@alle & @spiegel hai
Aber das, was sie da angeprangert haben ist eben auch nicht das was Menschen wie Balule und ich als Multikulturalismus begreifen.
1. Wir erkennen an, wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft leben, dass heißt lediglich, wir leben in einer Gesellschaft deren Mitglieder unterschiedlichster kultureller Herkunft sind. Und jetzt ist ein Fehler direkt einzuwende, "ja aber, die bösen Ausländer in Wedding schließen sich ja selber aus", denn wenn sie die faktische Aussage (1) nicht anerkennen, dann sind sie es der die anderen von vorneherein ausschließt. Haben wir dies einmal als Tatsache anerkannt, dass die Mitglieder unserer Gesellschaft unterschiedlichste kulturelle Hintergründe haben, dann fällt es leicht den eigentlichen Standpunkt des Multikulturalismus einzunehmen:
2. Wenn es problematische oder begrüßenswerte Entwicklungen gibt, die mit der Unterschiedlichkeit der Hintergründe der Mitglieder unserer Gesellschaft zu tun haben, dann sind diese Entwicklungen nicht ein Problem zwischen "uns" und "ihnen" sondern ein Problem zwischen verschiedenen Mitgliedern unserer Gesellschaft, also ein innerdeutsches Problem.
Es ist dieser Schritt, der essentiell ist für ein modernes Verständnis von Multikulturalismus. Da ist keine Rede von Aufhebung des Rechts, niemand sagt dass Mitglieder unserer Gesellschaft mit Migrationshintergrund nicht kritisiert werden dürfen und niemand behauptet dass es keine Probleme im Zusammenhang mit Migration und Integration gibt. Es ist eine sehr minimale Definition von Multikulturalismus, aber sie hat den Vorteil, dass sie konsensfähig sein sollte!
In England sind (1) und (2) eine Selbstverständlichkeit, da kann ich Balule nur Recht geben. Das bedeutet nicht dass es keine Einkommensunterschiede oder Beschimpfungen gibt, aber es bedeutet eben, dass ausser ein paar nicht mehrheitsfähigen Spinnern von der BNP die Menschen erstmal als Briten akzeptiert werden, bevor man sie wegen irgendetwas (z.B. mangelnder Integrationsbereitschaft) kritisiert.
Neben (1) und (2) gibt es noch weitere wichtige Aspekte von Multikulturalität, ich kann gerne ein paar benennen, die nicht mit Selbstaufgabe oder falsch verstandener Andersbehandlung zu tun haben, hier sei nur ein Aspekt genannt: gerade das nicht-Andersbehandeln ist der Schlüssel für einen konstruktiven Umgang miteinander. Das ist schwierig, wir alle haben Vorurteile, auch der türkisch-stämmige Friseur aus Wedding. Aber wir sollten bereit sein sie abzubauen bzw. uns nicht ausschließlich von Ihnen leiten zu lassen. Denn letztendlich gehört Andersbehandlung nicht in unseren zwischenmenschlichen alltäglichen Umgang, sondern ist ausschließlich Sache der Politik.
Ich würde behaupten, dieser Begriff von Multikulturalismus, und sei es in seiner minimalen Form von (1) und (2), ist ein wenig differenzierter als "Alles ist super und wir tolerieren alles" oder "Ausländer raus (wenn sie nicht bereit sind genau so zu sein wie ich)". Vielleicht können wir ja auf der Basis miteinander weiter reden, ohne uns gegenseitig als naiv zu bezeichnen.



