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Blogger-Konferenz re:publica: Die Netzgemeinde zersplittert

Ist Google gut oder schlecht? Ist politischer Aktivismus im Netz sinnvoll oder gefährlich? Ist Privatsphäre ein hohes Gut oder ein überkommenes Überbleibsel des Bürgertums? Bei der Bloggerkonferenz re:publica in Berlin wird deutlich: Die Netzgemeinde zerfällt mehr und mehr in Splittergruppen.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0...689087,00.html
  1. #10

    Bipolares Internet

    Das Netz selbst bietet prinzipiell die Wahlfreiheit ob man sich exhibitionieren oder privat bleiben will. Dabei deckt es alle Extreme und Zwischenbreiche ab.
    Problematisch ist es wo Wahlfreiheit auf Quasi-Monopole trifft. Will ich Tweets unter die Leute bringen bin ich auf Twitter angewiesen, wenn ich nicht in exotischer Abgeschiedenheit kommunizieren will. Im Moment des Eintauchens in den Twitter-Space gebe ich aber meine Wahlfreiheit und meine Kontrolle auf. Für diese spezielle Art der Netznutzung gebe ich die Kontrolle über mein digitales Selbst auf und unterwerfe mich einem systemischen Diktat, einer digitalen Diktatur. Parallel läuft es bei allen neuen Nutzungsformen und wird es auch noch bei Web X.0, wenn nicht gegengesteuert wird.

    Dabei darf es nicht um Einschränkungen oder leguslative Zwangsjacken gehen, nein, die staatliche Kontrolle muss sich darauf beschränken, die Monopole in so weit einzuschränken, dass Standards die Nutzung von Techniken durch mehrere Anbeiter ermöglichen. Dann kann der Nutzer mit Anonymitätsbedürfnis sich einen entsprechenden Tweet-Dienst suchen. Die Wahlfreiheit wäre wiederhergestellt.

    Bei VoIP hat man dies schon begonnen und begriffen, dass hier ein diskriminierungsfreier Zugangsstandard notwendig ist, ähnelt VoIP dem klassischen Telefon doch genug um die Prinzipien der ITU ins Netz hinein fortzuschreiben. Gleiches muss mit den bereits entstandenen und allen noch kommenden Diensten im Internet ebenfalls vollzogen werden.

    Nur so kann verhindert werden, dass Monopole, die sich umproprietäre Anwendungsformat bilden, dem Nutzer seine Wahlfreiheit nehmen und ihn in eine digitale Lebensweise zwingen, die seiner Persönlichkeit und Kultur widersprechen. Eine Menschenrechtsverletzung.
  2. #11

    Aktuelles Beispiel

    Zitat von avollmer Beitrag anzeigen
    ... staatliche Kontrolle muss sich darauf beschränken, die Monopole in so weit einzuschränken, dass Standards die Nutzung von Techniken durch mehrere Anbeiter ermöglichen. ...
    Wie sich die Monopolisierung auswirkt, zeigt ein aktuelles Beispielen aus dem Bereich Social Networking: http://www.theregister.co.uk/2010/04...cebook_iphone/
  3. #12

    Zweifel

    Zitat von mpunto Beitrag anzeigen
    Die Netzgemeinde zerfällt ... genau!.
    Und zwar in das Clanwesen, das sie selbst erzeugt. Hallo 15. Jahrhundert!

    Wer meint man könne eine Gesellschaft nur auf digital vermittelter, direkter und persönlicher Kommmunikation aufbauen - ohne repräsentative und hierarchische Referenzsysteme in Medien (Massenmedien, Bücher) und Politik (Wahlen), der erzeugt genau die Gesellschaft, die durch den Buchdruck abgeschafft wurde.
    Die Distribution von Wissen hochgradig monopolisiert und autoritativ (Kirche/Papst = Google).
    Die Ausübung von Herrschaft hochgradig intransparent und an nichts als soziale Herkunft und soziale Einbettung gebunden (Sozialer Stand = "Netzwerk")

    Der Ohnmacht des einzelnen Bürgers gegen willkürliche Angriffe auf die Privatsphäre grenzenlos.

    Der Wohlstand der Allgemeinheit Opfer der Raubzüge von Lobbygruppen und Clans (Adel = digitale Meinungsführer)

    Wer's nicht glaubt, der lese nach bei Marshall McLuhan.
    Ich bin nun wahrlich auch kein großer Fan solcher Konferenzen und der mit ihr einhergehenden Nabelschau aber mir ist trotzdem nicht ganz klar, warum Sie hier gerade McLuhan heranziehen. Der hat doch eigentlich in seinen Schriften genau das Gegenteil postuliert, nämlich dass die 'elektronischen Medien' (wie er sie damals noch so hübsch bezeichnete) die Jahrtausende anhaltende, auch durch den Buchdruck geförderte, Mechanisierung, Fragmentierung und Spezialisierung von Wissen und Handlungen zugunsten unmittelbarer Handlungsmöglichkeit und einer umgreifenden Partizipation beenden.

    Ob diese romantische, wikipedia-philosophische Sichtweise wirklich so eingetreten ist, mag man bezweifeln, aber man könnte den angeblichen 'Zerfall' der Gemeinde auf der re:publica auch so interpretieren, dass es eben jetzt, wo man das neue Medium langsam ein wenig besser versteht, eine umgreifende 'partizipatorische' und 'gleichwertige' Vielzahl von Blickwinkeln auf ein und die selbe Materie gibt, und diese Vielzahl eben die authoratäre Eindimensionalität der Vergangenheit ablöst, die in den 'Expertenbüchern' stand.

    Gejammer über 'Angriffe auf die Privatsphäre' werden Sie bei McLuhan auch nicht finden. Er war viel zu fasziniert von der Eigendynamik und Geschichte von Technologie um als Pate für Aktionismus oder politische Botschaften herzuhalten. Der Grundtenor bei ihm ist ja, dass die Änderungen der menschlichen Verhaltensweisen und Wahrnehmungsmuster – zum Guten oder zum Schlechten – im technischen Medium schon selbst und unvermeidbar eingebaut sind, und sich eben NICHT von außen regulieren, oder kontrollieren lassen ("The effects of technology do not occur at the level of opinions or concepts" – Understanding Media). Die Vorstellung, dass man dies könnte – durch Ausschüsse, Wahlen oder der Forderung nach mehr Datenschutz bei facebook etwa, einer Technologie, die ja qua Design eigentlich radikal auf freiwillige persönliche Offenlegung ausgerichtet ist – hat er sehr treffend als 'Narcissus trance' bezeichnet.
  4. #13

    @simakperrce

    Zitat von simakperrce Beitrag anzeigen
    mir ist trotzdem nicht ganz klar, warum Sie hier gerade McLuhan heranziehen.
    Weil er den Einfluss der Medien (genauer: ihrer technischen Beschaffenheit) auf die gesellschaftliche Entwicklung so treffend beschrieben hat wie kein anderer - da bin ich ganz Ihrer Meinung.

    Unser Dissens beginnt allerdings hier:
    Zitat von simakperrce Beitrag anzeigen
    die 'elektronischen Medien' ...(befördern)...unmittelbare Handlungsmöglichkeit und eine umgreifende Partizipation....

    Ob diese romantische, wikipedia-philosophische Sichtweise wirklich so eingetreten ist, mag man bezweifeln...
    Sie unterliegen genau dem Missverständnis gegen das sich ML schon selbst gewehrt hat.
    Unter Kurzformel "global village"beschreibt er eben nicht eine Art Rousseauschen Naturzustand einer (guten und konfliktfreien) Gesellschaft, sondern er meint genau das Gegenteil: Streit, Fehde und Mißgunst unter Nachbarn. Das Globale Dorf, ist KEIN Modell für eine funktionierende Gesellschaft, sondern eben nur: ein Dorf.

    Neben diesem Dorf gibt es dann ein anderes Dorf, und noch ein anderes, und noch eins, und viele - und darüber ein absolut herrschender politischer Apparat. Voilà: die Zukunft! Jedenfalls, wenn es nach den Netzideologen geht.
    Das sind dieselben Sozialromantiker die früher feuchte Träume von "Globalen Dörfern" hatten.

    Gejammer über 'Angriffe auf die Privatsphäre' kann ich genauso, wie Sie auch ich nicht bei ML finden.
    Die Notwendigkeit im Netz Privatsphäre zu schützen, sehe ich dagegen schon.
    Ich weiss nicht wie Sie es finden wenn ein Herr Schmidt von Google in die Kameras sagt:
    "Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun."

    Ich finde so eine Aussage ist definitiv ein Grund,nicht zu jammern, sondern aktiv zu werden. Denn ICH will nicht zurück ins 15. Jahrhundert. Sie etwa?








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