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Arbeitswelt-Kritiker Ebermann: "Da wünsch ich mir die Service-Wüste zurück"
Sven HeineEin Lied auf Edeka! Ein Song auf Kaufland! Viele Firmen haben eigene Hymnen. Der Grünen-Mitbegründer Thomas Ebermann hat ein bissiges Satirestück dazu geschrieben. Im Interview sagt der Alt-Linke, warum Konzern-Kompositionen ernsthaft schädlich sind - und Humankapital eine doofe Idee ist.
http://www.spiegel.de/kultur/gesells...819845,00.html
- #1 09.03.2012 14:24 von
- #2 09.03.2012 15:07 von
Also ich hätt auch öfter mal gern die gute alte Servicewüste zurück. Da waren z.B. die Bahnmitarbeiter weniger schick und mehr muffelig, aber dafür waren 15 cm Neuschnee auch noch keine Schneekatastrophe mit stundenlangen Verspätungen. Ich kann mich auch an keine Dienstreise der letzten 12 Monate erinnern, wo mal kein Klo in der ersten Klasse kaputt war..
Und irgendwie wars bei der Bundespost auch einfacher, einen Telefonanschluss zu kündigen, als man heute so einen windigen Provider loswird, dem man mangels Adresse auf den Webseiten nicht mal ein Einschreiben schicken kann und der behauptet, die Faxe nicht bekommen zu haben.
Auch Selbstverwirklichung im Beruf ist irgendwie was Feines, wenn der Arbeitgeber denn nur genug von einem übrig lässt, als dass man auch mal noch was anderes machen kann, als im Job verfügbar zu sein. So langsam stinkts mir, wenn ein Kunde mitten auf dem Kindergeburtstag unserer Tochter auf meinem Privathandy anruft, weil mein Mann sein Firmenhandy am Wochenende tatsächlich mal abgestellt hat. Oder wenn meine Firma mich im Urlaub beim Sandburg-Bauen aufscheucht, weil versäumt wurde, dass ja morgen ein Termin ist, wo man noch Informationen von mir braucht, die man auch locker 4 Wochen vorher hätte erfragen können. Och nöö, wirklich, es reicht so langsam. - #3 09.03.2012 15:23 von
Etwas Neues?
Ebermann scheint Firmenhymnen für etwas Neues zu halten. Da irrt er sich. Z.B. hatte DUGENA schon in den 1960er Jahren eine unfreiwillig sehr komische Hymne. Kein thema kann so abseitig sein, als dass man sich nicht mit unsorgfältiger Recherche blamieren könnte.
- #4 09.03.2012 18:50 von
Nicht mehr allein
Ich bin nicht mehr allein. Dachte schon, daß die Herrschaft der Trainer, Coaches, Rollenspieler schon zu weit fortgeschritten ist. Was ist es angenehm, authentische Menschen zu treffen. Heute muss man wohl trainiert sein für jede Tätigkeit, in den Serviceberufen kann man auch von dressiert sprechen.
Nur ein Beispiel: Wenn ich im Café sitze, kommt garantiert jemand vorbei, wenn ich alles habe und fragt: Ist alles soweit in Ordnung? Wenn ich noch einen Kaffee will, ist kein Mensch mehr mehr da. Die eingelernten Floskeln begleiten einen überall, und ich persönlich finds nicht mehr feierlich.
Danke für diesen Beitrag, ich fühl mich nicht mehr so allein auf dieser Welt. Kampf den Trainern, Zertifizierern und Dressierern! - #5 09.03.2012 20:51 von
Zustimmung!
ich kann dem nur zustimmen - die mit der BWL-Marketing-Peitsche erzwungene Gute-Laune-Dressur ist unerträglich. Grantige, aber kompetente Kräfte erlebt man fast nur noch im Baumarkt. Meist wird einem irgendetwas zombiehaft fröhlich vorgepfiffen, und bei Nachfrage ist dann sofort die Nullinie erreicht.
Allerdings sind Firmenhymnen auch herausragendes Kulturgut. In den 80ern gab es eine Finanzfirma irgendwo in Niedersachsen. Da hieß es: "Bei uns gibts keine Nieten, sondern nur hohe Renditen. Ja, was machte uns so stark? Das ist die harte deutsche Mark" - ist doch besser als jedes Kabarett. Man vergesse auch nicht Loriot: "Meine Schwester heißt Poly-Ester" ... Das ist ein unersetzlicher Fundus der Komik. - #6 09.03.2012 21:32 von
Froh ist unser Sinn
Die erste Firmenhymne, die ich kennengelernt habe, ging so:
Ob’s stürmt oder schneit,
ob die Sonne auch lacht,
der Tag glühend heiß,
oder eiheiskalt die Nacht,
verstaubt sind die Gesiehichter,
doch froh ist unser Sinn,
ja unser Sinn,
es braust unser Panzer
im Sturmwind dahin.
(Kann auch heute noch auf Youtube besichtigt werden.) Und die von Ebermann angesprochenen Hymnen werden wohl in den zivilen Marketing-Feldzügen eine ganz analoge Funktion haben. Und ich meine immer, sie könnten ganz analog nur nach hinten losgehen: Wenn ich z.B. ganz harmlos kurz vor der vollen Stunde das Radio einschalte (zwecks der Nachrichten), dann kriege ich mindestens zwei Minuten lang echt unerfreuliches und unmelodisches Zeugs ins Ohr geträllert und gesäuselt, z.B. hinsichtlich der Reparatur von Steinschlagschäden an PKW-Windschutzscheiben (was ja an sich durch & durch eine gute Sache ist), usw., usw.
Merken die nicht, wie sie nerven, oder nervt das mittlerweile schon kaum noch jemanden?
Oder werden für das Singen, Tanzen & Springen evtl. so hohe Honorare gezahlt, die die Unternehmen dann als Betriebsausgaben steuerlich absetzen können, daß der ganze Klamauk sich mittels kreativer Buchführung irgendwie rechnet? - #7 09.03.2012 22:04 von
Totalitarismus in Unternehmen ?
Gut erkannt....
Vielleicht liegt es an meiner Vita - aber ich finde weder die sehr realen Hymnen noch das Kabarett besonders spaßig ! Es hat ein stalinistisches Geschmäckle....
Es ist die Wiederholung des Totalitarismus, den wir in Osteuropa erlebt haben: wer erinnert sich nicht an die dümmlichen Phrasen und Losungen vom sozialistischen Wettbewerb, Qualität, Planerfüllung, die Massenveranstaltungen, die Zwänge die den Einzelnen klein machen, die Individualität ausrotten und alles dem hehren Ziel "Sozialismus" (bzw. was man als solchem verordnet bekam) unterordnen sollten...
Was würde mit lohnabhängig Beschäftigten passieren, die sich weigern derartigen Quatsch mitzumachen ???
Richtig: die werden wohl abgemahnt, gemobbt und als erste entlassen. Es entsteht ein Klima der Duckmäuserei, der Angst (Existenzangst, Mobbing und Druck sind zwar noch kein Gulag - aber die Wirkungsweise ist die Gleiche !!!), des oberflächlichen Scheins, der beim ersten Problem in sich zusammenbricht.
Und hat sich dadurch die Eigenmotivation der Menschen, die Leistung und Qualität steigern lassen ??!! (Sicherlich nicht - so etwas muss aus eigenem Antrieb, gelebte Erfahrung und Praxis geschehen - und nicht per Hymne, Vereinnahmung und Gängelung bzw. Motivationstraining, Coaching und bestechlicher Zertifizierung).
Es ist die dümmliche Denke auf business schools ausgebildeter und gleichgeschalteter (Marketing ? Personaler ? ) - Management-Gurus (oder eben von Firmenpatriarchen nach Gutsherrenart) - vielleicht sogar eine in deren Unterbewusstsein schlummernde Allmachtfantasie - mit derartigen Methoden Identifizierung, Engagement und Kreativität herbeizüchten zu können. Es fehlt nur noch der tägliche Massendrill/-sport, wie er in manchem asiatischen Unternehmen beobachtet wird....
Wer Service und Leistung von Mitarbeitern steigern will muss sie als PARTNER, echte MENSCHEN mit ihren Eigenarten, Stärken und Schwächen behandeln und sie ehrlich am Erfolg beteiligen und sie bei Problemen nicht gleich aussortieren (echte Gestaltungsspielräume, statt Partizipation vorzugaukeln...). So was nennt man Integrität. So etwas – eine Firmenkultur, die Mitarbeiter und deren Identifizierung zu entwickeln benötigt Zeit und ehrlichen Umgang/Wertschätzung. Das fehlt im Zeitalter des totalen (Finanz-) Marktes, wo sich alles nur noch am Quartalsergebnis und Börsenkurs orientiert…
Wenn man aber um JEDEN Preis shareholder value oder Gewinne des Eigentümers generieren - und eben nicht mehr fair beteiligen und gemeinsam gestalten will - dann kommt man wahrscheinlich auf die abstruse Idee von Firmenhymnen - die schon irgendwie an Potemkinsche Dörfer erinnern....anderswo nannte man so was (zurecht) Indoktrinierung. - #8 09.03.2012 23:06 von
Als Freelancer kann ich mir eine ironische Distanz erlauben und das Thema lustig finden. Wäre ich festangestellt und müßte mitsingen ... solch geistige Vergewaltigung wäre ein Kündigungsgrund. Wenn man es sich denn leisten kann zu kündigen ...
- #9 09.03.2012 23:38 von
So einen Schwachsinn ...
... mit den Firmen-Hymnen hat es nicht einmal in der DDR gegeben. Denn dort hätten die Arbeiter sich dagegen gewehrt.
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