentationsgrundlage, sie lesen meine Beiträge nicht, sie interpretieren in meine Beiträge hinein und zwar das, was da nicht drin steht und dichten gar noch etwas hinzu.
Suchen Sie sich bitte ein anderes Opfer, mit mir nicht, dazu tauge ich schlichtweg nicht! Insoweit [i] - #424 16.11.2010 15:50 von
xyz
Und das ist m.E. das Problem, nicht der Zug hinter meinem Haus, sondern die gesetzten Tatsachen, die auch darauf hinweisen: "Finde dich damit ab und halte die Klappe". Das möchte m.E. Sloterdijk auch in seinem Artikel durchblicken lassen. Wer von uns hat noch niemals ärgerlich gedacht: "Da bin ich doch gar nicht erst gefragt worden?" Das dulden wir selten in unserem Vorfeld, zumindest nicht, wenn es sich als Regel einschleift. Wenn das also in der Interaktion zweier Institutionen (Wähler, Regierung) häufiger passiert, kommt es zwangsläufig zu Spannungen. Und wir empfinden das nicht nur als häufiger, sondern mittlerweile als regelmäßig und dazu taktet es auch noch schneller. Und man hat beileibe nicht das Gefühl, die Erklärung: "Zu Eurem Besten", träfe den Nagel auf den Kopf. Also suche rund um nicht herum, sowie in den diversen Statistiken, vor lauter zu unserem Besten, die Verbesserungen. Auf breiter Flur keine zu sehen. Nur als klitzekleines Beispiel, wenn man sich die Schulen und Universitäten in der Schweiz ansieht, Zustand Gebäude, Ausstattung der Räume und der Bibliotheken, technisches Equipment, dann bekommt man glatt einen Kulturschock und fragt sich automatisch, wer denn wohl zumindest auf dem Bildungssektor die Bananenrepublik sei. Gleiches gilt wohl für die skandinavischen Bildungshäuser, nebst Kindergärten.
Wenn man jedoch etwas mit entschieden hat, also gefragt wurde, selbst wenn andere Meinungen überlagerten, dann fehlt zumindest schon einmal das Gefühl, vor Tatsachen gestellt worden zu sein. Und das müsste es erleichtern, auch Entscheidungen mitzutragen, bei denen man überstimmt wurde.
Das kann man im "kleinen Feldversuch" innerhalb der Familie nachspielen. Es kommt ja schon mal in solchen Familien vor, stellen wir uns eine 4-köpfige vor, dass z.B. die Wochenendveranstaltung demokratisch entschieden wird. Sicherlich sind nicht alle einer Meinung und sicherlich zieht bestimmt jemand eine Flappe ;-). Trotz alledem geht das zumeist, wenn auch hektisch diskutiert, recht friedlich ab und nach einer solchen Abstimmung ist vorherrschend eine gewisse Ruhe.
Geht ein Elternteil jedoch hin und diktieren einfach das Ziel, ohne nach Wünschen zu fragen, ohne Widerrede in Form von Basta, gibt es automatisch mehr als nur eine Flappe. Selbst wenn unter dem Geschwisterpaar sich eines mit dem Ziel angefreundet hätte, können Sie davon ausgehen, die beiden werden eine Front des Widerstandes aufbauen. Wenn der "Diktator" Pech hat, wird das zweite Elternteil direkt damit einbezogen, zumindest um Hilfestellung gebeten. Und ab dann spätestens hat man vermutlich rischtisch Spaß in der Bude.
Anders funktioniert das in größeren Gemeinschaften auch nicht, von der Familie, über die Nachbarschaftsgemeinde, den Verein, bis letztlich zur kompletten Gesellschaft. Gut, bin mir bewusst darüber, es sind auch immer welche dazwischen, denen ist das alles egal. Trotzdem, an dem Familienbeispiel sollte doch anschaulich sein, mit welchem Konfliktpotential man so spielt.[/QUOTE]
Seh ich auch so. In jedem Kaninchenzüchterverein werden Entscheidungen zur Wahl gestellt und mit einfachen Mehrheiten verabschiedet. Mensch ist tagtäglich mit dieser Art von Demokratie konfrontiert. Die Ausnahmen sind stets politischer Natur oder spielen sich in der Firma ab, wo dann der Chef das letzte Wort spricht.
Was müssten sich allerorten für Dramen abspielen, ginge dem Deutschen generell die Fähigkeit zum Konsens ab. - #425 16.11.2010 19:43 von
Der Neu-Bürgerliche
Ach ja, die Leiden des alten Sloterdijk. Erst versucht er in dem Artikel, die Leser für sich zu gewinnen, in dem er die Auswüchse der Staatsmacht bei Stuttgart 21 und die Hofierung der Energiekonzerne geißelt, um dann seinem Leidensdruck Ausdruck zu verleihen: in unseren Breitengraden müssen doch tatsächlich Steuern gezahlt werden.
Das kann der staatlich alimentierte Geistesheroe schier nicht fassen, er möchte einen Barmherzigkeits-Sozialstaat, die „Leistungsträger“ sollen freiwillig entscheiden dürfen, was sie für die Aussortierten und Überflüssigen übrig haben.
Außerdem versucht er sich als Sarrazin für den Bildungsbürger, er ist aber nur ein verirrter Bannerträger der marktradikalen Neu-Bürgerlichen, die den „Schaumteppich“, den der „überbordende Sozialstaat“ über die „natürliche Härte des Daseins“ gelegt hat, zerstören wollen. - #426 17.11.2010 06:45 von
@ # 352 RioTokio - Teil 1 -
Wodurch ist unser Staat so hoch verschuldet? Doch nicht etwa durch die Finanz- und Wirtschaftskrise? Die teure bundesdeutsche Bankenrettung hat wohl auch und gerade diejenigen vor Verlusten gerettet, die nun wieder fast genauso gut dastehen wie vor der Krise, aber dennoch nichts zur Rückführung der Staatsverschuldung z. B. über höhere Steuern beitragen sollen. Und in welchen Ressorts wird, außer im Sozialbereich, noch nach Einsparmöglichkeiten gesucht? Beiträge, die der Wirtschaftssektor leisten sollte, werden nicht oder nur abgespeckt geleistet. Der zuvor geforderte Wegfall der Rabatte für stromintensive Industrien im Zuge des Sparpaketes bleibt fast vollständig aus. Stattdessen gibt's die Tabaksteuererhöhung.
Und was die Ansprüche anbelangt: Glauben Sie nicht, dass die meisten Erwerbslosen gern zu denjenigen gehörten, die die "Geldmittel bezahlen" - wenn es nur genügend auskömmliche unbefristete sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gäbe - anstatt in Ein-Euro-Jobs, zu Dumpinglöhnen in Minijobs und Leiharbeit, sowie unsinnige Maßnahmen und dergleichen gezwungen zu werden?
Fortsetzung folgt... - #427 17.11.2010 07:10 von
Es hört sich nicht nur böse an... Mit der Neuorientierung des Liberalismus und Konservatismus hat man die ursprüngliche Bedeutung beider pervertiert. Dass noch "liberal" und "konservativ" darin vorkommen, buche ich unter Verschleierung ab.
Freiheitliche Gesinnung z. B. könnte durch zwanglose, entspannte Herangehensweise gekennzeichnet sein, die auch die Freiheit anderer bewahrt und respektiert. Das Grundgesetz beschreibt einen freiheitlich-demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Im Neoliberalismus hingegen herrscht das Mantra freien Kapitals und freier Märkte, dem sich jede Lebensregung unterzuordnen hat (siehe auch den Lissabon-Vertrag und dort auch die Passagen über Gewerkschaften und Streiks, die nur noch zulässig sein sollen, sofern sie nicht "die Wirtschaft stören". Wären zielführende Streiks dann überhaupt noch möglich?).
Zum (Neo-)Konservatismus: Konservativ zu sein bedeutet, Bewahrenswertes zu bewahren. Derartige Tendenzen kann ich bei den Unionsparteien und all ihrem Reformeifer zum Nachteil der Mehrheitsgesellschaft nicht erkennen. Weder Strukturkonservatismus noch Wertekonservatismus ist dort auszumachen: Privatisierung öffentlichen Eigentums, Private Public Partnership (PPP), Pläne für einen Umstieg auf eine kapitalgedeckte private Pflegeversicherung, immer wieder Forderungen nach Senkung der Lohnnebenkosten, obwohl diese die soziale Absicherung der Arbeitnehmer sind, von der Leyens Forderungen nach Ausweitung der Zeitarbeit, Kopfpauschale und Deckelung des Arbeitgeberanteils sowie neuerdings Vorkasse-Wahl für gesetzlich Krankenversicherte...
Werteorientierung? An welchen Werten orientiert man sich? Etwa an den sieben Tugenden oder doch eher an den sieben Todsünden? Als da z. B. auszugsweise wären:
Die "Todsünden":
Superbia: Hochmut (Übermut, Hoffart, Eitelkeit, Stolz)
Avaritia: Geiz (Habgier, Habsucht)
Ira: Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)
Invidia: Neid (Missgunst, Eifersucht)
Ich picke jetzt einfach mal die Neuregelung über die Vorkasse bei gesetzlich Krankenversicherten heraus. Wo soll man diese einordnen? Appelliert sie nicht an die Eitelkeit und den Stolz derjenigen, denen bei Vorkasse eine bevorzugte Behandlung durch den Arzt gegenüber jenen versprochen wird, die sich eine Vorkasse nicht leisten können? Und kann dies nicht möglicherweise zu Verzweiflung bei den anderen führen, die dann um so länger auf einen Arzttermin warten müssen? Können nicht Zorn und Wut, Neid und Missgunst aufkommen? Und wird mit dieser Regelung nicht die Habgier einer ohnehin schon bestgestellten Ärzteschaft bedient?
Versuchen Sie einmal, nur diese eine Regelung mit den folgenden Tugenden, die ja auch Werte darstellen, in Einklang zu bringen:
Justitia: Die Gerechtigkeit
Fortitudo: Die Tapferkeit
Prudentia: Die Klugheit
Temperantia: Die Mäßigung
Fides: Der Glaube
Spes: Die Hoffnung
Caritas: Die Liebe
Leider sind wir gerade dabei, eine neue Klassengesellschaft wieder aufzubauen, vielleicht nicht besonders typisch, dafür aber dann besonders "neo".
Gruß
Janna - #428 17.11.2010 15:55 von
Zustimmung
Freiheitliche Gesinnung z. B. könnte durch zwanglose, entspannte Herangehensweise gekennzeichnet sein, die auch die Freiheit anderer bewahrt und respektiert. Das Grundgesetz beschreibt einen freiheitlich-demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Im Neoliberalismus hingegen herrscht das Mantra freien Kapitals und freier Märkte, dem sich jede Lebensregung unterzuordnen hat (siehe auch den Lissabon-Vertrag und dort auch die Passagen über Gewerkschaften und Streiks, die nur noch zulässig sein sollen, sofern sie nicht "die Wirtschaft stören". Wären zielführende Streiks dann überhaupt noch möglich?).
Zum (Neo-)Konservatismus: Konservativ zu sein bedeutet, Bewahrenswertes zu bewahren. Derartige Tendenzen kann ich bei den Unionsparteien und all ihrem Reformeifer zum Nachteil der Mehrheitsgesellschaft nicht erkennen. Weder Strukturkonservatismus noch Wertekonservatismus ist dort auszumachen: Privatisierung öffentlichen Eigentums, Private Public Partnership (PPP), Pläne für einen Umstieg auf eine kapitalgedeckte private Pflegeversicherung, immer wieder Forderungen nach Senkung der Lohnnebenkosten, obwohl diese die soziale Absicherung der Arbeitnehmer sind, von der Leyens Forderungen nach Ausweitung der Zeitarbeit, Kopfpauschale und Deckelung des Arbeitgeberanteils sowie neuerdings Vorkasse-Wahl für gesetzlich Krankenversicherte...
Werteorientierung? An welchen Werten orientiert man sich? Etwa an den sieben Tugenden oder doch eher an den sieben Todsünden? Als da z. B. auszugsweise wären:
Die "Todsünden":
Superbia: Hochmut (Übermut, Hoffart, Eitelkeit, Stolz)
Avaritia: Geiz (Habgier, Habsucht)
Ira: Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)
Invidia: Neid (Missgunst, Eifersucht)
Ich picke jetzt einfach mal die Neuregelung über die Vorkasse bei gesetzlich Krankenversicherten heraus. Wo soll man diese einordnen? Appelliert sie nicht an die Eitelkeit und den Stolz derjenigen, denen bei Vorkasse eine bevorzugte Behandlung durch den Arzt gegenüber jenen versprochen wird, die sich eine Vorkasse nicht leisten können? Und kann dies nicht möglicherweise zu Verzweiflung bei den anderen führen, die dann um so länger auf einen Arzttermin warten müssen? Können nicht Zorn und Wut, Neid und Missgunst aufkommen? Und wird mit dieser Regelung nicht die Habgier einer ohnehin schon bestgestellten Ärzteschaft bedient?
Versuchen Sie einmal, nur diese eine Regelung mit den folgenden Tugenden, die ja auch Werte darstellen, in Einklang zu bringen:
Justitia: Die Gerechtigkeit
Fortitudo: Die Tapferkeit
Prudentia: Die Klugheit
Temperantia: Die Mäßigung
Fides: Der Glaube
Spes: Die Hoffnung
Caritas: Die Liebe
Leider sind wir gerade dabei, eine neue Klassengesellschaft wieder aufzubauen, vielleicht nicht besonders typisch, dafür aber dann besonders "neo".
Gruß
Janna[/QUOTE]
Ich kann Ihren Ausführungen nur beipflichten.
Die systematische Aushöhlung unserer Sozialsysteme zielt auf einen Umbau unserer Gesellschaft ab. Zuerst die Renten- und nun die Krankenversicherung. Der Ärger ist vorprogrammiert, denn es werden vollendete Tatsachen geschaffen.
Und da Sie bereits den Lissabon-Vertrag erwähnten:
es wird wohl europaweit mit gewalttätigen Ausschreitungen gegen diesen brutalen Sozialabbau gerechnet. Die Bilder von französischen Spezialkräften anlässlich des Castor-Transportes sprechen für sich.
I smell a rat ! - #429 17.11.2010 17:14 von
Konsens..
Ich fürchte Ihr Beispiel der Konsensfindung wird in der Realiät nicht ohne weiteres funktionieren.
Projekte vorstellen, erklären, diskutieren - all das gibt es bereits in Deutschland. Großprojekte sind in Deutschland UVP pflichtig gemäß Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz.
Über Scoping Termine wird die Öffentlichkeit, einschließlich nicht öffentlicher Organisationen (Umweltbereich etc.) einbezogen. Die Termine werden häufig von neutralen Mediatoren begleitet.
An irgend einem Punkt muss dann eine Entscheidung fallen.
Je kontroverser und komplexer das Projekt desto sicherer wird diese Entscheidung kritisiert werden.
Es geht offenbar in Deutschland nicht mehr ohne Protest und sei das Projekt auch noch so nützlich.
Die Proteste werden dann in jedem Fall begleitet Vorwürfen zu Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme, Korruption, Unfähigkeit der Beteiligten, insbesondere der Politiker, unfähigen womöglich gekauften Gutachtern etc.
Ist Ihnen denn ein größeres Infrasturkturprojekt bekannt, dass ohne Gegnerschaft realisiert wurde - mir nicht und das gibt zu denken.
Wenn ich sie richtig verstanden habe finden sie die Bildungseinrichtung in der Schweiz beispielhaft gerade im Vergleich zu Deutschland?
Mag sein. Dei Schweiz ist eben ein wohlhabendes Land.
Ein Teil des Geldes kommt jedoch durch billige Gewinne aus dem Bankensektor und wie die zum Teil entstanden sind - häufig zum Nachteil dritter - ist ihnen ja bekannt.
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