Brief an junge Werber: Jean-Remy von Matt vermisst das Bauchgefühl

Nie in den vergangenen Jahrzehnten hat das Geschäft mit der Werbung einen solchen Umbruch erlebt, schreibt Branchenlegende Jean-Remy von Matt. Aufregende Zeiten für die jungen Kollegen, weil sie nicht auf ausgetretenen Pfaden wandeln müssen. Doch eine alte Regel gilt auch im Digitalzeitalter.

http://www.spiegel.de/karriere/beruf...762494,00.html
  1. #1

    Lieber Jean-Rémy von Matt!

    Nein, ich gehöre nicht so direkt der von Dir angesprochenen Gruppe der "jungen Werber" an. Ich bin ein Pixelschubser, von denen man ja gemeinhin behauptet, sie seien jenseits des kreativen Prozesses nur noch das technische, ausführende Organ derer, die sich zuvor in mühevoller Kleinarbeit, tagelangen Meetings die Köpfe über den neuesten Pitch heißgegrübelt haben. Also einer von den Idioten, die nur noch umsetzen, was Ihr Euch Kreatives ausgedacht habt.
    Und dennoch fühle ich mich bemüßigt, meinen Senf zu Deinem Brief zu geben.

    Ich beobachte genau wie Du die Entwicklung der Werbung - im TV genauso wie im Web und den von mir immer noch bevorzugten Printmedien. Und ich trauere den Zeiten nach, als Werbung die Menschen noch richtig wachrüttelte und zum Gesprächsthema wurde. Waren das Zeiten, als Oliviero Toscanis Benetton-Fotos die Runde machten: Blutgetränkte Soldatenkleidung, sterbende AIDS-Kranke - und die große Frage bei den Menschen: Darf man das? Was hat das mit bunten Pullöverchen zu tun? Riesige Aufregung allenthalben! Proteste, Boykotte, heftige Diskussionen in der Politik und in der Kirche: Muss man Toscani exkommunizieren?
    DAS, lieber Jean-Rémy, war Werbung! DARAN muss sich der junge Werber von heute messen lassen - und daran scheitert er auch. Es ist also definitiv mehr Mut zur Frechheit und Provoation gefordert - aber das funktioniert bei den börsenorientierten Unternehmen von heute nicht.

    Ja, Du hast Recht, die Werber schaffen es heute nicht mehr, die Menschen mitznehmen - oder eben so zu schocken, dass das Produkt dahinter endlich zum Thema wird.

    Nein, wir brauchen den Menschen nicht mehr klarzumachen, dass das Waschmittel weiß wäscht oder die Farben weiter leuchten lässt, das ist das, was sie sowieso erwarten - auch von einem Waschmittel vom Discounter. Also muss wohl endlich wieder ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen werden. Die Nachhaltigkeit - von zu vielen heute benutzt - ist, das hast Du richtig erkannt, ausgenudelt. Zumindest, wenn jeder Hanswurst einen imaginären Quadratmeter Regenwald schützen will. Aber wie wäre es z.B. mit der Förderung von sozialen Projekten auf dem Hasenbergl, in Marzahn, Bergedorf oder Chorweiler? Wie wäre es mit der Schaffung von Arbeitsplätzen für Langzeitarbeitslose? Wie wäre es mit der Schaffung von Ausbildungsplätzen für Schulabbrecher? Mit solchen realpolitischen Projekten sprichst Du auch die an, die sich einen Dreck um den Regenwald scheren, weil der in Brasilien steht und nicht in Bonames. Versuchs mal mit sozialer und politischer Nachhaltigkeit! Dann wird vielleicht auch die Verquickung von Politik und Wirtschaft endlich gesellschaftlich akzeptiert!
    Vielleicht schockt ja Henkel mal mit einer minderjährigen Straßenhure - die ihre Klamotten immerhin mit Persil wäscht?

    In diesem Sinne: Viel Erfolg! Und trainiere die jungen Langweiler in Hamburg und Düsseldorf mal so, dass die Köpfe wirklich rauchen! Ich glaube, da wird zuviel Memory gespielt - so zielsicher, wie die derzeitigen Werber in altbekannte Schubladen greifen.

    Ich kaufe kein Bier und keine Solarpanels, keine Feuchtigkeitscreme und keine Bausparvertröge, nur weil eine hübsche norddeutsche Düne im Hintergrund rumsteht...
  2. #2

    Werbung - who cares?

    Als ehemaliger - und mittlerweile ausgestiegener - Werber empfehle ich jedem, der mit einem Beruf in der Werbebranche liebgäugelt, mal das Buch "39,90" von Frédéric Beigbeder (selbst ehemaliger Werber) zu lesen. Es gibt ein zwar überzeichnetes, doch im Kern richtiges Bild der Werbebranche wieder, das ich selbst auch so ähnlich erlebt habe. Absolute Verschwendung von Ressourcen, jeder eine Diva, Ideenklau allerorten. Ein absolut selbst-referentielles System! - Von Matt ist ja selbst ein schönes Beispiel dafür: Digitalisierung bietet neue Chancen? - Wow, ist ja irre diese Erkenntnis! Da müssen dann auch gleich wahnsinnig tolle Berufsbezeichnungen her: "Information-Architect", "Web-Application-Developper", "Targeting-Spezialist", "Community-Manager"... Eigentlich peinlich für einen angeblichen Werber, einen ganzen Artikel nur mit Phrasen und nichtssagenden Anglizismen zu füllen.
  3. #3

    Erst gesamtgesellschaftlich alles von Klein auf schön auf Einheitlich trimmen (so sollst du aussehen, so sollst du sein, so sollst du konsumieren), und dann Individualität erwarten?
  4. #4

    kaputt und oberflächlich bzw. schizo

    warum trommelt spiegel online eigentlich in den letzten wochen derart für die werbebranche? werbung für die werbung, ist das jetzt schon nötig um den glauben zu stärken?
    gibt es bei irgendeinem redakteur eine vorstellung davon, wie elend, raubbau, konsumüberflussmentalität und werbung zusammen hängen? ich dachte ja immer erste qualifikation für einen journailsten wären allgemeinbildung und die fähigkeit, verschiedene themenkomplexe miteinander zu verbinden und zusammenhänge zu erkennen, anstatt erter propagandist der fachidiotie zu sein. wenn man sich nur im büro aufhält und dass auch das soziale umfeld ist und man sich intellektuell mit nichts anderem beschäftigt, mag man vielleicht dran glauben und moral und die einordnung des eigenen handelns in zusammenhänge wird verdrängt, aber das kann ja wohl nicht der anspruch des spiegel sein, derartige umnachtung so unreflektiert in die gesellschaft zu drücken.
  5. #5

    ohne Titel

    Zitat von thana Beitrag anzeigen
    Erst gesamtgesellschaftlich alles von Klein auf schön auf Einheitlich trimmen (so sollst du aussehen, so sollst du sein, so sollst du konsumieren), und dann Individualität erwarten?
    Ganz genau. Herr von Matt - das ist der Typ von "Du bist Deutschland", der die Kritik etlicher Blogger an seiner tollen Show weder verstanden hat noch akzeptieren konnte.

    Und heute beschmiert der Typ selbst die Klowände des Internets... *grins*
  6. #6

    Motivationsgrund? Fehlanzeige

    Lieber Herr von Matt,

    man muss sich über das Verhalten der Jung-Werber nicht wundern? Oder was wird Ihrer als auch anderen Großagenturen nachgesagt: Bitte erst mal ein unbezahltes Praktikum machen, aber arbeiten wie die normalen Angestellten. Dazu aber bitte schon fertiger Akademiker mit Topabschluss haben und dann nach 1 Jahr die fristlose Kündigung in Händen halte...

    Danke, das ist wohl Motivation genug!
  7. #7

    Bei weitem das Intelligenteste,

    das ich als Forumbeitrag seit langem lesen konnte. Ich meine die Beiträge n° 1 und 2. Bravo !
    Hoffentlich inspiriert der Beitrag von Pixelschubser einige Agenturen und öffnet bei den Budgetverantwortlichen der Marken den Geldbeutel.
    Ich bin Ausführender in der Werbebranche in Frankreich. Leider kann ich mich mit den meisten von mir aufgehängten Plakaten in keiner Weise identifizieren - schlimmer noch ich verstehe sie nicht - obwohl ich exakt der angesprochenen Zielgruppe entspreche.
    Schon vor Jahren habe ich meine Abos der Werbezeitschriften gekündigt; dieses permanente gegenseitige Schulterklopfen der Branche ist unerträglich. Werbung ist aber sicher nicht der einzige Sektor in dem lauter Wichtigtuer den Ton angeben.

    Volvic hat vor einigen Jahren versucht die Sahara wiederaufzuforsten. Bei Einsendung von X-Flaschenverschlüssen wurde ein Baum gepflanzt. Nie wieder was davon gehört, wahrscheinlich sind die 20 gesetzten Bäume schon längst vertrocknet. Ich bin bereit mich zuerst in meinem engeren Wohnbereich zu engagieren, wo ich direkt davon profitiere und es überprüfen kann. Verbesserungen in fernen Ländern sind sicher dringendst notwendig, sollten aber auf anderen Schienen angepackt werden.
    2. Beispiel : Vor ca 15 Jahren erfand die Firma Evian (Danone) mit riesigem Werbeaufwand die vertikal kompaktierbare Plastikflasche (PET compactable), die weniger Platz im Müllbeutel einnimmt. Nicht das Recycling oder Pfand war ihnen wichtig.
    Ich bin nicht der Einzige, der seitdem die Produkte dieser Marke meidet. So geht der Schuss langfristig nach hinten los.
    Schönen Sonntag
  8. #8

    Hundefutter-Designer

    Zitat: „Auch wenn Digitalisierung viel mit Rechnern, Technik, Automatisierung, Algorythmen, Programmen, Targeting und Logik zu tun hat, bleibt der von uns umworbene Mensch - und nur um ihn geht es - dieses hochemotionale Wesen mit Freuden, Hoffnungen, Sehnsüchten und Ängsten. Ihn gilt es zu interessieren, zu begeistern, zu provozieren, zu stimulieren, zu motivieren, zu involvieren. Und nicht nur gezielt zu treffen und mit Nutzen zu versorgen.“

    Die Werbe-Ikonne mit dem süffigen Vornamen eröffnet einen überraschend entlarvenden Einblick in sein Menschenbild, er beweist damit, dass er auf eine andere Art selbst den Fehleinschätzungen unterliegt, die er beim Konsumenten professionell provoziert. Aha, den Menschen, „dieses hochemotionale Wesen gilt es zu interessieren, zu begeistern“ – so ist das also... und ich dachte immer, es ginge darum, ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen, ihn systematisch zu verdummen, ihn zum Kauf von irgendwelchem Blödsinn zu verleiten, ihn insgesamt als Verbaucher zu entmündigen. Es bleibt bezeichnend für alle Formen der Selbstverherrlichung, dass sie umso mehr mit eigenen Idealisierungen wuchern je weniger Anlass dazu besteht – in der Werbebranche ist diese Realitätsflucht besonders ausgeprägt, sie ist sogar das existenzbedingende Geschäftsprinzip der Hundefutter-Designer.
  9. #9

    Es fehlt nicht an Kreativität und Bauchgefühl der Indianer - es fehlt der Mut der Häuptlinge. In Entscheidungsketten mit 10 oder mehr Stationen zwischen Kreativen/Ausführenden und dem Kunden wird restlos Alles so klein gemahlen, dass jeder einen Krümel abbekommt - nur ein Kuchen wird daraus nie wieder.

    Die Chefs der Agenturen sind dem Kunden viel näher als ihren eigenen Leuten. Wo soll da die Loyalität und Motivation für ein gutes Produkt herkommen?