DPAManche glauben, es genau zu wissen: Wer lügt, der schaut im Fall der Fälle nach rechts oben; wer sich an die Wahrheit hält, blickt eher nach links oben. Alles Quatsch, sagen britische Forscher nun. Lügen lassen sich eben nicht am Blick erkennen.
Sowohl die Studie als auch der Artikel sind schlecht recherchiert
(auch wenn das Ergebnis der Studie sicherlich richtig ist).
Keiner der Begründer der Neuro-Linguistischen Programmierens (NLP) oder seiner Weiterentwickler hat jemals behauptet, man könne anhand der Augenbewegungen eines Menschen erkennen, ob dieser lüge! Im NLP wird in diesem Zusammenhang lediglich von visuellen und auditiven Konstruktionen im Unterschied zu Erinnerungen gesprochen. Fast alle Menschen verwenden permanent sinnesspezifische Konstruktionen, da es den meisten Menschen gar nicht möglich ist, komplette sensorische Erinnerungen abzurufen. (Lediglich die sog. Eidetiker können das mit erstaunlicher Präzision. Eidetiker sind die, die z.B. mit einem Blick eine ganze Telefonbuchseite mental "abfotografieren" können und dann auswendig aufsagen können.) So setzt sich die typische Erinnerung eines Menschen praktisch immer aus bruchstückhafter Erinnerung mit viel hinzu Konstruiertem zusammen.
Von daher hat die zitierte Studie etwas überprüft und zu Recht widerlegt, was niemals an seriöser Stelle behauptet wurde. Bereits 1992 bin ich in meiner inzwischen online verfügbaren Dissertation (NLP & Imagination) u.a. ausführlich auf das NLP-Verständnis der sog. Augenbewegungsmuster eingegangen: ( 3.2.2.2 Nonverbale Hinweise - Rupprecht Weerth: NLP & Imagination )
Als NLP-Ausbilder begegnen mir allerdings in meinen Einführungsseminaren auch immer wieder Menschen, die zuvor in irgendeinem in der Tat unseriösen Kommunikations-, Rhetorik- oder Verkaufstraining das Märchen vom der angeblichen Lügenentlarvung durch Beobachtung der Augenbewegungen eines Menschen gehört hatten. Insofern hat die hier zitierte Studie auch ihr Gutes: die Scharlatane in der Seminar- und Coachingbranche haben es in Zukunft hoffentlich ein wenig schwerer einen derartigen Unsinn zu verbreiten.
Wenig Verständnis habe ich allerdings dafür, das in der ansonsten offensichtlich seriös aufgezogenen Studie( PLoS ONE: The Eyes Don ) dem NLP etwas unterstellt wird, das niemals behauptet wurde. Wie schwach und unseriös die Studie hier vorgegangen ist, zeigt sich u.a. darin, dass in ihr nur eine einzige Arbeit von den Entwicklern und Vertretern des NLP selbst im Literaturverzeichnis auftaucht; und in diesem einzigen zitierten Buch (Richard Bandler & John Grindler: The structure of magic I, 1975) geht es zudem an keiner Stelle überhaupt um Augenbewegungen. (Diese werden erst in später erschienenen NLP-Büchern beschrieben.)
Darüber welche nicht offengelegte Motive die Autoren bei ihrem Vorgehen geleitet haben mögen, kann nur spekuliert werden. Seriös geht aber sicherlich anders.
Wer lügt, muß ein gutes Gedächtnis haben. Zumindest aber muß seine Story gut durchdacht sein und er darf sich nicht in Widersprüche verstricken.
Ich weiß z.B. von einer Bekannten die Polizeibeamtin ist und inzwischen in einer internen Abteilung beim LKA arbeitet, daß man in der polizeilichen Ausbildung viel mehr noch als auf Körpersprache (obwohl diese auch dort gelehrt wird) auf inhaltliche Widersprüche und Plausibilitätslücken trainiert wird, die jemand mehr oder weniger unbewußt mit einer Aussage aufwirft.
Denn Körpersprache kann mitunter mehrdeutig sein, ein Tatverdächtiger kann z.B. einen rastlosen Blick haben und nervös wirken weil er ganz einfach Angst hat sich durch seine Aussagen selbst zu inkriminieren und schuldig zu erscheinen, und in Wirklichkeit ist er aber vollkommen unschuldig. Andererseits kann ein Schuldiger emotional so abgebrüht sein, daß ihn eine Vernehmung gefühlsmäßig völlig kalt lässt.
Man muß also immer das Gesamtbild sehen wenn man "Lügner" entlarven will. Körpersprache kann man sich zur Not auch antrainieren (wie das berühmte "Pokerface") - aber eine wirklich stichhaltige widerspruchsfreie Story zu erfinden, und wohlgemerkt zu erfinden, das ist um einiges schwieriger.
Ein seriöser NLP-Anwender oder Trainer würde niemals die Behauptung aufstellen, die Augenbewegungen ließen einen Schluss über Wahrheit oder Lüge zu. Die so genannten "Augenzugangshinweise" geben dem gut ausgebildeten NLP-Anwender jedoch wertvolle Informationen über das subjektive Erleben seines Gesprächspartners. Er kann sein Erleben in Bildern realisieren (Pupille oben), in Tönen (Pupillen mittig) oder in einem Gefühl (unten). Das ist sehr wertvoll, um z. B. in einem Coaching-Prozess oder in einem therapeutischen Zusammenhang den wirkungsvollsten Zugang zum inneren Erleben des Klienten zu finden, die richtigen Worte zu wählen, und zwischen "erinnert" und "konstruiert" (das ist nicht gleich "gelogen") zu unterscheiden.
Wie gesagt: Ich sprach von seriösem NLP. Sicher gibt es Anbieter, die marktschreierisch behaupten, die Augenzugangshinweise ermöglichten es, Lügner zu entlarven. Das ist unseriös!
mit Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen. Allerdings ist mir in Ihrer Schlussfogerung aufgefallen dass der Autor der Meinung sei im NLP würde behauptet werden man kann Lügner an den Augenbewegungen identifizieren. Ich kann Sie beruhigen DASS können wir nicht! Es ist richtig im NLP gibt es soetwas wie Augenzugangshinweise. Wie das Wort schon nahelegt ist es ein Hinweis welches Repräsentationssystem der Betroffene benutzt. Das heisst aber noch lange nicht dass er lügt wenn er in die "falsche" Richtug guckt. Vielleicht sieht er sich selbst von aussen oder er stellt sich einen abstrakten Begriff vor anstatt sich, wie vom Fragesteller erwünscht, an etwas zu erinnern. Die Augenzugangshinweise sind nur ein sehr kleiner Bestandteil von NLP, in meiner Welt auch eher unwichtig.
Beste Grüsse
Reiner Pröls
http://diamond-training.de